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Jamal Khashoggi vermisst : Vom geachteten Journalisten zum Staatsfeind

In einem Beitrag für die Zeitung „Washington Post“ erklärte Khashoggi im September 2017 diesen Schritt. Er wolle nicht mehr stumm bleiben aus Angst um seinen Job oder seine Familie. „Ich habe eine andere Wahl getroffen“, schrieb Khashoggi. „Ich habe meine Heimat, meine Familie und meinen Job verlassen und ich erhebe meine Stimme. Sonst würde ich jene verraten die im Gefängnis darben. Ich kann sprechen, während so viele es nicht können.“ In dieser Zeit machte er am Telefon noch Witze darüber, dass er sich nun wohl Möbel für sein neues Heim besorgen müsse.

Er wollte die Brücken in die Heimat aber nicht abbrechen, äußerte die Hoffnung, einen Weg zurück und aus der Ungnade zu finden. Aber er sparte nicht mit Kritik am Kronprinzen, die sich nicht zuletzt mit Kommentaren in der Zeitung „Washington Post“ auf einer prominenten Plattform im Land des wichtigsten Verbündeten Saudi-Arabiens verbreitete.

Alte Garde, neue Garde

Aber nicht nur die Reichweite der amerikanischen Zeitung machte Khashoggi zu einem unangenehmen Kritiker für die Führung in Riad. Der Vetter des Waffenhändlers Adnan Khashoggi war kein Dissident, der sein Leben im Ausland verbrachte und von dort die Monarchie kritisierte. Khashoggi war lange Teil des Establishments, nah an der Macht und der Königsfamilie, ohne dabei bloß deren Sprachrohr zu sein. Doch es war die alte Garde, auf die er Einfluss hatte.

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Der Vorgänger der jetzigen Monarchen, König Abdallah, hörte Khashoggi noch zu, der Journalist arbeitete Anfang des neuen Jahrtausends in London und Washington für den früheren Geheimdienstchef Turki al Faisal. Kurz davor war er als Chefredakteur der reformorientierten Zeitung „Al Watan“ angeeckt und nach weniger als zwei Monaten vom saudischen Informationsministerium entlassen worden. Eine spätere, etwa drei Jahre währende Amtszeit an der Spitze der Zeitung endete ähnlich. Khashoggi leitete den in Bahrein angesiedelten Fernsehsender Al Arab, der im Februar 2015 gerade einmal elf Stunden auf Sendung war, ehe er wieder geschlossen wurde. Der Milliarden von Dollar schwere saudische Prinz Waleed bin Talal war der Financier des Senders – und er war unter denen, die der Kronprinz vergangenen November unter Korruptionsvorwürfen im „Ritz Carlton“ in Riad festsetzen ließ.

Erdogan dürften solche Sätze gefallen

Anhänger der neuen Garde unter dem Kronprinzen wüten über die weite Solidarität, die der verschwundene Jamal Khashoggi derzeit in aller Welt erfährt, und diskreditieren ihn als „Terrorunterstützer“. Sie meinen damit allerdings nicht in erster Linie seine Nähe zum jungen Usama bin Laden. Khashoggi war in den achtziger Jahren mit dem Al-Qaida-Gründer durch Afghanistan gereist und hatte, obwohl er sich vom radikalen Islamismus distanzierte, enge Kontakte in seine Organisation, die ihm nach Berichten von Weggefährten immer wieder in Schwierigkeiten brachten.

Der amerikanische Al-Qaida-Experte Peter Bergen sagte der Zeitung „Washington Post“, damals sei Khashoggi nach seinen eigenen Worten religiös gewesen. Das habe er für diese Arbeit auch sein müssen, erklärte er. Khashoggi sei von „tiefer Sympathie“ für die islamistische Muslimbruderschaft erfüllt, und „fast sicher ein Mitglied“ gewesen. Doch Khashoggi sei mit der Zeit zu einem „liberalen Kritiker“ geworden.

Die Muslimbruderschaft, die in Saudi-Arabien inzwischen als Terrororganisation geführt wird, verteidigte er noch immer leidenschaftlich. „Es kann keine politische Reform und Demokratie in einem arabischen Land geben, ohne zu akzeptieren, dass der politische Islam Teil davon ist“, schrieb er Ende August einem Kommentar in der Zeitung „Washington Post“. Dem türkischen Präsidenten dürften solche Sätze gefallen.

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