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Jamal Khashoggi vermisst : Vom geachteten Journalisten zum Staatsfeind

Hoffnungsvoll: Friedensnobelpreisträgerin Tawakkol Karman mit Demonstranten vor dem saudischen Konsulat in Istanbul Bild: dpa

Der verschwundene saudische Journalist Jamal Khashoggi entschied sich für das Exil, um offen Kritik zu üben. Er lehnte den saudischen Kronprinzen ebenso ab, wie er ihn fürchtete.

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          Recep Tayyip Erdogan hat sich der Sache persönlich angenommen. Der seit einer Woche vermisste saudische Journalist Jamal Khashoggi sei ein Freund, den er schon lange kenne, sagte der türkische Präsident. „Ich gehe der Angelegenheit nach“, versicherte er. „Wir werden die Ergebnisse selbstverständlich mit der Welt teilen.“ Und Erdogan wollte zumindest öffentlich noch nicht vom Schlimmsten ausgehen. „So Gott will, werden wir nicht mit einer Situation konfrontiert sein, die wir nicht wollen. Ich habe noch Hoffnung“, sagte er.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Diese Worte des türkischen Präsidenten vom Sonntag standen in Widerspruch zu den düsteren Befürchtungen, die zuvor aus seiner Polizei und Regierungsmannschaft geäußert worden waren. Khashoggi, ein prominenter Kritiker der saudischen Führung, sei möglicherweise im Generalkonsulat seines Landes in Istanbul ermordet worden, dann habe man seinen Leichnam womöglich zerteilt und aus der diplomatischen Vertretung geschmuggelt. Riad bestreitet das energisch.

          In Ungnade gefallen

          Vergangenen Dienstag war Jamal Khashoggi für einen bloßen bürokratischen Akt im Konsulat erschienen, wo man ihn Tage zuvor auf diesen Termin vertröstet hatte. Er brauchte eine Bestätigung für die Scheidung von seiner saudischen Ehefrau. Er wollte wieder heiraten, das neue Leben voranbringen, das er außerhalb seines Heimatlandes aufbauen musste, seit er vergangenes Jahr ins Exil ging.

          Dort war er nicht mehr sicher, seit er bei der Führung in Ungnade gefallen war – allen voran beim neuen starken Mann des Königreichs: Kronprinz Muhammad bin Salman, den er immer wieder für den Krieg im Jemen, die Blockade gegen Qatar oder die Repression im Inneren kritisierte. Jetzt herrscht Furcht bei Khashoggis türkischer Verlobten, unter Freunden und Weggefährten, dass diesem neuen Leben ein brutales Ende gesetzt wurde.

          Jamal Khashoggi in 2012.

          Es hat nicht lange gedauert, bis der 59 Jahre alte Khashoggi vom geachteten Journalisten zum Staatsfeind wurde, der das Gefühl hatte, seines Lebens nicht mehr sicher zu sein. Dabei ist oder war er kein Umstürzler, der die saudische Monarchie abschaffen oder Muhammad bin Salman in seinem Aufstieg behindern wollte. Eher ein notorischer – bisweilen kontroverser – Querkopf. Den Kronprinzen lobte Khashoggi im Januar 2016 noch für die „Energie“, die er ins verkrustete saudische System injiziere. Er besuchte damals eine große Wirtschaftskonferenz in Riad, auf der die Führung für das Reformprogramm des Kronprinzen warb.

          Khashoggi konnte auf den Fluren kaum ein dutzend Schritte gehen, oder ein paar Minuten sitzen, ohne dass er in ein Gespräch verwickelt worden wäre. Er spottete über die Ausländer in den teuren Anzügen, die Muhammad bin Salmans Agenda 2030 maßgeblich mitgeschrieben haben und das „Zeitalter der Berater“, das jetzt in Saudi-Arabien angebrochen sei. Er warb für mehr Toleranz in einem Land, das nach wie vor zwischen Befürwortern und Gegnern der rasanten gesellschaftlichen Öffnung gespalten ist. „Wir brauchen eine Kultur der Toleranz. Wenn wir eine solche Kultur nicht schaffen, werden wir nie aufhören, uns gegenseitig anzugreifen“, sagte er damals und schüttelte den Kopf darüber, dass Saudi-Arabien seinem Glück selbst im Weg stehe. „Wir haben alle nötigen Zutaten. Eine Regierung, die Reformen will, eine gebildete Klasse, jede Menge Geld“, sagte er. „Aber wenn man alles zusammenwirft, funktioniert es nicht.“

          Die Toleranz für Dissens ist in Saudi-Arabien mit dem Aufstieg des Kronprinzen geringer geworden. Gut ein Jahr später wollte Jamal Khashoggi mit solchen Sätzen nicht mehr namentlich zitiert werden. Er hieß die gesellschaftliche Öffnung nach wie vor gut, aber er fürchtete die harte Hand des Kronprinzen ebenso, wie er sie ablehnte. Die Regierung verhängte einen Maulkorb gegen Khashoggi. Im Sommer 2017 beschloss er, sich in die Vereinigten Staaten abzusetzen.

