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Italiens Corona-Schulchaos : Es fehlen Tische, Räume und Lehrer

Schulen hoffen auf gutes Wetter

Eine Umfrage der katholischen Laiengemeinschaft Sant’Egidio ergab, dass in Rom rund 60 Prozent der Kinder nie Online-Unterricht hatten. In anderen Städten, zumal im Süden, dazu in ländlichen Gebieten, dürfte dieser Anteil noch höher liegen. Schon vor Beginn der Pandemie hatten in Italien zwölf Prozent der Jugendlichen ihre Schullaufbahn ohne Abschluss beendet – viermal so viele wie im EU-Durchschnitt. Der Anteil der Schulabbrecher dürfte nach sechseinhalb Monaten Unterrichtspause weiter steigen. 2018 beliefen sich die Aufwendungen für Bildung in Italien auf vier Prozent der Wirtschaftsleistung, im EU-Durchschnitt waren es 4,7 Prozent.

Die Milliarden aus dem Brüsseler „Wiederaufbaufonds“ will das besonders früh und hart von der Pandemie getroffene Land nun nach Angaben der Regierung vor allem in Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit investieren. Dazu würde Bildung an vorderster Stelle gehören. Doch schon die Vorbereitungen auf die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts im neuen Schuljahr liefen chaotisch. Die Koalition verzettelte sich im wochenlangen Streit um Plexiglasscheiben zwischen den Schülern (es wird nun doch keine geben), um die Maskenpflicht (sie gilt nun doch nicht im Klassenraum, aber auf den Fluren und im Hof), um die Temperaturmessung (sollen möglichst die Eltern vorab zu Hause vornehmen), um die zulässige Höchstauslastung von Schulbussen und öffentlichen Verkehrsmitteln (wurde angehoben von 50 auf 80 Prozent). Weil die Schüler einen Abstand von mindestens einem Meter voneinander halten sollen, braucht es kleinere Klassen und zusätzliche Räume. Doch es fehlten am Wochenende vor der Schulöffnung rund 20.000 Räume und 60.000 Lehrer.

Die Bestellung und Auslieferung der neuen Schultische für jeweils nur einen Schüler geriet vollends zum Desaster. Einen Bedarf von 2,4 bis 3 Millionen solcher Tische hatte die Regierung nach wochenlangem Streit über deren Bauart und Ausstattung (mit Rollen oder ohne) schließlich im Juli errechnet. Und bei verschiedenen italienischen Herstellern dann Anfang August bestellt, pro Firma mindestens 200.000 Tische. Als Lieferfrist wurde der 31. August festgelegt – ein utopisches Datum für einen Industriezweig, der gewöhnlich in einem Jahr insgesamt 200.000 solcher Tische herstellt und im Ferienmonat August die Produktion zudem herunterfährt. Die Hersteller lassen wissen, dass sie selbst bei Schichtarbeit rund um die Uhr allenfalls Anfang kommenden Jahres alle bestellten Tische würden liefern können. Rund 100.000 Tische werden bis Montag ausgeliefert sein. Also wird vielerorts improvisiert, zum Beispiel mit der Säge.

„Defätistisches Klima“

Streit zwischen Schulleitern und Sonderkommissar Domenico Arcuri, von Conte Mitte März zur Bewältigung der Corona-Krise berufen und mit umfassenden Kompetenzen ausgestattet, gibt es auch wegen der versprochenen Lieferung von Mund-Nase-Masken und Desinfektionsgel an die Schulen. Von Montag an sollen landesweit jeden Tag elf Millionen Masken und 17.000 Liter Desinfektionsmittel verteilt werden. Doch schon mit den Lieferungen fürs Schulpersonal zur Vorbereitung der Räumlichkeiten zum Schulbeginn haperte es.

Während sich Regierungschef Conte in der Erwartung des Klingelns zur ersten Stunde nach sechseinhalb Monaten „ruhig und zuversichtlich“ mit Blick auf einen sicheren und geordneten Schulbeginn zeigte, während Schulministerin Azzolina ein „defätistisches Klima“ in der Debatte beklagte und die Lehrergewerkschaften der „Sabotage“ bezichtigte, veröffentliche die Zeitung „Corriere della Sera“ am Sonntag das Schreiben einer Schulleiterin aus Rom an die Eltern ihrer Schüler. Darin bereitet sie die Schüler auf chaotische Verhältnisse vor, es fehle an neuen Tischen, man werde einige der alten in den Schulhof stellen, hoffe auf gutes Wetter, um die geteilten Klassen im Freien unterrichten zu können. Weil in Grund- und Mittelschule aber auch insgesamt 38 Lehrer fehlten, müsse der Unterricht auf vier Stunden pro Klasse reduziert werden. Es handelt sich um die Schule, die auch der Sohn von Ministerpräsident Conte besucht.

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