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Gottesdienstverbot in Italien : Wenn ein Polizist die Messe stört

Ausnahmezustand auch auf dem Petersplatz in Rom Bild: AFP

Die katholischen Bischöfe Italiens haben das Gottesdienstverbot bislang anstandslos mitgetragen. Doch nun ist die Geduld der Bischofskonferenz am Ende.

          3 Min.

          Wenn nicht alles täuscht, ist am späten Sonntagabend, nach wochenlangem Zögern, die komplette italienische Bischofskonferenz zu Lino Viola, einem 80 Jahre alten Priester aus Soncino in der Lombardei, übergelaufen. Eine Woche zuvor war der Priester unversehens zu nationaler Berühmtheit gelangt. Denn am Sonntag, dem 19. April, zelebrierte Don Lino in der Kirche des Heiligen Apostels Petrus zu Soncino die Eucharistiefeier. Es war ein Gedenkgottesdienst für Trauernde, die jüngst Angehörige verloren hatten. In der rund 300 Quadratmeter großen Kirche San Pietro Apostolo befanden sich neben Don Lino 13 weitere Personen. Alle trugen Mundschutz und Handschuhe. Ob es sich dabei um gewöhnliche Gottesdienstbesucher handelte oder in der Mehrzahl vielmehr um Ministranten und Lektoren, damit werden sich noch die Gerichte beschäftigen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der von Don Lino zelebrierte Gottesdienst wurde von einer Kamera auf Stativ aufgezeichnet und über das Internet gestreamt. Gemäß Regierungsdekret von Anfang März, mit welchem Ministerpräsident Giuseppe Conte eine allgemeine Ausgangssperre über das ganze Land im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie verhängt hatte, ist die Teilnahme an jeder Art von Versammlung verboten. Dazu gehören auch Gottesdienste und andere religiöse Zeremonien, etwa Beerdigungen. Die italienische Bischofskonferenz interpretierte das Dekret vom 9. März zunächst so, dass sie alle Kirchen schließen ließ, weil ja auch Sportarenen, Konzerthallen, Kinos, Museen und so weiter geschlossen wurden.

          „Unfassbarer Machtmissbrauch“

          Nach einigem Hin und Her wurden dann einige wenige Kirchen wieder aufgesperrt, zum individuellen Gebet etwa, bei Einhaltung der einschlägigen Hygiene- und Abstandsvorschriften. Religiöse Zeremonien als solche sind nicht verboten, nur darf ihnen die Gemeinde nicht leiblich beiwohnen. Immerhin ist schon mit dieser Bestimmung Artikel 19 der Verfassung außer Kraft gesetzt, wonach jeder Bürger das unveräußerliche Recht hat, seinen religiösen Glauben „in jeder Form, ob allein oder gemeinsam mit anderen, zu bekennen, ihn zu verbreiten und öffentlich oder privat religiöse Bräuche zu pflegen“. Jedenfalls werden seit nunmehr sieben Wochen in Italien Gottesdienste nicht mehr gemeinsam von Priester und Gemeinde in der Kirche gefeiert, sondern allenfalls über Radio, Fernsehen und das Internet übertragen.

          Was kurz vor Ende der Eucharistiefeier des Don Lino geschah, von der Kamera aufgezeichnet und über das Internet verbreitet, hat im ganzen Land die Debatte über das „Gottesdienstverbot“ und die Staats- beziehungsweise Regierungstreue der italienischen Kirchenführung befeuert. Auf der Aufnahme sieht man einen Carabiniere, der vor den Altar tritt, Mütze auf dem Kopf und Waffe im Holster, und die unverzügliche Auflösung der illegalen Versammlung fordert. Außerdem verkündet der Carabiniere, dass eine Geldstrafe gegen den Priester und die Gottesdienstbesucher verhängt werde. Ein zweiter Carabiniere fordert die Gläubigen auf, die Kirche zu verlassen. Doch Don Lino fährt mit seiner Messe fort, prangert „diesen unfassbaren Machtmissbrauch“ an, beginnt mit dem Hochgebet, dem zentralen Element der Messe.

          Als der Carabiniere den Priester abermals unterbricht, weil ihn der Bürgermeister per Handyanruf zum Abbruch des Gottesdienstes überreden will, reißt Don Lino der Geduldsfaden. „Nein! Ich stehe jetzt nicht zur Verfügung, ich zelebriere. Gerne reden wir nach dem Gottesdienst und dann draußen im Kirchhof“, antwortet der Priester. Inzwischen haben sich drei Rechtsanwälte mit dem Angebot gemeldet, den Priester und seine Gemeindeglieder kostenlos gegen die Strafmandate in einer Gesamthöhe von 680 Euro vor Gericht zu verteidigen.

          Am Tag nach dem Vorfall wurde Don Lino von seiner Diözese gemaßregelt. Bischof Antonio Napolioni von Cremona, Ende 2015 von Papst Franziskus berufen, ließ mitteilen, „das Verhalten von Don Lino Viola steht im Widerspruch zu den staatlichen Normen und den kanonischen Richtlinien, die seit mehreren Wochen das liturgische und sakramentale Leben der Kirche bedingen“. Doch am späten Sonntagabend vollzog die Bischofskonferenz unter Führung von Gualtiero Kardinal Bassetti eine Kehrtwende: Sie übt jetzt scharfe Kritik an der Regierung, deren Anordnungen sie zuvor während sieben Wochen gehorsam befolgt hatte.

          Grund war die Bekanntgabe erster Schritte der Lockerung der allgemeinen Ausgangssperre sowie der Einschränkungen der Wirtschaftstätigkeit durch Regierungschef Conte kurz zuvor. Gemeinschaftliche Gottesdienste bleiben aber bis auf weiteres verboten. Nur Beerdigungsfeiern mit höchstens 15 Personen sowie mit Mundschutz und Handschuhen sind erlaubt.

          Die Bischofskonferenz spricht in ihrer Erklärung vom Sonntagabend nun von einer nicht hinnehmbaren Einschränkung der Religionsfreiheit. Zum Meinungsumschwung der Bischofskonferenz gegenüber der Regierung dürfte auch beigetragen haben, dass es am Samstag, dem als Nationalfeiertag begangenen „Tag der Befreiung“ von den deutschen Besatzern, in mehreren Städten bei spontanen Demonstrationen erhebliche Menschenansammlungen gegeben hatte, ohne dass die Polizei eingeschritten wäre.

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