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Jahrestag des IS-Anschlags : Diese Spuren vergehen nicht

Ein Meer aus Blumen: Kurz nach dem Anschlag vor einem Jahr erinnern tausende Menschen in Barcelona an die Opfer. Bild: dpa

Ein Jahr nach dem Terroranschlag auf dem Rambla-Boulevard erinnert Barcelona an die Opfer. Aber die Trauerfeier wird von Kataloniens Streben nach Unabhängigkeit überschattet – selbst Spaniens König ist vielen in der Stadt nicht willkommen.

          9 Min.

          Die Platanen entlang des Boulevards haben sich schon einige Male gehäutet. Doch die Buchstaben in der hellen Rinde zeichnen sich ab wie schlecht geheilte Narben. „Wir sind alle Barcelona“ und „Ich habe keine Angst“ ist in die Stämme der Bäume geritzt, unter denen am Nachmittag des 17. August 2017 der weiße Lieferwagen entlangraste. Im Zickzackkurs überrollte Younes Abouyaaqoub auf der Rambla alle, die ihm entgegenkamen. Sechzehn Menschen verloren bei den Attentaten in Barcelona und im katalanischen Küstenort Cambrils ihr Leben, unter ihnen auch eine deutsche Urlauberin. Mehr als 130 wurden verletzt.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Im Schatten der Allee erinnert sonst fast nichts an diesen heißen Augusttag. Ein Jahr danach ist wie damals zwischen den Kiosken kein Durchkommen. Nur an den Straßenrändern muss der Strom Tausender Touristen ein paar schwarzen Metallpollern und grauen Steinblöcken ausweichen. Sie wirken wie stumme Mahnmale. Die Stadtverwaltung hatte die Hindernisse erst Wochen nach dem Attentat aufgestellt. Sie sollen Fahrzeuge von Terroristen fernhalten.

          Rollkoffer rattern über die Steinplatten

          Menschen lachen, Rollkoffer rattern über die Steinplatten, es herrscht ein babylonisches Sprachengewirr. Es geht laut und ausgelassen zu auf der Rambla wie am 17. August kurz vor 17 Uhr. Mit seinem weißen Leihwagen fuhr der 22 Jahre Younes Abouyaaqoub zunächst die Autospur neben der Flaniermeile entlang. Der gebürtige Marokkaner blickte seinen Opfern ins Gesicht, bevor er oben an der Plaça Catalunya wendete und mit 80 Kilometern in der Stunde die Amokfahrt begann. Seine Terrorzelle hatte ursprünglich eine Serie von Bombenanschlägen geplant. Aber in der Nacht zuvor war ihre Sprengstoffwerkstatt in die Luft geflogen.

          Eine „kalte Stille“ sei ihnen entgegengeschlagen, als sie damals mit ihren Kollegen auf der Rambla ankam, sagt eine junge Sanitäterin. Niemand schrie laut um Hilfe. Passanten hoben nur still die Hand, um auf Schwerverletzte aufmerksam zu machen. In der Erinnerung vieler Überlebender und Nachbarn der Rambla hat sich diese Stille festgesetzt, die sich in den folgenden Tagen in eine gedämpfte Lautstärke verwandelte. Andächtig hielten sie in den folgenden Tagen vor den unzähligen kleinen Altären und Inseln des Gedenkens inne, die auf dem gut 500 Meter langen Stück der Fußgängerzone entstanden waren. Nachts flackerte ein Meer aus roten und weißen Kerzen. Sie rangen um Worte und sprachen sich mit den katalanischen Wörtern „no tinc por“ Mut zu – „ich habe keine Angst“. Nur langsam fanden die schockierten Menschen ihre Sprache wieder.

          Ein weißer Lieferwagen tötete vor einem Jahr in Barcelona dutzende Menschen.
          Ein weißer Lieferwagen tötete vor einem Jahr in Barcelona dutzende Menschen. : Bild: dpa

          Diese Stille dauerte nur gut eine Woche. Dann kamen sie wieder zum Vorschein – die alten Reflexe des Katalonien-Konflikts. Und sie gewannen rasch die Oberhand. Auch an diesem Freitag droht der alte Streit die Gedenkfeier am ersten Jahrestag zu überschatten: Separatisten wollen nicht gemeinsam mit dem spanischen König Felipe VI. der Toten und Verletzten aus mehr als 30 Ländern gedenken. Die Veranstaltung auf der Plaça Catalunya wird keine Stunde dauern. Schweigend werden das Königspaar und der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez daran teilnehmen.

          „Wir haben keinen König“

          Aber schon das geht vielen Katalanen zu weit. „Wir haben keinen König“, hatte die Regierung des neuen katalanischen Regionalpräsidenten Quim Torra bekräftigt. Im Referendum am 1. Oktober 2017 hätten schließlich gut zwei Millionen Katalanen für eine unabhängige Republik gestimmt. Die meisten Befürworter eines eigenen Staates werden der Gedenkfeier fernbleiben. Die größte separatistische Organisation, ANC, hat ihre Mitglieder dazu aufgerufen, am Freitagabend vor das Gefängnis in Lledoners zu kommen, um nicht nur der Opfer der Attentate zu gedenken, sondern auch der dort inhaftierten katalanischen Politiker – allen voran des früheren Innenministers Joaquim Forn, der zur Zeit des Anschlags im Amt war und dem im Herbst wegen „Rebellion“ der Prozess gemacht wird.

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