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Italien und die Flüchtlinge : Es kommt wohl wieder ein Boot an

Dieses Boot erreicht Lampedusa mit etwa 500 Flüchtlingen Bild: ANSA

Der Sommer auf Lampedusa ist eine Zeit des andauernden Notfalls. Denn die Süditaliener sind von der großen Zahl der illegalen Einwanderer und deren Armut überfordert.

          5 Min.

          Vom Restaurant „Il Saraceno“ aus hat man einen guten Blick auf den Hafen von Lampedusa. Es liegt hoch oben auf den Klippen über der Bucht. Wind weht vom Meer herauf. Das Meer liegt unten blau und still, am Horizont im Dunst. Türen und Fenster stehen offen. Die Tische sind gedeckt, doch noch hängt Nachmittagsstille im Raum. Hinten schläft auf einem Sofa eine Frau, in Hauskittel und Pantoffeln, die Mutter der Lega-Nord-Politikerin Angela Maraventamo. Ihre Tante wischt den Boden, in bedächtigen Schwüngen.

          Susanne Kusicke
          Redakteurin der Politik.

          Angela Maraventamo sitzt am vordersten Tisch auf der Veranda und starrt hinunter auf den Hafen. Dort unten ist etwas in Bewegung. Die Boote der Küstenwache und der Zollkontrolle sind ausgelaufen, alle und auf einen Schlag, leer liegt der Quai. Am äußersten Ende des letzten Piers ist ein Krankenwagen vorgefahren, Polizeiwagen parken davor. Wie magnetisch angezogen steuern die Leute im Hafen darauf zu: kleine schwarze Punkte, die plötzlich nur noch eine Richtung kennen. „Es kommt wohl wieder ein Boot an“, sagt Angela Maraventamo.

          „Die illegale Einwanderung ist ein riesiges Geschäft“

          Sie zuckt mit den Schultern, halb resigniert, halb abgeklärt, und steckt sich eine Zigarette an. Die Falten an ihren Mundwinkeln graben sich noch ein wenig tiefer. Die Politikerin ist bekannt auf der ganzen Insel. Im Juni kandidierte sie im Wahlkreis Sardinien-Lampedusa für die Lega Nord und erhielt 1.400 Stimmen. Es ist der einzige Flecken in Süditalien, wo die Partei aus dem Norden etwas zu sagen hat.

          Vom Boot kommen die Flüchtlinge direkt ins Lager
          Vom Boot kommen die Flüchtlinge direkt ins Lager : Bild: ANSA

          Was Angela Maraventamo zu sagen hat, richtet sich gegen die vielen illegalen Einwanderer aus Afrika, vor allem aber gegen die Politiker in Rom, die den Schleusern nicht nur nicht das Handwerk legten, sondern sogar noch davon profitierten. „Die illegale Einwanderung ist kein Problem, sondern ein riesiges Geschäft, eine Allianz zwischen gewissen Leuten. Alle sind daran beteiligt, Politiker, Präfekten, Polizei und Küstenwache. Ganz Italien verdient daran. Alle sind korrupt, alle sind verantwortlich“, sagt sie und schwenkt weltumspannend die Arme über dem Kopf.

          Von den Einwanderern überfordert

          „Lampedusa kann nicht all diese Leute aufnehmen, und sie ruinieren den Ruf der Insel. Wir sollten die Tore schließen“, sagt sie und sieht hinaus auf das Meer, das weder Tor noch Straße hat. Tatsächlich verfügt Lampedusa nicht über die Mittel, die vielen Einwanderer über längere Zeit zu beherbergen, und so gastfreundlich die Süditaliener eigentlich sind - von der großen Zahl der Einwanderer, auch ihrer Armut, sind sie überfordert. Der Sommer auf Lampedusa ist eine Zeit des andauernden Notfalls.

          Die Insel hat kein Krankenhaus und kein Sozialamt, kaum Verkehrswege. Sie ist nichts als ein gelber Kalkfelsen auf der Fahrt nach Afrika, oder umgekehrt: nach Italien. Zu Beginn der Industrialisierung wurde Lampedusa abgeholzt und nie wieder aufgeforstet. Der Wind trug den Humusgrund davon, seitdem wachsen nur noch Büsche und Agaven. Die Fähre braucht acht Stunden nach Sizilien, bei hohem Seegang zehn. Aber es ist ein beliebter Urlaubsort der Italiener, und viele Sizilianer haben hier ein Ferienhaus.

          Stacheldraht sichert das Aufnahmelager

          Von ihnen, den Touristen, soll jede Berührung mit den Fremden ferngehalten werden. Wird ein Flüchtlingsboot entdeckt, schleppt die Küstenwache es in den Hafen, und die Polizei fährt die Insassen sofort an den Flughafen. Dort gibt es ein kleines Aufnahmelager, das beständig überfüllt sein soll. Seit einem kritischen Bericht der „Ärzte ohne Grenzen“ lassen die Behörden keine Journalisten mehr hinein.

          Als die Regierung in Rom vor einem Jahr plante, ein neues, großes Aufnahmelager auf Lampedusa zu bauen, schlossen Restaurant- und Geschäftsbesitzer, Tauchschulleiter und Hotelbetreiber aus Protest zwei Tage lang ihre Türen, und die Politikerin von der Lega Nord kettete sich am Bauzaun an. Das Lager wurde nicht gebaut. Das alte Lager am Flughafen wird streng bewacht. Stacheldrahtrollen sichern es.

          Abschiebung droht innerhalb von 60 Tagen

          Bevor die Reisenden in den Hotelbus steigen, können sie von fern Gestalten auf dem Vorplatz sehen, frische Luft schnappend, den Flugzeugen nachschauend. Die Migranten bleiben dort nur zwei, drei Tage lang, dann werden sie in andere Lager gebracht, nach Agrigento, Syrakus oder Tapani auf Sizilien oder weiter auf das italienische Festland, wo viele Lager leerstehen, seit der Strom der Einwanderer aus Albanien und Jugoslawien versiegt ist: nach Crotone in Kalabrien, Bari oder Foggia in Apulien.

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