https://www.faz.net/-gpf-zq73

Jahrestag von Srebrenica : Exekution im Klassenzimmer

  • -Aktualisiert am

Als Vorwand für dieses Massaker galten (und gelten vielen Serben noch immer) tatsächliche und vermeintliche Verbrechen an den Serben in der Umgebung von Srebrenica. Eine „Chronik unseres Grabes“ wollte das dokumentieren, doch diese stümperhafte Mischung aus Fakten und Einbildung diente lediglich dem Hassschüren, der Produktion von Feindbildern und Dämonisierung bosniakischer Akteure - wie Naser Orić, der in Srebrenica die Verteidigung organisierte und den die Berufungskammer des Tribunals vorige Woche freigesprochen hat.

Die strafrechtliche Verfolgung des Großverbrechens von Srebrenica kam 1996 mit dem Geständnis des Soldaten Dražen Erdemović, an einer Exekution von etwa 1200 bosniakischen Gefangenen - bei Pilica, einem Dorf unweit von Zvornik - am 16. Juli 1995 teilgenommen zu haben, zuerst in die freie Bahn. 1998 verhaftete die Bosnien-Schutztruppe der Nato (Sfor) den Oberbefehlshaber des Drina-Korps, Radislav Krstić. Er wurde rechtskräftig im April 2004 zu 35 Jahren Freiheitsstrafe (2001 erstinstanzlich zu 46) wegen Beihilfe zum Völkermord verurteilt.

Drittes Verfahren läuft seit 2007

Der zweite Srebrenica-Prozess galt seinen Untergebenen, den Offizieren der Bratunac- und Zvornik- Brigaden. In diesem Verfahren wurden vier bosnisch-serbische Militärs zu unterschiedlich hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Zwei von ihnen bekannten sich schuldig und halfen, mit ihren detaillierten Angaben zum Vorgehen der Truppen das mörderische Geschehen nach dem Fall von Srebrenica weiter zu erhellen. Seit August 2007 läuft das dritte Srebrenica-Verfahren gegen sieben Offiziere der bosnisch-serbischen Streitkräfte, die unmittelbar in die Durchführung der Ermordung von 8000 bosniakischer Männer und Jungen involviert waren.

Das Beweismaterial in allen diesen Verfahren ist mehr als imposant. Die Verantwortung und Schuldigkeit können und konnten konkret und präzise festgestellt und der Ablauf gründlich rekonstruiert werden. Von besonderer Beweiskraft scheinen oft die Zeugenaussagen der selbst unmittelbar Beteiligten, auch wenn man sie immer cum grano salis nehmen muss.

Hauptverantwortliche auf freiem Fuß

Zum Beispiel erzählte ein ehemaliger Polizist aus Bijeljina vor Gericht, wie er Mitte Juli nach Hause kam, in sein Dorf Pilica, und erfuhr, man sollte Kinder, die in der Schulnähe wohnen, davon fernhalten, weil dort Gefangene untergebracht werden würden. Diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich letztendlich als absurd. Denn schon säumten etwa zwanzig große Busse mit Gefangenen die Hauptstraße des verschlafenen Dörfchens. Bald wurden um die 3000 bosniakische Gefangene in der Schule und im Kulturhaus von Pilica zunächst interniert und anschließend exekutiert. Die Schulgebäude in anderen Dörfern zwischen Zvornik und Bijeljina wurden so bereits am 14. und 15. Juli benutzt.

Am Abend des 16. Juli liegen Leichen vor dem Kulturhaus von Pilica - auf der Straße voller Menschen, Soldaten und Polizisten. Die Befehlsgebenden und die Ausführenden treffen sich im Café genau gegenüber dem Kulturhaus, berichtete Erdemović während seines Prozesses. Auf geschlossenes Schweigen zahlloser Mitwisser konnten sich die serbischen Täter verlassen. Das erklärt mitunter, warum die Hauptverantwortlichen für das Genozid von Srebrenica, Radovan Karadžić und Ratko Mladić, noch auf freiem Fuß sind.

Weitere Themen

Barcelona versinkt im Chaos

Neue Proteste in der Nacht : Barcelona versinkt im Chaos

Nach der Verurteilung von katalanischen Unabhängigkeitskämpfern gehen Demonstranten in Barcelona seit Tagen auf die Straße. In der Nacht eskalieren die Proteste abermals. Es fliegen Steine, die Polizei wehrt sich mit Tränengas.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.