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Italienische Regierung : Ohne den Segen des Papstes

Jeder hat sein Kreuz zu tragen: Matteo Salvini am Strand auf Sizilien. Bild: Reuters

Italiens Innenminister Salvini gibt sich gerne als gläubiger Christ. Damit hat er den Zorn Franziskus’ auf sich gezogen – und am Ende auch den des scheidenden Ministerpräsidenten Conte.

          Papst Franziskus ist in Italien nicht wahlberechtigt. Wäre er es, wüsste man genau, wen er niemals wählen würde: Matteo Salvini und dessen rechtsnationalistische Lega. Kurz nachdem Innenminister und Lega-Chef Salvini vor Kurzem die Koalition mit der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung für gescheitert erklärt hatte, gab Franziskus der Tageszeitung „La Stampa“ ein Interview. Darin zeigte sich der Papst besorgt, „weil man heute Reden hört, die denen von Hitler 1934 ähneln: ,Wir zuerst. Wir, wir, wir.‘ Das ist ein Denken, das Angst macht“, so Franziskus. Jeder wusste, wen der Papst damit meinte, ohne dass er dessen Namen hätte nennen müssen. Salvinis Credo lautet bekanntlich: „Die Italiener zuerst.“

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Gewiss, konzedierte der Papst, ein Land müsse souverän sein, aber es dürfe sich nicht abschotten: „Die Souveränität muss verteidigt werden. Aber die Beziehungen zu anderen Staaten und mit der Europäischen Union müssen ebenfalls verteidigt und gefördert werden.“ Und dann gab Franziskus in aller Klarheit sein eigenes politisches Credo ab: „Der Souveränismus ist eine Übertreibung, die immer schlecht endet: Sie führt zum Krieg.“

          Wenn nicht alles täuscht, war dies die deutlichste (partei-)politische Aussage des Papstes mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen in Italien, aber auch mit Blick auf Europa und Übersee seit Franziskus’ Papstwahl vor sechseinhalb Jahren. Zudem war seine These zur Gefahr des Souveränismus eine direkte Einmischung in die aktuelle Regierungskrise in Rom. Dass sich Franziskus seit je für eine bedingungslose Haltung der offenen Arme in der Migrationspolitik eingesetzt hat, lässt sich unmittelbar und ohne theologische Verrenkungen aus dem christlichen Gebot der Nächsten- und der Schwächstenliebe herleiten. Aber sein Plädoyer für den Multilateralismus in Europa und in aller Welt ist eine genuin politische Stellungnahme.

          Und es ist eine offene Kampfansage an Salvini, der seinerseits den Papst seit Monaten fortgesetzt herausfordert, auch wenn der Lega-Chef das nicht zugeben will. Fast öfter noch als der Papst küsst Salvini sein Kruzifix, das er zuletzt besonders sichtbar bei seinen zahlreichen Strandbesuchen der vergangenen Wochen trug, und zwar auf der nackten Männerbrust. Bei Wahlkampfauftritten pflegte Salvini einen Rosenkranz in die Höhe zu halten. Auf Kundgebungen vertraute er sich und seine Anhänger dem Schutz der Heiligen Jungfrau Maria an. Und wenn ihm in der Regierung etwas geglückt war oder seine Lega bei Wahlen wieder einmal triumphiert hatte – zuletzt und zumal bei den Europawahlen von Ende Mai –, dann bedankte sich Salvini gewohnheitsmäßig bei der Muttergottes.

          Zur politischen Instrumentalisierung christlicher Symbole durch Salvini äußerte sich Franziskus gewöhnlich nicht selbst. Stattdessen überließ er den führenden Vertretern der katholischen Kirche Italiens das Wort. In der Regel maßregelte Kardinal Gualtiero Bassetti, der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, den frömmelnden Innenminister. Oder Antonio Spadaro, Chefredakteur der italienischen Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“, äußerte sein Entsetzen über die nicht nur als unchristlich, sondern sogar als diabolisch gebrandmarkten Umtriebe Salvinis. Prominente linke Kirchenleute wie zuletzt der Armenpater Alex Zanotelli, der viele Jahre als Missionar in Afrika tätig war, fällten gar eine Art Exkommunikationsurteil über Salvini: Wer die Lega wähle, so Zanotelli, sei kein Christ.

          Salvini wiederum schlüpfte angesichts dieser Angriffe in seine Lieblingsrolle des Underdogs, der sich gemeinsam mit dem einfachen Kirchenvolk gegen die Kirchenoberen auflehnt. Er erhalte ungezählte Zuschriften von gläubigen Katholiken, wie er selbst einer sei, berichtete Salvini gerne. Mitunter sprach er von Priestern und sogar von Bischöfen, die sich zustimmend zu seiner harten Migrationspolitik geäußert hätten und mit der Aufmunterung, nicht nachzugeben. Freilich seien die meisten Zuschriften von offiziellen Kirchenvertretern mit der Bitte versehen, die Identität des Schreibers nicht zu enthüllen – aus Sorge vor Maßregelungen oder Strafen.

          Provokante Twitterbotschaft Salvinis

          Mit diesen Erzählungen von breiter anonymer Unterstützung aus dem Kreis der Gläubigen verstärkte Salvini das Narrativ, dass er als wackerer Einzelkämpfer im Interesse der einfachen Leute einen mächtigen Apparat herausfordere: in der Politik wie in der katholischen Amtskirche. Zu seiner letzten Nachricht auf Twitter vor der entscheidenden Senatssitzung stellte Salvini ein vielsagendes Foto von sich: Er sitzt, offenbar mit gefalteten Händen, an seinem Schreibtisch, an der weißen Wand hinter ihm hängt schief ein kleines Kruzifix. Trüge Salvini nicht Hemd und Schlips, er sähe aus wie ein Bettelmönch in seiner Zelle.

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