          In einem Beitrag für die Zeitung „Washington Post“ erklärte Khashoggi im September 2017 diesen Schritt. Er wolle nicht mehr stumm bleiben aus Angst um seinen Job oder seine Familie. „Ich habe eine andere Wahl getroffen“, schrieb Khashoggi. „Ich habe meine Heimat, meine Familie und meinen Job verlassen und ich erhebe meine Stimme. Sonst würde ich jene verraten die im Gefängnis darben. Ich kann sprechen, während so viele es nicht können.“ In dieser Zeit machte er am Telefon noch Witze darüber, dass er sich nun wohl Möbel für sein neues Heim besorgen müsse.

          Er wollte die Brücken in die Heimat aber nicht abbrechen, äußerte die Hoffnung, einen Weg zurück und aus der Ungnade zu finden. Aber er sparte nicht mit Kritik am Kronprinzen, die sich nicht zuletzt mit Kommentaren in der Zeitung „Washington Post“ auf einer prominenten Plattform im Land des wichtigsten Verbündeten Saudi-Arabiens verbreitete.

          Alte Garde, neue Garde

          Aber nicht nur die Reichweite der amerikanischen Zeitung machte Khashoggi zu einem unangenehmen Kritiker für die Führung in Riad. Der Vetter des Waffenhändlers Adnan Khashoggi war kein Dissident, der sein Leben im Ausland verbrachte und von dort die Monarchie kritisierte. Khashoggi war lange Teil des Establishments, nah an der Macht und der Königsfamilie, ohne dabei bloß deren Sprachrohr zu sein. Doch es war die alte Garde, auf die er Einfluss hatte.

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          Der Vorgänger der jetzigen Monarchen, König Abdallah, hörte Khashoggi noch zu, der Journalist arbeitete Anfang des neuen Jahrtausends in London und Washington für den früheren Geheimdienstchef Turki al Faisal. Kurz davor war er als Chefredakteur der reformorientierten Zeitung „Al Watan“ angeeckt und nach weniger als zwei Monaten vom saudischen Informationsministerium entlassen worden. Eine spätere, etwa drei Jahre währende Amtszeit an der Spitze der Zeitung endete ähnlich. Khashoggi leitete den in Bahrein angesiedelten Fernsehsender Al Arab, der im Februar 2015 gerade einmal elf Stunden auf Sendung war, ehe er wieder geschlossen wurde. Der Milliarden von Dollar schwere saudische Prinz Waleed bin Talal war der Financier des Senders – und er war unter denen, die der Kronprinz vergangenen November unter Korruptionsvorwürfen im „Ritz Carlton“ in Riad festsetzen ließ.

          Erdogan dürften solche Sätze gefallen

          Anhänger der neuen Garde unter dem Kronprinzen wüten über die weite Solidarität, die der verschwundene Jamal Khashoggi derzeit in aller Welt erfährt, und diskreditieren ihn als „Terrorunterstützer“. Sie meinen damit allerdings nicht in erster Linie seine Nähe zum jungen Usama bin Laden. Khashoggi war in den achtziger Jahren mit dem Al-Qaida-Gründer durch Afghanistan gereist und hatte, obwohl er sich vom radikalen Islamismus distanzierte, enge Kontakte in seine Organisation, die ihm nach Berichten von Weggefährten immer wieder in Schwierigkeiten brachten.

          Der amerikanische Al-Qaida-Experte Peter Bergen sagte der Zeitung „Washington Post“, damals sei Khashoggi nach seinen eigenen Worten religiös gewesen. Das habe er für diese Arbeit auch sein müssen, erklärte er. Khashoggi sei von „tiefer Sympathie“ für die islamistische Muslimbruderschaft erfüllt, und „fast sicher ein Mitglied“ gewesen. Doch Khashoggi sei mit der Zeit zu einem „liberalen Kritiker“ geworden.

          Die Muslimbruderschaft, die in Saudi-Arabien inzwischen als Terrororganisation geführt wird, verteidigte er noch immer leidenschaftlich. „Es kann keine politische Reform und Demokratie in einem arabischen Land geben, ohne zu akzeptieren, dass der politische Islam Teil davon ist“, schrieb er Ende August einem Kommentar in der Zeitung „Washington Post“. Dem türkischen Präsidenten dürften solche Sätze gefallen.

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