https://www.faz.net/-gpf-14ffa

Italien : Die Giftschiffe der kalabrischen Mafia

  • -Aktualisiert am

Suche nach der „Cursky” Bild: AFP

Es gibt kaum Zweifel daran, dass die Mafia im Mittelmeer vor der Küste Süditaliens Giftmüll versenkt hat. Gefunden wurde bisher aber nichts - dafür gab es bisher bei der Suche einen Toten und viele Merkwürdigkeiten.

          6 Min.

          Die „Cursky“ hätte der erste Beweis sein sollen, nun geht es um die „Rigel“. Sie soll voll beladen mit Giftmüll in den Tiefen des Tyrrhenischen Meers vor der süditalienischen Region Kalabrien liegen, versenkt von der Mafia. Die soll das mit etwa in den achtziger und neunziger Jahren mit mehr als 30 Schiffen gemacht und dabei gleich mehrfach verdient haben: Sie kassierte für den Transport und die angebliche Entsorgung des Giftmülls und dann die Versicherungssumme für das untergegangene Schiff.

          Die „Cursky“ wurde nicht gefunden, obwohl ein Kronzeuge aus der Mafia die Koordinaten angegeben hat, an denen er das Schiff 1992 selbst versenkt haben will. An der angegebenen Stelle in etwa 490 Meter Tiefe auf dem Grund vor der Bucht von Cetraro sei man vielmehr auf das Wrack des Passagierschiffs „Catania“ gestoßen, das 1917 von einem deutschen U-Boot versenkt worden ist, sagte Umweltministerin Stefania Prestigiacomo. Sie will die Menschen beruhigen und nicht zuletzt den Fischern helfen, die ihr Fanggut nicht mehr los werden, weil die Menschen das Gift fürchten. Aber viele Italiener zweifeln an der offiziellen Darstellung.

          „Wir brauchen Klarheit“

          „Sollte dieser Fehlschlag wirklich ein Fehlschlag gewesen sein – er erklärt nichts. Da liegen mit Sicherheit bis zu 39 Schiffe mit Gift auf dem Grund“, sagt Nuccio Barilla, der regionale Vorsitzende der Umweltorganisation „Lega Ambiente“ in Reggio Calabria. „Wir brauchen Klarheit.“ Daher strengte Barilla am 5. November ein neues Verfahren vor der örtlichen Staatsanwaltschaft an – nun geht es um die „Rigel“, die 1987 verschwunden ist und seit 1994 gesucht wird. Als sie am 21. September 1987 aus dem Hafen von Neapel auslief, hatte die „Rigel“, die ausrangierte Maschinenteile geladen haben soll, Frachtpapiere, die nicht mit den Angaben übereinstimmten, die der Versicherer hatte. Der weigerte sich dann, die Versicherungssumme von mehr als 20 Millionen Pfund zu zahlen – und der Schiffseigner verzichtete verdächtig schnell darauf, seine angeblichen Ansprüche vor Gericht durchzusetzen. Anfang 2001 wurde das Verfahren wegen des Verschwindens der „Rigel“ eingestellt, weil man sich nicht in der Lage sah, das Schiff am Grund zu finden.

          Heute sei die Technik weiter als damals, schreibt Barilla in seiner Eingabe, daher bestehe die Notwendigkeit, die Untersuchungen wiederaufzunehmen. Barilla weiß nennt die seiner Ansicht nach richtigen Koordinaten, bei denen die „Rigel“ 500 Meter tief auf dem Grund des Ionischen Meeres zwanzig Meilen östlich von Kalabrien liegt: exakt 37.58.4N/16,49.4E. Bisher war sie wegen eines „Übertragungsfehlers“ der Koordinaten in den Gerichtsunterlagen an einer anderen Stelle vermutet worden.

          Die Mafia soll Millionen von Tonnen Sondermüll aus europäischen Ländern, auch aus Deutschland, an Land in Kalabrien, in Grotten an der Küste und auf dem Meeresboden beseitigt haben, nachdem sogar Bürgerkriegsländer wie Somalia ihn nicht mehr als Gegenleistung für Waffenlieferungen aufnehmen wollten. Der kalabrischen Mafia, der ’Ndrangheta, verhalf dieses Geschäft nicht nur zu enormen Gewinnen, sondern verschaffte ihr auch wertvolle internationale Kontakte. Dass sie sich auch in Deutschland eingerichtet hat, wurde 2007 mit sechsfachen Mord von Duisburg deutlich.

          In Kalabrien arbeitete die ’Ndrangheta Ende der achtziger Jahre mit Ingenieur Giorgio Comerio zusammen, der zunächst im Auftrag der italienischen Regierung Atomschlamm auf dem Meeresgrund versenkt haben soll und dann die Giftschiffe so mit Sprengstoff präparierte, dass sie wie ein Torpedo in den Meeresboden „geschossen“ wurden. Zuvor hatte er die giftige Ladung mit Marmorpulver und Marmorblöcken so bedeckt, dass diese strahlende Ladung mit Messgeräten schlecht geortet werden kann.

