https://www.faz.net/-gpf-7mwrh

Janukowitsch : „Ich bin nirgendwohin geflohen“

„Von allen Seiten“ beschossen: Viktor Janukowitsch in Rostow am Don Bild: REUTERS

Viktor Janukowitsch sieht sich noch immer als rechtmäßiger Präsident seines Landes. Seine Rede zeigt die Hilflosigkeit eines Mannes, der sowohl in Kiew als auch in Moskau kaum noch Verbündete hat.

          2 Min.

          Mit lauter Stimme und mehr als eine Stunde lang sprach Viktor Janukowitsch am Freitagnachmittag in Rostow am Don. Die Stadt liegt im äußersten Südwesten Russlands, die Grenze zur Ukraine ist nicht weit. Deutlich wurde, was spätestens nach der Erklärung, die drei russische Nachrichtenagenturen am Donnerstag veröffentlicht hatten, bekannt war: Janukowitsch betrachtet sich noch immer als Präsident des Landes. Doch konnte er bei der am Donnerstagabend angekündigten Pressekonferenz, dem ersten Auftritt nach seinem Verschwinden am Samstagmorgen, nicht darüber hinwegtäuschen, dass er selbst keine Möglichkeit hat, das Amt, das er weiterhin für seines hält, wieder auszufüllen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          „Ich bin nirgendwo hin geflohen“, sagte Janukowitsch, dessen Worte live im Staatsfernsehen übertragen wurden. Laut russischen Medienberichten war ein Flugzeug mit Janukowitsch an Bord am Donnerstagabend um 22 Uhr von einem Militärflughafen im Nordwesten von Moskau nach Rostow am Don gestartet; laut anderen Berichten hingegen war er schon am Dienstag dort angekommen. Wo genau er seit Samstag war und wie er nach Russland kam, ließ Janukowitsch offen.

          Neuerlich erzählte er, wie das Auto, in dem er am Freitagabend von Kiew nach Charkiw gefahren sei, noch in der Hauptstadt beschossen worden sei, „von allen Seiten“. Als Stationen seiner Reise nannte er dann nach Charkiw noch Donezk und den Flughafen von Lugansk nahe der Grenze zu Russland. Dann sei er auf die Krim gereist. So wollte er seine Tour durch den Osten der Ukraine verstanden wissen, keinesfalls als Flucht. Auch Angst habe er keine gehabt: Die Route sei aufgrund der „Sicherheitsbedingungen“ entschieden worden. Nach Rostow am Don sei er gekommen, weil ein „alter Freund“ in der Nähe wohne. Wie er überhaupt nach Russland gekommen sei, fragte ein Journalist. Janukowitsch verwies auf „patriotisch gestimmte Offiziere“, die geholfen hätten, „mein Leben zu schützen“.

          Eine Reise, keine Flucht

          Im dunklen Anzug und vor vier blau-gelben ukrainischen Fahnen sprach Janukowitsch. Er sagte, er wolle für die Zukunft der Ukraine kämpfen, rügte die „profaschistischen Kräfte“, die in Kiew die Macht übernommen hätten, erneuerte den Vorwurf, das Abkommen mit der Opposition vom Freitag voriger Woche sei nicht erfüllt worden. Er, Janukowitsch, habe auf das Wort der Außenminister der westlichen Staaten – Deutschlands, Polens und Frankreichs – vertraut, die „faktisch als Garanten“ aufgetreten seien, und sei „zynisch betrogen“ worden.

          Zugleich schien Janukowitsch ein Angebot unterbreiten zu wollen: Wenn das Abkommen, das ihm vorerst einen Verbleib an der Macht erlaubt hätte, erfüllt werde, würde es die Situation in der Ukraine beruhigen. Janukowitsch sagte auch, er werde „sofort“ in die Ukraine zurückkehren, wenn die „Bedingungen meiner Sicherheit und der meiner Familie erfüllt sind“.

          Hinzu kamen Worte wie die, die russische Politiker nutzen, wenn sie die Situation in der Ukraine beschreiben. Die „widerrechtliche“ Entscheidung des ukrainischen Parlaments, ihn abzusetzen, sei unter dem Druck automatischer Gewehre ergangen. Die Anklage gegen ihn wegen „Massentötungen“ vernichte den Staat. Einen Schießbefehl habe er nicht gegeben. Vielmehr seien die Kämpfer der Sondereinheit „Berkut“ „verbrannt, beschossen und getötet“ worden. Er habe sich bei ihnen entschuldigt. „Alles“, was auf der Krim passiere, sei eine Reaktion auf die Handlungen der „Banditen“ in Kiew. Die Krim müsse allerdings Teil der Ukraine bleiben.

          Den Mann, der nun für seine Sicherheit garantieren will, Russlands Präsidenten Wladimir Putin, hat Janukowitsch nach eigener Aussage noch nicht getroffen. Man habe telefoniert, sagte er, man wolle sich treffen, aber wann, das sei noch nicht klar. Um Waffenhilfe wolle er Putin nicht bitten, aber um Russlands Hilfe bei der Lösung der Krise. Aber Putin schweige, sagte Janukowitsch. Da wurde hinter dem polternden Ton seiner Worte die ganze Hilflosigkeit des Mannes offenbar.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

          Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

          Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
          Das war nichts: Axel Witsel (Zweiter von links) und Borussia Dortmund verlieren in Mailand.

          Pleite in Champions League : Dieser BVB reicht nicht

          Mit der ersten Chance trifft Inter Mailand gegen Dortmund. Der BVB erholt sich davon bis zum Schlusspfiff nicht und muss sogar noch einen weiteren Rückschlag einstecken. Besonders eine Situation dürfte die Borussia deshalb besonders ärgern.
          Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

          Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

          In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.