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Italienische Migrationspolitik : „Man kann diese Menschen doch nicht wie Vieh behandeln“

  • -Aktualisiert am

Asylbewerber in Castelnuovo di Porto bei Rom warten darauf, weggebracht zu werden, nachdem die Entscheidung gefallen ist, ihre Asylunterkunft zu räumen. Bild: AFP

Italiens Innenminister Matteo Salvini beschneidet den humanitären Schutz drastisch und lässt eine staatliche Asylunterkunft in Castelnuovo bei Rom räumen. Das Geld gibt er lieber hilfsbedürftigen Italienern.

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          Die Fahrräder sind noch da. Sie sind mit billigen Schlössern an den Maschendrahtzaun angeschlossen oder einfach nur angelehnt. Es ist nicht anzunehmen, dass sie gestohlen werden. Es sind alte Räder mit verrosteten Ketten, losen Schutzblechen, zerschlissenen Sätteln.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Es sind die zurückgelassenen Fahrräder der Migranten von Castelnuovo di Porto. Auf Geheiß von Innenminister Matteo Salvini von der rechtsnationalistischen Lega wurde das Aufnahmezentrum für Asylbewerber von Castelnuovo jetzt geschlossen. Zuletzt waren in den schmucklosen Zweckbauten, die in den achtziger Jahren vor den Toren des pittoresken Städtchens nördlich von Rom für den Zivilschutz errichtet wurden, noch 535 Asylbewerber untergebracht: 401 Männer, 120 Frauen sowie 14 Kinder und Jugendliche, von denen die meisten in Castelnuovo die Schule besucht hatten. Nach einer Räumungsaktion, die kaum eine Woche gedauert hat, steht das 2008 eröffnete Aufnahmezentrum seit Freitag leer. Carabinieri und Polizei bewachen das Gelände. Es soll bald wieder dem Zivilschutz übergeben werden.

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          Die Migranten von Castelnuovo – die meisten von ihnen aus Schwarzafrika – wurden mit Bussen zu anderen, kleineren Unterkünften für Asylbewerber gebracht. Vor allem nach Kampanien und in die Basilikata im Süden des Landes, heißt es. Wohin genau, mochte das Innenministerium nicht mitteilen, aus Sicherheitsgründen. Jedenfalls war für die Fahrräder der Migranten in den Reisebussen kein Platz. Die Räder waren Geschenke der Leute von Castelnuovo di Porto, ausrangiert und reparaturbedürftig zwar, aber für die Migranten vom Asylbewerberheim ein wichtiges Fortbewegungsmittel. Die Italiener sind eine stolze Radfahrernation: Zumal an den Wochenenden sausen sie im Pulk in teurer Radlerkleidung und auf noch teureren Rennrädern über die Landstraßen. Und dann gibt es seit ein paar Jahren die anderen Radfahrer in Italien: Sie sind dunkler Hautfarbe, tragen Alltags- statt Funktionskleidung und mühen sich auf quietschenden Fahrrädern mit viel zu niedrigen Sätteln ab.

          Ein Akt der Solidarität als Widerstand gegen Rom

          Bürgermeister Riccardo Travaglini ist zornig. Nicht grundsätzlich wegen der Migrationspolitik der Regierung in Rom und auch nicht prinzipiell wegen der Schließung des Aufnahmezentrums für Asylbewerber von Castelnuovo, wie er versichert. „Man kann durchaus eine neue Einwanderungspolitik verfolgen, aber man hätte uns mehr Zeit geben müssen“, sagt Travaglini: „Man kann die Leute doch nicht einfach auf die Straße setzen.“ Als am ersten Tag der Räumung eine 25 Jahre alte Somalierin mit ihren zwei Kindern auf der Straße stand, weil sie nicht in den Bus nach Süditalien steigen wollte, lud der Bürgermeister sie kurzerhand zu sich nach Hause ein. Und die Reporter der versammelten Nachrichtensender gleich dazu, damit sie den Akt der Solidarität mit den Migranten und des Widerstands gegen Rom dokumentieren konnten.

          Auch Pater José Manuel Torres, Priester an der Kirche Santa Lucia di Castelnuovo, verbirgt seine Wut nicht: „Wir sind enttäuscht und besorgt. Das hätte man so nicht machen dürfen. Man kann diese Menschen doch nicht wie Vieh behandeln.“ Ganz besonders setzen sich Pater Torres und seine Gemeinde für den 19 Jahre alten Senegalesen Ansou Cissé ein. Cissé kam 2017 noch als Jugendlicher nach Castelnuovo, von Lampedusa aus, wo er nach der Überfahrt von Libyen gelandet war. Inzwischen ist er nicht nur Angehöriger des jüngst gegründeten Leichtathletikteams des Vatikans, das von Pater Torres betreut wird. Er ist auch Stürmer beim Fußballverein „Castelnuovese Calcio“ und wird dort als Schlüsselspieler im Abstiegskampf gebraucht.

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