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Italien : Zwischen Beifall und Buhrufen

  • -Aktualisiert am

Die Unmöglichkeit einer Insel: Auf Sizilien helfen Urlauber und Küstenwache Flüchtlingen an Land Bild: dpa

Cécile Kyenge, die aus Kongo stammende Integrationsministerin, wird von Nationalisten angefeindet und rassistisch beschimpft. Viele Flüchtlinge hoffen auf sie - und eine liberalere Einwanderungspolitik.

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          Viele schwarzafrikanische Einwanderer in Italien setzen ihre Hoffnungen auf Cécile Kyenge. Immerhin stammt die Integrationsministerin ebenfalls aus Schwarzafrika, genauer: aus Kongo. Dagegen ist sie Nationalisten, die Einwanderer als Bedrohung sehen, ein Dorn im Auge. Von ihnen wird Kyenge nicht nur politisch kritisiert. Immer wieder muss sich die 1964 geborene Tochter eines Häuptlings aus Kambove nahe Katanga, eine Augenärztin, gegen rassistische Beleidigungen verwahren.

          In diesen Sommerwochen, wenn bei relativ ruhiger See besonders viele Flüchtlinge aus Nordafrika die südlichsten Punkte Europas erreichen, will sie Italien für eine liberalere Einwanderungspolitik gewinnen. Kyenge hat nicht nur Ministerpräsident Enrico Letta auf ihrer Seite; wichtiger ist vielleicht noch Papst Franziskus, der auf Lampedusa „brüderliche Solidarität“ mit Flüchtlingen gefordert hatte und im September wieder eine Flüchtlingseinrichtung besuchen will.

          Schlechte sanitäre Anlagen in den überfüllten Aufnahmelagern

          Dieser Tage reiste Kyenge durch die Aufnahmelager Italiens. Bisweilen konnte sie dabei im Gespräch mit Migranten ihre Muttersprache nutzen. Doch ihr Fazit der Reise fiel negativ aus. Die meisten Lager seien überfüllt, einige mussten, wie die in Modena und Bologna, wegen schlechter sanitärer Verhältnisse geschlossen werden. Auch Italiens zeitweilig größtes Lager nahe dem Flughafen Lamezia Terme in Kalabrien ist geschlossen worden. Dort hatten Flüchtlinge vor Monaten aus Protest alte Matratzen in Brand gesteckt und die Straße blockiert.

          Nach gewalttätigen Auseinandersetzungen wurde jetzt auch das alte Lager in Isola Capo Rizzuto nahe dem kalabrischen Crotone am Ionischen Meer geschlossen. Auf bisher ungeklärte Weise war ein Jugendlicher aus Marokko bei internen Kämpfen gestorben. 1.450 Personen lebten in dem für 900 Personen ausgelegten Lager. Drei von ihnen wurden wegen Gewaltanwendung und Zerstörung von Staatseigentum in Schnellverfahren angeklagt. Doch der Richter sprach sie frei: Sie hätten sich nur in einer Lage verteidigt, die der von Folter und Entwürdigung ähnlich sei und in die sie der italienische Staat gebracht habe.

          Cécile Kyenge: fordert eine neue Flüchtlingspolitik „ohne ideologische Brille“
          Cécile Kyenge: fordert eine neue Flüchtlingspolitik „ohne ideologische Brille“ : Bild: dpa

          „Il Giornale“, die Tageszeitung der Familie Berlusconi, titelte daraufhin: „Nun haben die Einwanderer das Recht auf Gewalt“. Als Kyenge jetzt zu einem neuen Lagerabschnitt nahe Crotone kam, wurde ihr Wagen von Flüchtlingen aufgehalten. Zwischen Beifall und Buhrufen wurde die Ministerin aufgefordert, „die ganze Wahrheit über unsere Lebensbedingungen hier zur Kenntnis zu nehmen“. Das wolle sie tun, bekundete Kyenge und nahm die Beschwerden entgegen. Als Erstes sollen die Container aus Kunststoff und Metall ausgetauscht werden, in denen die Menschen ohne Luftkühlung leben müssten. Italien sei kein rassistisches Land, sagte die Ministerin, die selbst oft wegen ihrer Hautfarbe belästigt wird, der katholischen Zeitung „Avvenire“.

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