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Jacques Chirac wird 80 : Präsident mit menschlichen Zügen

Jeder Schritt ein Ziel: Jacques Chirac 2006 während seiner zweiten Amtszeit.
          3 Min.

          Es ist still geworden um Jacques Chirac. Ein knappes Jahr ist es jetzt her, dass der Altpräsident wegen „Vertrauensbruchs, illegaler Vorteilnahme und Veruntreuung öffentlicher Gelder“ von einem Pariser Strafgericht verurteilt wurde. Eine Bewährungsstrafe nur, aber welch Laufbahnende für einen Politiker, der vier Jahrzehnte die Geschicke seines Landes mitbestimmte! Doch Chirac nahm das Urteil kampflos hin, „gelassen“, wie es seine Anwälte formulierten, und ging nicht in Berufung.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Schon dem Prozess hatte er aus gesundheitlichen Gründen nicht beigewohnt. Die Ärzte hatten ihm eine „Anosognosie“ diagnostiziert, ein vermindertes Störungsbewusstsein. Zu den neurologischen Störungen gesellt sich inzwischen eine gewisse körperliche Gebrechlichkeit, wie seine Frau Bernadette Chirac kürzlich spitz bemerkte. „Mein Mann war immer stolz darauf, keinen Sport zu treiben. Jetzt merkt er es“, sagte sie im Radio.

          An den Sitzungen des Verfassungsrates, der von seinem Vertrauten Jean-Louis Debré geleitet wird, nimmt er anders als Giscard d’Estaing und Sarkozy nicht mehr teil. Seine Stiftung zur Konfliktprävention muss meist ohne ihn auskommen. Nur noch selten wagt er sich in die Öffentlichkeit. François Hollande besuchte den Altpräsidenten kürzlich in seinem Landschlösschen Bity in der Corrèze, eine Höflichkeitsvisite, über die beide Stillschweigen bewahrten. Vielleicht hat Hollande ihm gedankt für die Wahlempfehlung, die Chirac aussprach, angeblich in einem unüberlegten Moment des Scherzens, wie es das Büro des Altpräsidenten hernach erklärte.

          In seinen Memoiren hat Chirac indes keinen Hehl daraus gemacht, dass er sich dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand weitaus näher fühlte als seinem Nachfolger Nicolas Sarkozy. In „Jeder Schritt soll Ziel sein“ schrieb er in Bezug auf Mitterrand: „Auch wenn unsere Überzeugungen gegensätzlich scheinen, ist der eine vielleicht weniger links, als er glauben machen will, und der andere weniger rechts, als er es erscheinen lässt.“ Zu Sarkozy schreibt er im zweiten Band „Die präsidiale Zeit“, dass er dessen „Vision von Frankreich“ nicht teile. Er bedauert Sarkozys Politik, „die stigmatisiert, Gegensätze verschärft und eine Bevölkerungsgruppe gegen die andere aufbringt“.

          Drei Premierminister verschlissen

          Damit bestätigte Chirac seinen Biographen Franz-Olivier Giesbert, der ihn als Radikalsozialisten porträtierte, der sich unter die Rechten verirrt hatte und ein begnadeter Wahlkämpfer wurde, aber mit der errungenen Macht nie wirklich etwas anfangen konnte. Das stimmt und stimmt auch wieder nicht. Natürlich hat Chirac sich seine Amtsbilanz damit ruiniert, dass er bei Massenprotesten stets nachgab, wichtige Reformen zurückzog und Frankreich damit im Bewusstsein wiegte, irgendwie reformunfähig zu sein. Drei Premierminister - Alain Juppé, Jean-Pierre Raffarin und Dominique de Villepin - hat er auf diese Weise verschlissen.

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