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Corona in Italien : Erstmals Entschädigung für Impffolgen

Impfzentrum in einer Grundschule in Neapel im Januar 2022 Bild: Reuters

Ein Gericht in Genua hat den Hinterbliebenen einer Frau, die an den Folgen einer Corona-Impfung starb, eine Entschädigung von 77.468 Euro zugesprochen. Den Eltern des Opfers ist das zu wenig.

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          Francesca T., eine 32 Jahre alte Lehrerin aus Genua, starb am 4. April 2021 auf der Intensivstation des Krankenhauses San Martino. Als Todesursache wurde eine Hirnthrombose ermittelt. Zwei Tage zuvor hatte die gesunde junge Frau eine Dosis des Astra-Zeneca-Impfstoffes gegen Covid-19 erhalten. Bereits wenige Stunden nach der Impfung klagte sie über starke Kopfschmerzen. Anderntags fanden die Eltern ihre Tochter bewusstlos auf, ein Notarztwagen brachte sie in die Klinik. Einen weiteren Tag später starb die Frau im Krankenhaus.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die gerichtsmedizinische Untersuchung des Leichnams ergab, dass Francesca T. an den Nebenwirkungen der Covid-19-Impfung starb. Die Staatsanwaltschaft stellte ihre strafrechtlichen Ermittlungen wegen eines möglichen Kunstfehlers gegen die Ärzte in der Klinik sowie im Impfzentrum ein. Die plötzliche Hirnthrombose stehe in einem unmittelbaren und ursächlichen Zusammenhang mit der Verabreichung des Impfstoffes, stellten die Fachärzte und Gerichtsmediziner fest.

          Fünfzig Millionen für Opfer von Impfnebenwirkungen

          Ein Gericht in Genua hat den Hinterbliebenen der Frau nun eine Entschädigung in Höhe von 77.468 Euro zugesprochen. Es ist das erste Mal, dass ein Gericht in Italien den Staat zur Zahlung einer Entschädigung wegen Impfnebenwirkungen verurteilt. Zahlreiche weitere Fälle sind vor den Gerichten anhängig. In der Mehrzahl handelt es sich um junge Frauen, die kurz nach der Impfung mit dem Astra-Zeneca-Vakzin schwer erkrankten oder verstarben. Aber auch die Ursache von Todesfällen kurz nach der Impfung mit anderen Impfstoffen müssen die Gerichte klären.

          Die Eltern der verstorbenen Lehrerin und deren Anwälte wollen angesichts der für ein verlorenes Leben geringen Entschädigungssumme nun Zivilklage gegen den italienischen Staat einlegen. Als Lehrerin unterlag die Verstorbene zum Zeitpunkt der Impfung der berufsbezogenen Impfpflicht für Personen, die in Kindergärten, Schulen und Hochschulen tätig sind. Bereits im Januar dieses Jahres hat das Kabinett in Rom die Einrichtung eines Entschädigungsfonds für Opfer von Impfnebenwirkungen beschlossen.

          In diesem Jahr stehen 50 Millionen Euro zur Verfügung, im kommenden Jahr weitere 100 Millionen Euro. Auf die Einrichtung des Fonds hatte nicht der eigentlich zuständige Gesundheitsminister Roberto Speranza gedrängt, der einer kleinen Linkspartei angehört, sondern Wirtschaftsminister Giancarlo Giorgetti von der rechtsnationalen Lega. In Italien gibt es eine informelle Koalition aller wesentlichen Kräfte der Linken, die Impfungen sowie eine allgemeine Impfpflicht befürwortet. Impfskeptiker und Gegner der Impfpflicht sind überwiegend Unterstützer rechter Parteien.

          Ob die Einführung der altersbezogenen Impfpflicht zum 1. Februar ein Erfolg war, sehen Politiker, Fachleute und Kommentatoren unterschiedlich – gemäß ihrer grundsätzlichen Haltung zu staatlichen Zwangsmaßnahmen im Kampf gegen die Pandemie. Die Impfpflicht für Personen über 50 Jahre gilt noch bis zum 15. Juni. Zu einer nennenswerten Zunahme der Impfquote in der Kohorte von gut 93 Prozent hat die zudem zeitlich begrenzte Impfpflicht nicht geführt.

          Nach Angaben der Behörden wurden bisher 1,2 Millionen Bescheide zur Zahlung des einmaligen Bußgeldes in Höhe von 100 Euro verschickt, weitere 600.000 sollen in den kommenden Tagen versendet werden. Es ist die größte Strafaktion gegen bisher unbescholtene Bürger in der Geschichte der Republik.

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