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NS-Massaker in Italien : Versehrter Ort, versehrte Menschen

Bis heute sind nicht alle Opfer identifiziert: Gedenkveranstaltung in Sant’Anna di Stazzema am Montag. Bild: ROPI

Vor 75 Jahren ermordeten deutsche Soldaten in einem Bergdorf in der Toskana 560 wehrlose Menschen. Die Täter wurden nicht zur Rechenschaft gezogen.

          Mario Marsili verdankt sein Leben dem Holzpantoffel seiner Mutter. Genny Marsili selbst, damals 28 Jahre alt, überlebte das Massaker nicht. Sie wurde erschossen, ihr Leichnam anschließend verbrannt. Es geschah am 12. August 1944 gegen halb sieben Uhr morgens in Sant’Anna di Stazzema.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der Weiler und die verstreuten Gehöfte ringsum liegen rund 700 Meter hoch in den Apuanischen Alpen im Nordwesten der Toskana. Von Lichtungen im dichten Laubwald öffnet sich der Blick auf das Schwemmland in der Ebene. Von dort schimmern im gleißenden Sonnenlicht die weißen Dächer der Gewächshäuser herauf und aus der Ferne das fahle Blau des Ligurischen Meeres.

          Die Geschichte seines Überlebens hat Mario Marsili zum ersten Mal schon vor mehr als sieben Jahrzehnten einem Reporter des Wochenblatts „La Domenica degli Italiani“ erzählt. Damals war der nicht nur körperlich schwer gezeichnete Junge Mario sieben Jahre alt. Die Reportage über „das wundersame und schreckliche“ Erlebnis des kleinen Mario erschien in der Ausgabe vom 9. Dezember 1945. Auf dem Titelblatt war eine dramatisierende Zeichnung des Geschehens zu sehen: Eine am Boden liegende junge Frau erhebt die Hand zum Wurf ihres Pantoffels, vor ihr der Schattenwurf eines deutschen Soldaten mit Stahlhelm.

          Nach Luftangriffen der Alliierten

          In den frühen Morgenstunden des 12. Augusts 1944 zogen 250 bis 300 Soldaten der 16. Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ die schmalen Saumpfade nach Sant’Anna di Stazzema hinauf. Unten in der Ebene hatte es seit Wochen Luftangriffe der Alliierten, auch Überfälle italienischer Partisanen entlang der sogenannten Gotenstellung gegeben. So nannten die Deutschen die befestigte Verteidigungslinie, die in Oberitalien quer durch die Halbinsel verlief: auf rund 320 Kilometer Länge von Massa-Carrara an der ligurischen Küste im Westen bis nach Pesaro an der Adria im Osten.

          Die Gotenstellung war nur ein weiterer „uneinnehmbarer“ Verteidigungswall, den die Wehrmacht und die SS-Truppen nicht würden halten können. So wie in den Monaten zuvor die befestigte Gustav-Linie und dann die Cäsar-Linie in Mittelitalien, die nach schweren Stellungskämpfen von den Alliierten unter amerikanischer und britischer Führung im Frühling und Frühsommer 1944 überrannt wurden.

          Zur mittelbaren Vorgeschichte der Gefechte von Mitte 1944 in der Toskana und dem Massaker von Sant’Anna di Stazzema gehört die Absetzung und Festnahme des Hitler-Verbündeten Benito Mussolini durch König Viktor Emanuel III. am 25. Juli 1943. Der definitive Seitenwechsel Italiens von den Achsenmächten zu den Alliierten im September 1943 hatte sodann die Besetzung Italiens durch die Wehrmacht zur Folge, die freilich nur wenige Monate Bestand haben sollte.

           Für jeden getöteten Deutschen sollten zehn Italiener mit dem Leben bezahlen

          Schon Monate vor dem Massaker von Sant’Anna di Stazzema hatten die Wehrmacht und die SS, die unter dem Befehl von Generalfeldmarschall Albert Kesselring standen, auf Überfälle von Partisanen und Anschläge der italienischen Resistenza mit sogenannten Sühnemaßnahmen reagiert: Für jeden getöteten Deutschen sollten zehn Italiener mit dem Leben bezahlen.

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