https://www.faz.net/-gpf-9jf4g

Italienische Migrationspolitik : „Man kann diese Menschen doch nicht wie Vieh behandeln“

  • -Aktualisiert am

Das Aufnahmezentrum von Castelnuovo galt – anders als etwa das berüchtigte Lager Mineo bei Catania auf Sizilien, das größte in ganz Italien – gerade nicht als Hort der Bandenkriminalität, sondern als gut geführte Einrichtung. Es gab Sprach- und Integrationskurse, umfassende medizinische und psychologische Versorgung. Insgesamt 8000 Migranten wurden seit 2008 hier aufgenommen, die meisten von ihnen nach wenigen Monaten Aufenthalt in andere Zentren überstellt.

Ende März 2016 kam sogar Papst Franziskus nach Castelnuovo und kniete vor Migranten aus Afrika zur traditionellen Fußwaschung an Gründonnerstag nieder. Dass der Vatikan und die katholische Kirche im Aufnahmelager von Castelnuovo besonders engagiert waren, könnte dessen Schließung jetzt noch beschleunigt haben: Franziskus und zumal Kardinal Gualtiero Bassetti, der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, sparen nicht mit Kritik an der Migrationspolitik der populistischen Regierungskoalition und fordern offene Grenzen und Herzen für alle Migranten. Salvini schießt mit Beleidigungen gegen die „Gutmenschen“ zurück und schlägt vor, der Vatikan möge doch alle Migranten, von denen die allermeisten ohnedies kein Asyl erhalten würden, auf dem Territorium des Kirchenstaats unterbringen. Hat Salvini mit der Schließung von Castelnuovo eine Rechnung mit dem Vatikan und der Amtskirche beglichen?

Der „Bürgermeister der Illegalen“

Jedenfalls haben von diesem Montag an die rund 120 Mitarbeiter der „Kooperative Auxilium“, die das Aufnahmezentrum in Castelnuovo nach allgemeiner Überzeugung ordentlich betrieben hatte, keinen Job mehr. Allein 50 von ihnen sind aus Castelnuovo. Fragt man dort die Leute nach ihrer Ansicht über die von Salvini im Eiltempo durchgesetzte Schließung des Asylbewerberlagers, erhält man widersprüchliche Antworten. Die einen teilen die Entrüstung von Bürgermeister Travaglini und Pater Torres. Und sie unterstützen den Plan des Rathauses, zwei türkische und zwei nigerianische Familien mit Schulkindern wenigstens bis zum Ende des Schuljahres sowie auch den Fußballer Ansou Cissé in angemieteten Wohnungen in Castelnuovo unterzubringen. Andere äußern offen ihre Zufriedenheit darüber, dass die Migranten nun aus Castelnuovo verschwunden seien. Familien, die Migranten aus dem geschlossenen Flüchtlingslager aufgenommen haben, werden gefragt: Warum habt ihr vorher keine bedürftigen Italiener aufgenommen? Am Samstag brachten Aktivisten der faschistischen Organisation „Casapound“ am Ortseingang ein Transparent mit der Aufschrift an: „Travaglini – Bürgermeister der Illegalen“. Der Bürgermeister hat nicht die Absicht, es entfernen zu lassen. „Für mich ist das eine Rechtfertigung meiner Arbeit, auf die ich stolz bin“, sagt er.

Weitere Themen

Zurück zum Rechtsstaat

Die Rücknahme von IS-Kämpfern : Zurück zum Rechtsstaat

Im Umgang mit IS-Kämpfern kann Deutschland ein Zeichen setzen. Nicht als Vaterland von Verrätern, sondern als Verfechter der Werte der freien Welt. Dazu zählt die Unschuldsvermutung – aber auch, dass jede Tat verfolgt und angemessen bestraft werden muss. Ein Kommentar.

Ex-AfD-Chefin wird Meineid vorgeworfen Video-Seite öffnen

Frauke Petry vor Gericht : Ex-AfD-Chefin wird Meineid vorgeworfen

Lange war es still um Frauke Petry, jetzt zieht die frühere AfD-Vorsitzende ungewohnte Aufmerksamkeit auf sich: Die 43-Jährige muss sich vor dem Landgericht Dresden wegen Verdachts des Meineids vor Gericht verantworten.

Topmeldungen

Russland und Europa : Pipeline-Grüße aus München

Nach ihrem Auftritt auf der Sicherheitskonferenz feiert die russische Staatspresse Angela Merkel. Sie widersetze sich „illegalen“ Versuchen der Amerikaner, das Gaspipelineprojekt Nord Stream 2 noch zu verhindern, heißt es in Moskau.

Framing-Manual der ARD : Es ist Irrsinn, aber es hat System

Wer keinen Rundfunkbeitrag zahlt, ist „demokratiefern“, „wortbrüchig oder auch illoyal“ und missachtet den „allgemeinen Willen des Volkes“: Warum die ARD jetzt semantische Gehirnwäsche übt.
Ein Demonstrant mit einer überlebensgroßen Maske von Facebook-Chef Mark Zuckerberg protestiert im November 2018 in London

Datenskandal : Britisches Parlament wütet gegen Facebook

Britische Abgeordnete sehen in Facebook und anderen sozialen Medien eine Gefahr für die Demokratie. Sie attackieren Mark Zuckerberg persönlich – und fordern ein unabhängiges Aufsichtsorgan.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.