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Italien : Im Zweifel gegen Schwule

  • -Aktualisiert am

Regenbogen in Rom: Proteste gegen Angriffe auf Homosexuelle Bild: Minnella/Graffiti/ROPI

Italien ist in Bezug auf die Rechte von Homosexuellen Europas Schlusslicht. Die Politik scheut den Konflikt mit der Kirche - dabei wünscht sich die Mehrheit der Italiener mehr Toleranz.

          5 Min.

          Er war schwul und machte daraus kein Geheimnis. Er zog sich gerne rosa an, von den Jeans bis zum Schulrucksack. In seiner äußerlich unbekümmerten Art war er in seinem Gymnasium beim Kolosseum in Rom beliebt. Ende November erhängte sich der 15 Jahre alte Andrea in seinem Zimmer und ließ seine getrennten Eltern und einen Bruder zurück. Einige Wochen später können seine Schulkameraden den Tod von Andrea, dies ist in Italien ein Männername, noch immer nicht fassen: „Wir trauern und vermissen ihn.

          Wir fühlen uns aber auch angegriffen, weil viele meinen, wir hätten Andrea gehänselt. Das stimmt aber nicht“, beteuern Freunde aus seiner Klasse. In den Zeitungen hieß es, Andrea sei Opfer der Homophobie in der Schule gewesen. Doch nicht nur Fabrizio Marrazzo von der Selbsthilfegruppe Gay Center im Stadtteil Testaccio, der sonst stets den Schwulenhass vieler Italiener beklagt, fand heraus, dass Andreas Selbstmord vor allem einen familiären Hintergrund hat. Die Mutter akzeptierte ihn nicht, wie er war. „Sei, was du willst, aber schenke mir einmal Enkel“, forderte sie.

          Präsident Giorgio Napolitano kritisierte Andreas Selbstmord gleichwohl als Folge einer „unerträglichen schwulenfeindlichen Einstellung in der Nation, die Rechte und Würde der Personen verletzt. Dagegen müssen wir mit Härte etwas tun.“ Tatsächlich kämpfen Abgeordnete wie Anna Paola Concia vom linksbürgerlichen Partito Democratico (PD) seit Jahren für die Erweiterung des „Gesetzes Mancino“, das der Innenminister dieses Namens 1993 zum Kampf gegen den Neofaschismus durchsetzte.

          Europas Schlusslicht

          Es bestraft Diskriminierung und Gewalt aus rassistischen, ethnischen, religiösen oder nationalistischen Gründen als „kriminellen Hass“. Dreimal schon scheiterte seit Beginn der Regierungszeit von Romano Prodi 2006 der Versuch, auch die Homophobie in dieses Gesetz aufzunehmen.

          Nach Fabrizio Marrazzo „versteckt sich die Politik hinter der Kirche“. Vor allem der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi handelte so: „Der Mann, der 1994 antrat, um Italien die liberale Revolution zu bringen, tat nie etwas für die Bürgerrechte. Er wollte gegenüber der Kirche seinen eigenen, vielfach kritisierten Lebensstil verbrämen“, sagt der Kaufmann Marrazzo, der einst für einen mit Berlusconi verbundenen Unternehmer arbeitete, bis jener auf Marrazzos Mitarbeit in Selbsthilfegruppen stieß und ihn auf einen Posten nach Amerika versetzen wollte.

          Da kündigte Marrazzo. Nun arbeitet er hauptberuflich für die schwule Gemeinschaft, die in Italien schwächer ist als anderswo, weil Schwule, Lesben und Transsexuelle nicht überall kooperieren. Marrazzo sagt, durch Berlusconi sei Italien in Europa in Bezug auf die Rechte der Homosexuellen Schlusslicht.

          Einspruch von Papst Benedikt XVI

          Diese Rechtslage spiegelt aber nicht die Haltung der Bürger. Ein Aufschrei ging nach dem Selbstmord des jungen Andrea durch die Nation, seine Schule und Familie mussten Rede und Antwort stehen. Seit Prodis Amtszeit von 2006 bis 2008 würde laut Umfragen eine Mehrheit die Anerkennung schwuler Partnerschaften gutheißen. Heute fordern die Homosexuellen freilich mehr. Sie wollen ihre Partnerschaften der Ehe gleichstellen und fordern ein Adoptionsrecht. Auch dafür gibt es eine knappe Mehrheit.

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