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Italiens Ministerpräsident : Das unaufhörliche Ende der Ära Berlusconi

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„Was ich getan habe, tat ich aus Gutmütigkeit”: Berlusconi setzt sich gern ins rechte Licht Bild: © Alessandra Benedetti/Corbis

Eine abermals bizarre Geschichte um ein minderjähriges Mädchen aus zwielichtigen Kreisen bringt Italiens Ministerpräsidenten zum x-ten Mal in Schwierigkeiten. Die Hinweise häufen sich, dass es nun vorbei sein könnte.

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          Wieder einmal befasst sich Italien nicht mit seinen politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, von denen es eigentlich genug gäbe. Vielmehr grübeln vor allem die Zeitungen neuerlich über das Ende der Ära Berlusconi. Wird der Ministerpräsident von seinen eigenen Leuten gestürzt werden, so wie einst am 25. Juli 1943 „il Duce“ Benito Mussolini einer Palastrevolte zum Opfer fiel? Oder werden seine Getreuen ihn nicht nur im Stich lassen, sondern sogar mit der Opposition einen Separatfrieden schließen, wie einst Mussolinis Marschall Pietro Badoglio am 8. September 1943 mit den westlichen Alliierten?

          Mit diesen Geschichtsdaten jonglieren Publizisten wie Stefano Cappelini vom liberal-konservativen Blatt „Il Riformista“, wenn sie über Italiens kommende Tage sprechen. Tatsächlich wird schon seit mehr als einem Jahr über das Ende Berlusconis spekuliert, freilich immer wieder aus einem neuen Anlass. Diesmal ist die gerade am Montag volljährig gewordene „Ruby“, ein Mädchen aus halbseidenem Milieu, der Grund für die Beschwörung vom Untergang einer Ära.

          Nutzen ziehen aus Skandalen

          Vergangene Woche saß noch Parlamentspräsident Gianfranco Fini auf der Anklagebank, Berlusconis früherer Parteigefährte, der nun sein Widersacher im eigenen Lager ist. Die Presse des Medienunternehmers Berlusconi wollte Fini einen vermeintlich unsauberen Immobilienkauf in Monte Carlo nachweisen. Fini habe das Erbe und Vermögen seiner postfaschistischen Bewegung Alleanza Nazionale veruntreut, lautete die Anklage. Er habe Giancarlo Tulliani, dem jüngeren Bruder seiner Lebensgefährtin Elisabetta, eine Wohnung in der Steueroase zugespielt. Die Vorwürfe zerfielen. Aber kaum war das geschehen, wurde der Spieß umgedreht.

          Italiens Ministerpräsident : Das unaufhörliche Ende der Ära Berlusconi

          Nun richten sich neue Vorwürfe gegen Berlusconi. An Zufall glaubt kaum jemand. Vielmehr deutet manches darauf hin, dass nun das Fini-Lager zum Gegenschlag ausholte. Beim „Fall Fini“ kramte die Berlusconi-Zeitung „Il Giornale“ einen offenbar fingierten Vorgang von 2008 hervor, und jetzt ist es ein Vorfall von Ende Mai dieses Jahres, der Berlusconi stürzen soll. In beiden Fällen kommen Skandale aus der Vergangenheit ans Licht, offenbar weil es der einen oder anderen Seite nützlich erscheint.

          „Ich liebe das Leben und die Frauen“

          Bisher reagierte Berlusconi mit demonstrativer Gelassenheit auf die neuen Angriffe. „Was ich getan habe, tat ich aus Gutmütigkeit. Es ist besser, einer schönen Frau ins Gesicht zu blicken, als schwul zu sein“, meinte der 74 Jahre alte Ministerpräsident am Dienstag. „Ich bin ein fröhlicher Mensch, ich liebe das Leben und die Frauen.“ Darauf sei er stolz und daran werde er nichts ändern, hatte er schon am Wochenende festgestellt.

          In der Nacht zum 27. Mai hatte Berlusconi, durch einen ungenannten Bekannten aufmerksam gemacht, bei einem der Chefs der Polizei in Mailand, Pietro Ostuni, angerufen, um die Freilassung der damals 17 Jahre alten Marokkanerin Karima el Marough alias Ruby zu erreichen. Das „Model“ war wegen des Verdachts auf Diebstahl von 3000 Euro durch eine Bekannte angezeigt und daraufhin in Untersuchungshaft genommen worden. Den Anruf hat Berlusconi unumwunden zugegeben, unklar ist aber, wer ihm den Tipp gegeben hatte. Karima gab an, eine ihrer Freundinnen, die brasilianische Prostituierte Michelle Oliveira, habe die „direkte Nummer“ zum Regierungschef gekannt. Das wird offiziell für undenkbar gehalten.

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