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Italienische Mafia : Die Bosse des Nordens

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Festnahme in Reggio Calabria: Angeblich ist es der Polizei gelungen, den „Boss der Bosse” festzunehmen Bild: picture alliance / dpa

Mord und Erpressung, Geldwäsche, Prostitution, Rauschgift- und Waffenhandel: Das ist der Alltag des Mafia-Weltunternehmens 'ndrangheta, das Milliarden umsetzt. Längst sind auch die braven Bürger der Lombardei von der organisierten Kriminalität unterwandert.

          Ob die Carabinieri doch einen Spion in die Reihen der sonst durch Blutsbande so fest geschlossenen kalabrischen Mafia, der 'ndrangheta, einschleusen konnten? Oder brachte der interne Kampf um die Unabhängigkeit der reich gewordenen Mafia-Führer rund um Mailand gegen die Mutterorganisation in Süditalien das Netz ans Licht?

          Die Polizei schweigt dazu. Stolz aber verweist sie mit Innenminister Roberto Maroni an ihrer Spitze darauf, dass ihr wohl noch nie ein so großer Fang gelungen ist: 3.000 Sicherheitskräfte nahmen letzte Woche in Nord- und Süditalien 305 Personen fest, darunter vier Carabinieri, die der Mafia zu Diensten gewesen sein sollen. Einer der Festgenommenen ist der „Boss der Bosse“, der 80 Jahre alte Domenico Oppedisano. Er war erst im August 2009 bei einem Hochzeitsbankett einstimmig von den „Männern der Ehre“ dazu bestimmt worden, die Mafia in Kalabrien zu führen. Zudem wurde der Capo der Lombardei, Pino Neri, festgesetzt.

          Das wäre schon Erfolg genug; aber noch wichtiger ist die Festnahme von Bürgersleuten in der braven Lombardei, von denen man bisher nie gedacht hätte, dass auch sie etwas mit der Mafia zu tun haben könnten. Zum Beispiel der Leiter der Gesundheitsbehörde von Pavia, Carlo Antonio Chiriaco, der Bauunternehmer Francesco Bertucca und der Biologe und Unternehmer Rocco Coluccio aus Novara.

          Der mutmaßliche Mafiaführer Oppedisano bei seiner Festnahme am 13. Juli 2010

          Die wichtigsten Einnahmequellen der Mafia

          Sie sollen den Aufbau des norditalienischen Astes der kalabrischen 'ndrangheta betrieben haben, mithin beteiligt sein an Mord und Erpressung, Geldwäsche, Prostitution, Rauschgift- und Waffenhandel. Das sind die wichtigsten Einnahmequellen der Mafia, die im Jahre 2007 rund um den Globus 44 Milliarden Euro umgesetzt haben soll, vor allem mit dem Transport und Verkauf von Rauschgift aus Südamerika nach Europa.

          Das aber ist nur ein Teil des Weltunternehmens 'ndrangheta. Die Bürgersleute in der Lombardei versuchten vor allem, das illegal erwirtschaftete Geld wieder in die legale Wirtschaft zu pumpen und somit reinzuwaschen. Das geschah meist über den Erwerb staatlicher Bauaufträge, oft im Gesundheitssektor. Der bisherige Chef des Gesundheitsamts Chiriaco verfügte über einen Jahreshaushalt von etwa 800 Millionen Euro. Das gibt Spielraum für Geldwäsche.

          Staatliche Aufträge können die Mafiosi oft billiger erledigen als andere Bewerber, weil sie zum Beispiel auf Baustellen ihren Schutt nicht ordnungsgemäß entsorgen, sondern illegal unter die Erde bringen. In Polizeiberichten ist von 2,05 Millionen Kilo Müll aus zwei Baustellen in der Gegend um Como und Bellinzona die Rede. Schon seit Jahren handelt die 'ndrangheta mit Müll; auch Sondermüll, den sie zum Beispiel deutschen Vertragspartnern günstig abnahm und dann verängstigten Bauern in Süditalien unter die Äcker pflügte. Krankheit und Missernten sind die Folgen.

          Italiens Mafia-Struktur mit straffer Hierarchie und Kontrollrat

          Bisher hatte es in der Propaganda des Nordens, vor allem bei der „Lega Nord“ geheißen, allein der Süden verfalle der Mafia. Tatsächlich war der Norden zunächst nur ein Ruheort für bedrängte Mafiosi. Dann entstand allmählich eine eigene Mafia-Struktur mit straffer Hierarchie. Die verschiedenen Clans des Südens schlossen sich im Norden zusammen und schufen einen Kontrollrat, der zwar nicht entscheiden, aber zwischen Nord und Süd Brücken bilden sollte.

          Nach einem Video, das die Zeitung „Repubblica“ verbreitete, versuchte die 'ndrangheta der Lombardei 2008, sich vom Süden selbständig zu machen. Am 14. Juli wurde dann der 60 Jahre alte „Separatist“ Carmello Novella in einer Bar in San Vittore Olona bei Mailand erschossen. Die Mutterorganisation in Kalabrien beendete blutig den Versuch der Selbständigkeit ihrer nördlichen Söhne. Dem beugte sich Pino Neri, der, wie ein anderes Video zeigt, den versammelten Herren bei einer Abstimmung zurief: „Wir müssen an die Dinge denken, die uns vereinen, nicht trennen.“ Man habe doch dasselbe Ziel.

          Die 'ndrangheta agiert auch in der Politik

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