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Italienischer Abgeordneter : „Italiens Parlament ist auch nicht schlechter als andere“

Die Abgeordnetenkammer (Camera dei deputati) des italienischen Parlaments in Rom Bild: dpa

Florian Kronbichler saß fünf Jahre lang für die Südtiroler Grünen im italienischen Abgeordnetenhaus. Ein Gespräch über die Fünf Sterne – und den Grund dafür, warum Berlusconis Comeback die Italiener kaum irritiert.

          5 Min.

          Wenige Stunden, bevor die Wahllokale öffnen, nimmt Florian Kronbichler Abschied von seinem Rom. Zumindest ein bisschen. Offiziell dauert sein Mandat noch bis zum 22. März. Einen Tag später wird das neue italienische Parlament zum ersten Mal zusammentreten. Kronbichler wird ihm dann nicht mehr angehören, egal wie die Wahl ausgeht. „Ich weiß schon, indem ich nicht mehr angetreten bin, drücke ich mich ein bisschen vor der Verantwortung“, gesteht Kronbichler ein. „Das ist nicht besonders heroisch.“ Er lächelt, im Rücken einen der bekanntesten Plätze der italienischen Hauptstadt, die Piazza Rontanda mit dem Pantheon.

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Dass der 67 Jahre alte Politiker sich nicht mehr zur Wahl gestellt hat, liegt vor allem am neuen italienischen Wahlgesetz, dem sogenannten Rosatellum bis – und seinen Folgen für Südtirol. Von dem neuen Wahlgesetz profitiere nämlich vor allem eine politische Kraft, kritisiert Kronbichler, die ohnehin schon dominante Südtiroler Volkspartei (SVP). „Wir Kleinen haben kaum noch Chancen auf ein Mandat.“

          Für die Südtiroler Grünen saß Kronbichler fünf Jahre lang in der Abgeordnetenkammer – als seit Jahrzehnten erster deutschsprachiger Abgeordneter, der nicht der Sammelpartei SVP angehörte. Über die linke Liste Sinistra Ecologia Libertà (SEL) war er nach den Wahlen im Februar 2013 als Parteiloser ins Parlament eingezogen – ein Erfolg, der am Ende doch ziemlich überraschend kam. „Am Abend hatte ich mich schon damit arrangiert, nicht gewählt worden zu sein. Und ich habe sogar einigermaßen gut geschlafen“, witzelt Kronbichler. Am nächsten Morgen habe ihn dann ein Freund angerufen, der seinen Namen auf den offiziellen Listen mit den neuen Abgeordneten entdeckt hatte.

          Saß fünf Jahre lang für die Südtiroler Grünen im italienischen Abgeordnetenhaus: Florian Kronbichler mit seiner Frau Rosmarie Spornberger in Rom

          „Der Florian hat Talent zum Glück“, sagt Rosmarie Spornberger, Kronbichlers Frau, rückblickend. Die beiden sind schon mehr als 37 Jahre verheiratet. Und wenn sie von ihren gemeinsamen römischen Jahren erzählen, ahnt man, dass sie in dieser Zeit ein ziemlich gutes Team gewesen sein müssen. Spornberger, Lehrerin an einer Bozener Oberschule, arbeitete seit der Wahl ihres Mannes nur noch in Teilzeit und versuchte, Kronbichler so oft wie möglich zu begleiten, nach Rom, aber auch auf Reisen ins Ausland.

          „Ich hatte in meinem Leben immer Leute, die mir geholfen haben“, sagt Kronbichler, quasi als indirektes Dankeschön an seine Frau. Als ihm die Südtiroler Grünen vor fünf Jahren vorschlugen, für das Parlament zu kandidieren, war sie allerdings ziemlich skeptisch, genau wie Kronbichlers Tochter Judith. „Unsere Söhne, Jakob und Thomas, waren eher dafür. Die haben mir gesagt: ‚Du hast doch nichts zu verlieren.‘“

          Damals arbeitete Kronbichler schon mehr als zehn Jahre als freier Journalist, schrieb Glossen, Reportagen, Drehbücher. Zuvor hatte er sieben Jahre lang das Südtiroler Wochenmagazin „ff“ geleitet. Von einem Erfolg bei der Wahl war er beruflich nicht abhängig. Dass es nach einem harten Wahlkampf am Ende doch mit einem Mandat klappte, freute ihn trotzdem. „Ich habe es immer als Privileg empfunden, in der schönsten Stadt der Welt arbeiten zu dürfen“, sagt Kronbichler mit der ihm eigenen Mischung aus humorvoller Demut und aufrichtiger Freude über sein Leben in Rom und seine politischen Aufgaben im Parlament und im Europarat in Straßburg, wohin in das Abgeordnetenhaus entsandt hatte.

          Vom Pantheon aus schlagen Kronbichler und Spornberger den Weg zum Quirinale ein, dem Sitz des italienischen Staatspräsidenten auf dem gleichnamigen römischen Hügel. „In Südtirol haben sie mich immer gefragt, wie ich es hier aushalte, in dem ‚Puff’‘“, sagt Kronbichler amüsiert. Für seine Landsleute sei Rom ein einziger politischer Sündenpfuhl, mit einem politischen Apparat, der Unmengen an Geld verschlinge und trotzdem nicht funktioniere. „Aber ich glaube wirklich, dass der italienische Parlamentarismus nicht schlechter ist als der anderer Länder – und die Guten und Schlechten sind außerdem über alle Parteien verteilt, das habe ich schnell gelernt.“

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