          „Natale wollte kein Held sein“

          Die „Lega Ambiente“ fordert die Suche nach der „Rigel“ – dazu in der Lage ist wegen der enormen Kosten nur der Staat, der sich willig zeigt. Umweltministerin Prestigiacomo sagt, sie habe sich der Suche nach den Giftschiffen verschworen, und Staatsanwalt Bruno Giordano machte sich schon als Anti-Mafia-Ermittler bei der Suche nach der „Cursky“ einen Namen. Offiziell also wollen Wissenschaftler, Politiker, Anwälte und Richter die Giftschiffe finden. Aber dass die Suche nach der „Rigel“ schon einmal vergeblich war, hat möglicherweise auch mit einem rätselhaften Todesfall zu tun.

          Der mit der Suche beauftragte Korvettenkapitän Natale de Grazia aß am 13. Dezember 1995 mit zwei Polizisten der Gendarmerie an einer Autobahnraststätte bei Salerno auf dem Weg nach Neapel zu Abend – bis auf den Nachtisch dasselbe Menü. Kurz darauf war der 1956 geborene und nach Angaben seiner Witwe Anna Vespia de Grazia kerngesunde Mann tot. In der ersten Autopsie war von einem Herz-Kreislauf-Zusammenbruch die Rede. Die zweite wurde aus unerklärlichen Gründen von demselben Amtsarzt ausgeführt und erbrachte dasselbe unklare Ergebnis. „Es deutete von vornherein alles auf Mord hin. Aber beweisen kann ich es bis heute nicht“, sagt Anna Vespa de Grazia.

          Die Beisetzung ihres Mannes war fast ein Staatsakt. Nicht nur die Kameraden folgten dem Sarg des charismatischen Offiziers, auch „die Obrigkeit war reichlich vertreten, gewiss auch viele ,ehrenwerte Herren‘, die gerne ihr Kreuz auf der Brust tragen“, sagt die Witwe. Im Mai 2001 erhielt der Tote von Staatspräsident Ciampi postum eine goldene Medaille, die ihn dafür auszeichnete, dass er bei der Erfüllung seiner Pflichten gestorben sei. Gemeinhin zieht das Vergünstigungen für die Ausbildung der Halbwaisen nach sich. Doch Natale de Grazias Söhne gingen leer aus.

          Auf dem Schreibtisch der Witwe häufen sich die Zeitungen. Jede neue Wendung in dem Skandal um die Giftsschiffe im Meer vor Kalabrien erlebt sie seit damals mit. „Natale wollte kein Held sein. Er tat seine Pflicht. Die Justiz hatte ihn eingesetzt, um die Untersuchungen nach den vermissten Schiffen voranzutreiben. Natale war weder rechts noch links. Das Gift ist ein Gesundheitsrisiko für uns alle, und darum wollte er es finden.“ Heute gibt sie zu, dass sie zu spät merkte, dass ihr Mann in den letzten Wochen seines Lebens besorgt und unruhig war. Sie habe einmal gefragt: „Riskierst du etwas?“ Darauf er: „Nein, ich bin nur ein Techniker.“ Erst nach dem rätselhaften Tod erfuhr sie, dass das gesamte Team von Natale de Grazia bedroht worden war. Wenig später wurden die Untersuchungen zur „Rigel“ eingestellt. Als bald darauf in der Staatsanwaltschaft die Zuständigkeit wechselte, verschwanden auf rätselhafte Weise viele Akten.

          Natale de Grazia wusste Mitte der neunziger Jahr noch weniger, als heute bekannt ist. Aber schon 1990 war die „Jolly Rosso“ mit einer mysteriösen Ladung an der kalabresischen Küste gestrandet und von geheimer Hand – ohne Einspruch der Behörden – in einer Nacht gelöscht worden. Schon 1992 gab es glaubwürdige Berichte, dass kurz hintereinander drei Schiffe mit Dynamitstäben versehen und versenkt worden waren. Es war aufgefallen, dass sich Lloyds einer Zahlung entzogen hatte. Aber erst Jahre nach Natale de Grazias Tod gab einer der Organisatoren von der ’Ndrangheta 2005 Auskunft. Der als reuiger Kronzeuge geltende Francesco Fonti bestätigte die Versenkung der „Rigel“ und von zwei weiteren Giftschiffen mit Dynamitstangen.

