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Gastbeitrag James Kirchick : Die Opfer des Kommunismus verdienen ein Denkmal

  • -Aktualisiert am

Idol des linken Mythos: Ernesto „Che“ Guevara auf einem T-Shirt: Warum vergessen die Menschen, dass der Mann ein Soziopath war, der Massenmord beging? Bild: dpa

Der Kommunismus ist die tödlichste Ideologie der Geschichte. Es ist an der Zeit, endlich mit dem linken Mythos aufzuräumen, er sei nur falsch verstanden worden - und könne nichts für die Millionen Toten, die er gefordert hat.

          Vor nicht allzu langer Zeit habe ich das Denkmal für die Opfer des Kommunismus gegenüber einem Bekannten erwähnt. Es ist ein Bronzemodell der Statue, die chinesische Studenten 1989 auf dem Tiananmen-Platz errichteten, kurz bevor die Volksbefreiungsarmee dort tausende friedliche Demonstranten hinrichtete. Diese Statue steht auf einem kleinen Fleckchen in der Nähe der Union Station in Washington, D.C. Zahllose Menschen laufen jeden Tag daran vorbei. Wahrscheinlich nehmen sie das Denkmal aber gar nicht wahr oder wissen nicht, warum es dort steht. „Der Kommunismus war nicht für irgendjemandes Tod verantwortlich“, sagte mein Gesprächspartner. „Sondern die beknackten Anführer.“

          Wie oft haben Sie diese Aussage schon in anderen Formulierungen gehört? „Der Kommunismus ist eine großartige Theorie, er funktioniert nur in der Praxis nicht.“ Ich wünschte, das wäre die einzige Meinung dazu, die mir noch aus Diskussionsrunden im Studentenwohnheim in Erinnerung ist. („Gut“, antwortete ich ungläubig, „wie viele Menschen müssen denn noch sterben, bevor wir das kapieren?“)

          Weltweites Wiederaufleben des Marxismus

          Die Auffassung, dass marxistisch-leninistische Ideologie nicht für die 100 Millionen Toten verantwortlich sei, die durch kommunistische Regime angeordnet wurden, gehörte unglücklicherweise lange zum guten Ton in breiten Teilen der intellektuellen Elite. Wie die Bemerkung meines Freundes und zahlreiche andere Beispiele beweisen, hält sich diese Weltanschauung auch unter den Millenials (den jungen Menschen, die zwischen dem Ende der 80er und den 2000er Jahren geboren wurden).

          Zwangsarbeit für die sozialistische Rekonstruktion Moskaus: Die Häftlinge des Lagers Dmitlag beim Bau des Moskau-Wolga-Kanals. Er war eines der größten Vorhaben im Fünfjahresplan 1932-1937. Das Lager Dmitlag war damals das größte innerhalb des Gulag.

          Das Wiederaufleben des Marxismus ist schwer in Zahlen zu fassen. Dennoch kann man es deutlich sehen: an den populistischen Reaktionen auf die weltweite Finanzkrise, am Aufstieg der Parteien des äußeren linken Spektrums rund um den Globus (zum Beispiel die Entwicklung der Linken zur Oppositionspartei in Deutschland), und an der wachsenden Popularität einst obskurer Figuren wie Slavoj Zizek, einem marxistischen Kultur-Kritiker aus Slowenien. Im vergangenen Jahr schrieb die New York Times über eine Zeitschrift mit dem passenden Namen „Jacobin“: „ein Magazin, das sich der Aufgabe widmet, neomarxistisches Denken frei von Jargon unter die Massen zu bringen“. Im Januar veröffentlichte der Rolling Stone – herrlich ahnungslos gegenüber seiner eigenen Rolle in der Verbraucherwirtschaft – ein Stück, das überall diskutiert wurde. Darin wurde die Regierung aufgefordert, die Jobs für jedermann zu sichern, Privateigentum abzuschaffen und „das Land zurückzuerobern“. Das einzige, was in diesem Gesetzentwurf noch fehlte, war die Auslöschung der Bourgeoisie.

          Gedächtnisschwund einer ignoranten Gesellschaft

          Die steigende Sorge über die Einkommensungleichheit in Amerika, die sich in Form von Occupy Wall Street und Präsident Barack Obamas Herumreiten auf diesem Thema ausdrückt, ist allein noch kein Anzeichen dafür, dass sich eine Generation nach dem Kommunismus sehnt. Trotzdem spielt sich all dies schon auf der Skala ab, die im Extremfall dazu führen kann, dass die Schrecken des Kommunismus vergessen werden. „Der Schlüssel dazu, die Wiedergeburt des Marxismus im Westen zu verstehen“, hieß es 2012 in einem Artikel des „Guardian“, liegt darin, dass er „für junge Menschen nicht mit den Assoziationen von Stalins Gulags befleckt ist“. Dieser rückblickende Gedächtnisschwund offenbart zum einen die Ignoranz einer Generation gegenüber der Ideologie und Natur des Kommunismus, zum anderen zeigt sie die Notwendigkeit, die Öffentlichkeit über dessen Schrecken zu unterrichten.

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