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Italien nach dem Schiffsunglück : Helden im Angesicht des Monsters

  • -Aktualisiert am

Für viele jetzt der hässliche Italiener schlechthin: Francesco Schettino Bild: dpa

Der Kapitän der verunglückten Costa Concordia wird im Internet wüst beschimpft, aber auch ein Held wurde schon gefunden: Italien erforscht sich - ohne Hilfe der Regierung.

          Italien ist nicht so wie das „Monster Francesco Schettino“, beteuert ein Italiener in einem Twitter-Eintrag. Italien müsse sich aber wegen des Kapitäns der „Costa Concordia“ schämen, kommt als Antwort. Seit Freitagnacht, als das Kreuzfahrtschiff mit Sirenengeheul zu nah an der Insel Giglio vorbei steuerte, offenbar um „einen letzten Gruß“ des Oberkellners an dessen Schwester auf die Insel zu schicken, diskutiert Italien über sich selbst, im Internet und in den Zeitungen. Nur die Politiker der neuen Regierung bleiben ihrem Technokraten-Bild treu. Ministerpräsident Mario Monti und seine Minister nehmen an der Debatte nicht teil.

          Im Übrigen aber wird der 52 Jahre alte Kapitän mit den gegelten Haaren als „schmieriger“ Kerl beschimpft, der „natürlich“ aus der Region von Neapel stamme, wo die Camorra „regiert“. Für viele ist er jetzt der hässliche Italiener schlechthin. Immer neue Vorwürfe werden gegen ihn gerichtet: Warum setzte er erst eine Stunde nach der Havarie einen Notruf ab? Warum reagierte er nicht auf Mahnungen von den Häfen? „Fiel“ er wirklich in ein Rettungsschiff, wie er behauptete? Oder verließ er sein Schiff vorzeitig, um - so die neueste Klatsch-Version - eine 25 Jahre alte blinde Passagierin aus Moldau in Sicherheit zu bringen? Doch so plausibel vielen Italienern die Vorwürfe gegen den Kapitän auch erscheinen mögen, es bleiben doch noch viele Fragen offen: Was taten die Offiziere an Schettinos Seite? Warum ließ die Reederei Costa seit Jahren zu, dass ihre Schiffe die enge Passage nehmen?

          Er konnte auf dem Trockenen gut schimpfen

          Es gibt nur wenige, die dem Kapitän zur Seite springen. Die Menschen aus seinem Heimatdorf Meta nahe Neapel bereiteten ihm einen herzlichen Empfang, als er aus der Untersuchungshaft entlassen und unter Hausarrest gestellt wurde. Für einen einzigen Fehler werde der Kapitän „in den Tod gejagt“, klagten Dorfbewohner.

          Der Held, der nur tat, was seine Aufgabe war: Gregorio De Falco

          Doch Italien wäre nicht Italien, wenn es in der Geschichte nicht auch einen Helden fände. Eigentlich kommen viele für die Rolle in Frage, doch selbst um den tapferen Schiffsoffizier, der vielen Passagieren half, bis er sich bei einem Sturz ein Bein brach und 36 Stunden eingeschlossen blieb, wird schon kein Aufhebens mehr gemacht. Beinah vergessen scheinen auch die Bürger von Giglio, bei denen die Schiffbrüchigen Zuflucht, Wärme und Nahrung fanden. Alles konzentriert sich auf den 46 Jahre alten Hafenoffizier Gregorio De Falco. Er war es, der Schettino in der Nacht am Telefon zusammenstauchte („Geh an Bord, Idiot!“), als sich der Kapitän offenbar schon auf dem Festland befand und keine Ahnung hatte, wer sich noch an Bord befand und Hilfe brauchte.

          „Ich bin entsetzt darüber“, bekennt De Falcos Frau Raffaella, „dass eine Person wie mein Mann, die nur tut, was ihre Aufgabe ist, plötzlich zum Helden eines ganzen Landes wird“. Auch dieses Argument wurde im ganzen Land per Twitter ausgiebig diskutiert. „Wenn Normalität zur Heldentat wird, steckt Italien in der Patsche“, schrieb einer. Aber das sei zum Glück nicht so. „Millionen von Mitbürgern tun - oft für wenig Geld - ihre Pflicht; auf der Erde, in der Luft und im Wasser.“ De Falco saß hinter dem Schreibtisch; er konnte auf dem Trockenen gut schimpfen. Aber hatte er nicht zuvor viele Male schweigend zugesehen, als frühere Schiffe die heikle Passage an Giglio vorbei wagten?

          Ein Zeichen der Normalität

          Darum machen sich manche Italiener auf die Suche nach den wahren Helden der italienischen Seefahrt. So wird an Kapitän Piero Calamai erinnert, dessen Luxusliner „Andrea Doria“ 1956 an der Küste von New York im Nebel gegen die „Stockholm“ stieß. Nachdem Calamai so viele Passagiere wie möglich in die Rettungsboote gebracht hatte, ging er selbst am Steuer mit seinem Schiff unter getreu der Maxime: Der Kapitän geht als Letzter von Bord.

          Gesellschaftspolitische Deutungen werden ebenfalls mitgeliefert. „Auch ein demokratisches und republikanisches Italien braucht seine Helden“, meint der Schriftsteller Pierluigi Battista. Zu verheerend seien die nationalen Niederlagen gewesen - als Beispiel dient jener Septembertag des Jahres 1943, als Italiens König Viktor Emanuel III. aus Furcht vor den Nationalsozialisten und einer italienischen Niederlage seine Kommandobrücke verließ, um nach Brindisi zu fliehen. Seither wurden einerseits Staatsanwälte, Richter und Politiker, die sich für Recht und Demokratie einsetzten, von der Mafia oder Linksterroristen getötet. Seither musste Italien andererseits auch den „Berlusconismo“ ertragen, an dessen Ende der zum „Latin Lover“ mutierte Ministerpräsident gleichsam von der Kommandobrücke der Regierung getragen werden musste, um Italien wieder auf Kurs zu bringen. Viele Italiener fragen sich nun, ob es ein Zeichen der Normalität sein könne, dass Staatspräsident Giorgio Napolitano und Berlusconis Nachfolger Mario Monti bisher zur Tragödie „Costa Concordia“ geschwiegen haben. Immerhin sprach Umweltminister Corrado Clini vor dem Abgeordnetenhaus über mögliche Umweltschäden, sollten die Treibstoffbehälter des Schiffswracks bersten. Ansonsten aber scheint Italiens Politik im Angesicht dieser Krise wie untergegangen.

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