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Kenji Goto : Ein pazifistisches Land schwört Rache

Trauer und Wut: Demonstranten in Tokio geben Ministerpräsident Abe eine Mitschuld an der Ermordung des prominenten Journalisten Kenji Goto. Bild: dpa

Die Ermordung des prominenten Journalisten Kenji Goto durch den „Islamischen Staat“ hat Japan erschüttert. Die Opposition wirft Premierminister Shinzo Abe vor, die Geiselkrise provoziert zu haben. Das pazifistische Land ist zutiefst verunsichert.

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          „Wir hätten uns da nicht einmischen dürfen“, sagt eine Passantin im Tokioter Stadtteil Shibuja – und spricht damit aus, was viele Japaner denken. In der Hand hält sie die Sonderausgabe einer Tageszeitung, die eigens gedruckt wurde, um die Nachricht von der mutmaßlichen Ermordung des prominenten Journalisten Kenji Goto durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zu verbreiten. „Jetzt ist auch Japan ein Feind der Islamisten“, sagte die Passantin am Bahnhof von Shibuja. Eine andere Frau pflichtet ihr bei: „Ich habe Angst, vielleicht kann es sogar hier einen Angriff geben.“

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Gotos Ermordung – nur wenige Tage nach dem Mord an einer ersten vom IS verschleppten japanischen Geisel – hat das Land mit der pazifistischen Verfassung tief verunsichert. Die Terroristen hatten in der Nacht zum Sonntag ein Video ins Internet gestellt, das mutmaßlich die Enthauptung Kenji Gotos zeigt. Wie in früheren IS-Videos ist die Geisel kniend in einem orangefarbenen Overall zu sehen, der an die Häftlingskleidung im amerikanischen Gefangenenlager Guantánamo erinnern soll. Anschließend zeigt ein Standbild den vermutlich abgetrennten Kopf des 47 Jahre alten Japaners. Ein in Schwarz gekleideter IS-Kämpfer droht dem japanischen Regierungschef Shinzo Abe damit, „ein Massaker zu veranstalten, wo auch immer deine Landsleute zu finden sind“. Der Mann spricht mit südenglischem Akzent und ist schon aus früheren Videos bekannt. „Eine ganze Armee dürstet nach eurem Blut“, sagt er.

          Ministerpräsident Abe unter Druck

          Der japanische Kabinettsminister Yoshihide Suga sagte am Sonntag auf einer Pressekonferenz in Tokio: „Das Video ist sehr wahrscheinlich echt.“ Er selbst habe morgens gegen fünf Uhr von dessen Existenz erfahren. Die Regierung nehme nun an, dass der IS nach Ablauf des Ultimatums auch die zweite japanische Geisel enthauptet habe. Regierungschef Abe sprach von einer „verabscheuungswürdigen terroristischen Tat“. Gleichzeitig zeigte er sich entschlossen, dass Japan sich dem Terror nicht beugen werde. „Wir werden den Terroristen niemals vergeben“, sagte der Ministerpräsident, dem die Erschütterung über den Mord anzusehen war. Japan werde seiner Verantwortung beim Kampf der internationalen Gemeinschaft gegen den Terrorismus gerecht werden, und sicherstellen, „dass sie für ihre Sünden zahlen müssen.“

          Innenpolitisch gerät Abe nach dem Tod der beiden Geiseln unter Druck. Er hatte bei seiner Nahostreise in Kairo am 17. Januar in einer Grundsatzrede 200 Millionen Dollar Unterstützung für jene Länder zugesagt, die Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak aufgenommen haben und den IS bekämpfen. Diese Zusage passte in die Strategie Abes, Japan international politisch und militärisch größeres Gewicht zu verschaffen. Drei Tage nach der Rede veröffentlichte der IS sein erstes Video und drohte mit der Ermordung der beiden Geiseln, wenn Japan nicht 200 Millionen Dollar Lösegeld zahle.

          Politiker der Opposition werfen dem Regierungschef nun vor, mit seiner Rede in Kairo die Geiselkrise erst provoziert zu haben. Zum Zeitpunkt seiner Rede hatten sich die beiden Japaner bereits seit einigen Monaten in der Gewalt der Terroristen befunden. Er hätte sich zurückhalten müssen, meinen Abes Kritiker. Der Zusammenhang zwischen Abes Auftritt und der Ermordung der Geiseln solle nun im Parlament „genau untersucht werden“, forderte ein Abgeordneter der Sozialdemokraten am Sonntag. Auch in oppositionellen japanischen Medien wurde bereits am Sonntag die Frage nach der Verantwortung Abes gestellt.

          Verbleibt eines entführten jordanischen Piloten weiter unbekannt

          Goto, der als Journalist in Syrien arbeitete, war in Gefangenschaft geraten, als er versucht hatte, die IS-Terroristen dazu zu bringen, seinen verschleppten Landsmann Haruna Yukawa freizulassen. Nach der Ermordung Yukawas vier Tage nach dem ersten Video hatten die Terroristen statt Lösegeld die Freilassung einer in Jordanien inhaftierten islamistischen Terroristin gefordert. Die Regierung in Tokio hatte die vergangene Woche genutzt, die jordanische Regierung zu diesem Austausch zu drängen.

          Unerwähnt blieb im aktuellen Video das Schicksal des ebenfalls entführten jordanischen Piloten Moaz Kasasbeh. Der 26 Jahre alte Oberleutnant war an Heiligabend mit seinem Kampfflugzeug über Syrien abgestürzt und vom IS gefangengenommen worden. Die jordanische Regierung kündigte am Sonntag an, sie sei entschlossen, „alles zu tun“, um Kasasbeh zu retten.

          Zugleich verurteilte ein Regierungssprecher die Tötung der japanischen Geisel. Man habe sich gemeinsam mit Japan um die Freilassung Gotos bemüht, sagte er laut der Nachrichtenagentur Petra. In Amman wartet man seit Tagen auf ein Lebenszeichen des Piloten, der einem einflussreichen Stamm angehört. Sollte er lebend von den Terroristen übergeben werden, hat sich Jordanien im Gegenzug bereit erklärt, die zum Tode verurteilte irakische Terroristin Sadschida al Ridschawi freizulassen.

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