          Die ’Ndrangheta-Familien von San Luca hätten damals einer Reederei in Messina auf Sizilien „einen Gefallen getan“ und pro schrottreifem Schiff 75.000 Euro erhalten. Es habe sich insgesamt um mehr als 30 Schiffe gehandelt, sagte der „reuige“ Kronzeuge Fonti. Er gab auch die vermeintlichen Koordinaten der „Cursky“ an, die er 1992 selbst mit radioaktiv verseuchtem Müll versenkt habe.

          „Was ist das für ein Land?“

          Waren seine Angaben irrtümlich oder absichtlich falsch? Oder sucht der Tauchroboter die „Cursky“ nun gar nicht dort, wo Fonti sie versenkt haben will, wie in der jüngsten Ausgabe des Magazins „L’espresso“ vermutet wird. Wurden absichtlich Koordinaten verwechselt? Das Schiff, das die Umweltministerin als Passagierdampfer „Catania“ ausgab, hat offenbar andere Maße als jene, die die „Catania“ nach dem Verzeichnis ihrer nachweisbaren Baudaten von 1906 haben müsste. Es gibt weitere Widersprüche: Der eine Beamte berichtet, man habe bei der Untersuchung eine blühende Fauna um das Wrack herum gesehen; der andere sagt, es seien nur technische Messungen erfolgt. Man habe gar nichts „gesehen“. Allemal gebe es in dieser Tiefe keine Fauna mehr. In anderen Berichten ist davon die Rede, es seien Fässer aus dem aufgerissenen Boden des gefundenen Schiffes gerollt, „das so voll davon war, dass ein Fisch vergeblich versuchte hineinzuschwimmen“. „L’espresso“ spricht von tausend ungelösten Geheimnissen.

          „Es geht nicht nur um die verlorenen Schiffe mit Giftmüll oder um den atomaren Müll unter der Erde. Es geht auch um das Vertrauen einer ganzen Generation, die sich nicht mehr vorstellen kann, dass der Staat und seine Politiker im Interesse des Bürgers handeln“, sagt Anna Vespia de Grazia. Sie weiß, wovon sie redet. Sie zog zwei Söhne im Schatten des bis heute ungeklärten Todes ihres Mannes groß. Und diese beiden Männer im Studentenalter fühlen sich mittlerweile fremd in ihrer Heimat. „Was ist das auch für ein Land, wo über das Verbrechen so lange geschwiegen werden konnte?“, sagt die Mutter, die als Lehrerin immer wieder in der Schule das Thema auf den Giftmüll bringt. Eine richtige Aufklärung in den Schulen gebe es nicht.

          Nuccio Barilla von der „Lega Ambiente“ hat Natale de Grazia gut gekannt. Er sieht die Gefahr einer Katastrophe für Meer und Menschen, wenn möglicherweise eines Tages die Fässer in den Schiffen brechen und sich ihre teuflische Ladung ins Meer abgeben sollten. Aber „natürlich kann ich das alles nicht beweisen“. Wenn heute keiner den Fisch aus Kalabrien kaufen wolle, dann beruhe das auf einem Irrtum. „Aber was wissen die Menschen schon? Sie haben Angst“. Ob seine Arbeit gefährlich sei? Barillas Blick schweift zwischen den Gästen im Café herum. Sie kennen ihn hier alle.

          Weitere Themen

          Tusk ruft Polen zu Protesten auf

          Justizreform in Polen : Tusk ruft Polen zu Protesten auf

          Niemand werde stärker für die polnische Justiz kämpfen. als die Polen selbst, sagt der frühere Präsident Donald Tusk. Die regierende PiS-Partei will Richter belangen, wenn sie sich negativ äußern.

          Keine konkreten Ergebnisse Video-Seite öffnen

          Welt-Klimakonferenz : Keine konkreten Ergebnisse

          Der Abschluss der Klimakonferenz verzögerte sich so lange, wie noch nie zuvor. Mit rund 40 Stunden Verspätung einigten sich die Abgesandten von etwa 200 Staaten auf ein gemeinsames Abschlussdokument. Allerdings wurden wichtige Entscheidungen auf den nächsten Gipfel in einem Jahr im schottischen Glasgow verschoben.

          Topmeldungen

          Klimakonferenz in Madrid : Keinen Schritt weiter

          Mit dem Minimalkonsens der Madrider Klimakonferenz sind die Staaten auf dem Stand von vor einem Jahr geblieben. Vielleicht sollte das Format grundsätzlich überdacht werden.
          Abschied vom Kollegen: Feuerwehrleute am Samstag vor Beginn der Trauerfeier in der Pfarrkirche St. Ägidius in Neusäß

          Gewalttat in Augsburg : Mal wieder junge Männer

          Nach dem Tod eines Feuerwehrmannes auf dem Königsplatz in Augsburg stellen sich viele Fragen: Sind junge Migranten heute gewaltbereiter als früher? Und woran starb das Opfer?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.