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Italien : Die Giftschiffe der kalabrischen Mafia

  • -Aktualisiert am

Suche nach der „Cursky” Bild: AFP

Es gibt kaum Zweifel daran, dass die Mafia im Mittelmeer vor der Küste Süditaliens Giftmüll versenkt hat. Gefunden wurde bisher aber nichts - dafür gab es bisher bei der Suche einen Toten und viele Merkwürdigkeiten.

          6 Min.

          Die „Cursky“ hätte der erste Beweis sein sollen, nun geht es um die „Rigel“. Sie soll voll beladen mit Giftmüll in den Tiefen des Tyrrhenischen Meers vor der süditalienischen Region Kalabrien liegen, versenkt von der Mafia. Die soll das mit etwa in den achtziger und neunziger Jahren mit mehr als 30 Schiffen gemacht und dabei gleich mehrfach verdient haben: Sie kassierte für den Transport und die angebliche Entsorgung des Giftmülls und dann die Versicherungssumme für das untergegangene Schiff.

          Die „Cursky“ wurde nicht gefunden, obwohl ein Kronzeuge aus der Mafia die Koordinaten angegeben hat, an denen er das Schiff 1992 selbst versenkt haben will. An der angegebenen Stelle in etwa 490 Meter Tiefe auf dem Grund vor der Bucht von Cetraro sei man vielmehr auf das Wrack des Passagierschiffs „Catania“ gestoßen, das 1917 von einem deutschen U-Boot versenkt worden ist, sagte Umweltministerin Stefania Prestigiacomo. Sie will die Menschen beruhigen und nicht zuletzt den Fischern helfen, die ihr Fanggut nicht mehr los werden, weil die Menschen das Gift fürchten. Aber viele Italiener zweifeln an der offiziellen Darstellung.

          „Wir brauchen Klarheit“

          „Sollte dieser Fehlschlag wirklich ein Fehlschlag gewesen sein – er erklärt nichts. Da liegen mit Sicherheit bis zu 39 Schiffe mit Gift auf dem Grund“, sagt Nuccio Barilla, der regionale Vorsitzende der Umweltorganisation „Lega Ambiente“ in Reggio Calabria. „Wir brauchen Klarheit.“ Daher strengte Barilla am 5. November ein neues Verfahren vor der örtlichen Staatsanwaltschaft an – nun geht es um die „Rigel“, die 1987 verschwunden ist und seit 1994 gesucht wird. Als sie am 21. September 1987 aus dem Hafen von Neapel auslief, hatte die „Rigel“, die ausrangierte Maschinenteile geladen haben soll, Frachtpapiere, die nicht mit den Angaben übereinstimmten, die der Versicherer hatte. Der weigerte sich dann, die Versicherungssumme von mehr als 20 Millionen Pfund zu zahlen – und der Schiffseigner verzichtete verdächtig schnell darauf, seine angeblichen Ansprüche vor Gericht durchzusetzen. Anfang 2001 wurde das Verfahren wegen des Verschwindens der „Rigel“ eingestellt, weil man sich nicht in der Lage sah, das Schiff am Grund zu finden.

          Heute sei die Technik weiter als damals, schreibt Barilla in seiner Eingabe, daher bestehe die Notwendigkeit, die Untersuchungen wiederaufzunehmen. Barilla weiß nennt die seiner Ansicht nach richtigen Koordinaten, bei denen die „Rigel“ 500 Meter tief auf dem Grund des Ionischen Meeres zwanzig Meilen östlich von Kalabrien liegt: exakt 37.58.4N/16,49.4E. Bisher war sie wegen eines „Übertragungsfehlers“ der Koordinaten in den Gerichtsunterlagen an einer anderen Stelle vermutet worden.

          Die Mafia soll Millionen von Tonnen Sondermüll aus europäischen Ländern, auch aus Deutschland, an Land in Kalabrien, in Grotten an der Küste und auf dem Meeresboden beseitigt haben, nachdem sogar Bürgerkriegsländer wie Somalia ihn nicht mehr als Gegenleistung für Waffenlieferungen aufnehmen wollten. Der kalabrischen Mafia, der ’Ndrangheta, verhalf dieses Geschäft nicht nur zu enormen Gewinnen, sondern verschaffte ihr auch wertvolle internationale Kontakte. Dass sie sich auch in Deutschland eingerichtet hat, wurde 2007 mit sechsfachen Mord von Duisburg deutlich.

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