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Italien nach dem Erdbeben : Zum Teil in Hochform

Nach dem Erbeben: Der Katastrophenschutz hat nahezu perfekt funktioniert Bild: dpa

Die Italiener vergleichen die Funktionsfähigkeit ihres Staates mit dem gefleckten Leopardenfell besserer und schlechterer Dienste. Doch ausgerechnet in der Notlage des Erdbebens in den Abruzzen hat Italien nahezu perfekt funktioniert.

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          Italien wurde in den Abruzzen von der größten Naturkatastrophe seit fast dreißig Jahren heimgesucht. Das Land, das sonst in ganz Europa und darüber hinaus als Symbol für vielerlei Unzulänglichkeiten gilt, hat ausgerechnet in der Notlage nahezu perfekt funktioniert. Nach früheren Erdbeben in Friaul oder im Hinterland von Neapel hatte es Tage gedauert, bis die Retter das organisatorische Chaos überwanden und zu den Ruinen vordrangen. Dagegen wurde den Opfern des Erdbebens in L'Aquila und Umgebung schon wenige Stunden nach den verhängnisvollen Erdstößen Hilfe zuteil. Wirklichkeitsnahe Pläne, schnelle Reaktionen und gute Koordination der Rettungskräfte haben in den Abruzzen Schlimmeres verhindert, obwohl dort die lokale und regionale Verwaltung zusammengebrochen ist.

          Tobias Piller
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          So wurde es möglich, mehr als hundert Verschüttete lebend aus den Ruinen zu bergen. 15 Stunden nach dem Erdbeben standen bereits Feldküchen und Zelte zur Unterbringung von Obdachlosen. Innerhalb von eineinhalb Tagen waren in und um L'Aquila bis zu 12.000 Helfer zur Stelle. Daher hat Ministerpräsident Berlusconi auf die angebotenen Hilfsverbände und Materialien aus dem Ausland fürs Erste verzichtet. Mit diesen wäre die Koordination vielschichtiger und verworrener geworden, ohne dass die Rettungsaktionen entscheidend an Schnelligkeit und Wirksamkeit gewonnen hätten. (siehe: Erdbeben in den Abruzzen: Zielstrebig gehandelt)

          Ein erfahrener Katastrophenschützer

          Warum funktioniert Italien nicht immer so wie in diesem Notfall? Ein Großteil der Erklärung und der Verdienste gebührt sicher dem Chef des italienischen Zivilschutzes, Bertolaso, der seine Organisation in Hochform gebracht hat. Es ist in einem Notfall wie in den Abruzzen ein Glücksfall, dass Italien einen obersten Katastrophenschützer besitzt, der vielfältige Erfahrungen gesammelt hat - von der Leitung eines Dschungelkrankenhauses an Thailands Grenze bis hin zur Müllkatastrophe in Neapel - und deshalb in der Lage ist, extreme Fälle im Voraus zu bedenken. Bertolaso hat Massenveranstaltungen wie den Weltjugendtag oder das Begräbnis Papst Johannes Pauls II. geregelt und ist auf ganz unitalienische Weise bereit, Aufgaben auf andere zu übertragen oder anderen zu überlassen. Sein mittlerweile angesammeltes Charisma hilft nun auch, sonst übliche Streitigkeiten zu vermeiden: Kein Minister wagt es derzeit, Italiens oberstem Katastrophenschützer dreinzureden.

          Möglich wurden die schnellen Hilfsaktionen in den Abruzzen aber durch den aufopferungsbereiten Einsatz Tausender Helfer. Die handfeste Not bringt im katholischen Italien auch bei denen eine ungeheuer starke Bereitschaft zur Hilfe hervor, die sonst mit abstrakten Ideen der Staatsbürgerpflicht nicht zu erreichen sind. Nicht auszuschließen ist, dass einige von denen, die im Moment unermüdlich für die Opfer des Erdbebens in den Abruzzen zur Verfügung stehen, in ihrem anderen Leben nur das Minimum von „Dienst nach Vorschrift“ leisten.

          Das gefleckte Leopardenfell von besseren und schlechteren Diensten

          Der italienische Alltag steht auch deswegen in scharfem Gegensatz zu den Leistungen im Notfall. Allgemeinplätze machen dennoch wenig Sinn. Viele Italiener schlagen sich auch im Alltag heldenhaft innerhalb des öffentlichen Apparates. Doch enden ihre Bemühungen allzu oft in Frustration, wenn die notwendige Zuarbeit von Kollegen oder anderen Institutionen fehlt. Dass die Funktionsfähigkeit des italienischen Staates im Alltag unbeständig ist und von Italienern verglichen wird mit einem gefleckten Leopardenfell von besseren und schlechteren Diensten, hat schließlich handfeste Gründe.

          Im Alltag reicht die Motivation oft nicht, sich für ein abstrakt verstandenes und schwer erreichbares Gemeinwohl einzusetzen. Italiens Staatswesen wird daher von vielen nicht als Instrument zur Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens gesehen, sondern als Pfründe oder als Steinbruch zur Steigerung des persönlichen Wohls oder zur Förderung des eigenen Clans. Dementsprechend werden etwa Schulen nicht als Institution zur Verbreitung von Bildung gesehen, sondern als Station zur Schaffung von Arbeitsplätzen für arbeitslose Akademiker. Das staatliche Gesundheitswesen dient demnach nicht den Kranken, sondern zur Verteilung von Milliardenbeträgen in armen Regionen. Da finden auch Politiker nichts dabei, Freunden einen Beratervertrag für nutzlose Dienste zukommen zu lassen. Manche Staatsbedienstete arbeiten wiederum erschreckend wenig und sehen nichts Anstößiges darin, wenn sie regelmäßig in der Dienstzeit einkaufen gehen und von den Gewerkschaften gegen Sanktionen geschützt werden.

          Nur mit Notstandsgesetzen

          Um solche Missstände kurzfristig und vordergründig zu lindern, haben die italienischen Politiker immer neue Gesetze formuliert, die wenig bewirken, aber den Staatsapparat immer verworrener und unbeweglicher gemacht haben. Kein Wunder, dass viele Kompetenzstreitigkeiten folgen. Diese sollten wiederum von den Richtern entschieden werden. Doch denen geht es weniger um schnelle und gerechte Entscheidungen, sondern in erster Linie um ihre Privilegien und die indirekten Gestaltungsmöglichkeiten in der Politik. All die Hindernisse im Alltag bedeuten nun, dass L'Aquila und die westlichen Abruzzen nur mit Notstandsgesetzen wieder aufgebaut werden können. Doch darin verbergen sich neue Fallen: Das viele Geld für den Wiederaufbau zieht nun diejenigen an, die eine Aussetzung von gewöhnlichem Recht für die Ausschreibung öffentlicher Bauten zur persönlichen Bereicherung benutzen wollen.

          Die Monate und Jahre nach den erfolgreichen Noteinsätzen werden wieder bestätigen, dass Italien auch zur Überwindung der Folgen von Katastrophen wie in den Abruzzen noch viel tun muss, um nach dem Katastrophenschutz auch den Staatsapparat grundlegend zu erneuern. Den europäischen Nachbarn könnten die bisherigen Leistungen der Italiener dennoch Anlass genug sein, anstelle Erster Hilfe im ersten Notstand nun Unterstützung für konkrete Projekte des Wiederaufbaus anzubieten.

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