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Italien : Die Giftschiffe der kalabrischen Mafia

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Natale de Grazia wusste Mitte der neunziger Jahr noch weniger, als heute bekannt ist. Aber schon 1990 war die „Jolly Rosso“ mit einer mysteriösen Ladung an der kalabresischen Küste gestrandet und von geheimer Hand – ohne Einspruch der Behörden – in einer Nacht gelöscht worden. Schon 1992 gab es glaubwürdige Berichte, dass kurz hintereinander drei Schiffe mit Dynamitstäben versehen und versenkt worden waren. Es war aufgefallen, dass sich Lloyds einer Zahlung entzogen hatte. Aber erst Jahre nach Natale de Grazias Tod gab einer der Organisatoren von der ’Ndrangheta 2005 Auskunft. Der als reuiger Kronzeuge geltende Francesco Fonti bestätigte die Versenkung der „Rigel“ und von zwei weiteren Giftschiffen mit Dynamitstangen.

Die ’Ndrangheta-Familien von San Luca hätten damals einer Reederei in Messina auf Sizilien „einen Gefallen getan“ und pro schrottreifem Schiff 75.000 Euro erhalten. Es habe sich insgesamt um mehr als 30 Schiffe gehandelt, sagte der „reuige“ Kronzeuge Fonti. Er gab auch die vermeintlichen Koordinaten der „Cursky“ an, die er 1992 selbst mit radioaktiv verseuchtem Müll versenkt habe.

„Was ist das für ein Land?“

Waren seine Angaben irrtümlich oder absichtlich falsch? Oder sucht der Tauchroboter die „Cursky“ nun gar nicht dort, wo Fonti sie versenkt haben will, wie in der jüngsten Ausgabe des Magazins „L’espresso“ vermutet wird. Wurden absichtlich Koordinaten verwechselt? Das Schiff, das die Umweltministerin als Passagierdampfer „Catania“ ausgab, hat offenbar andere Maße als jene, die die „Catania“ nach dem Verzeichnis ihrer nachweisbaren Baudaten von 1906 haben müsste. Es gibt weitere Widersprüche: Der eine Beamte berichtet, man habe bei der Untersuchung eine blühende Fauna um das Wrack herum gesehen; der andere sagt, es seien nur technische Messungen erfolgt. Man habe gar nichts „gesehen“. Allemal gebe es in dieser Tiefe keine Fauna mehr. In anderen Berichten ist davon die Rede, es seien Fässer aus dem aufgerissenen Boden des gefundenen Schiffes gerollt, „das so voll davon war, dass ein Fisch vergeblich versuchte hineinzuschwimmen“. „L’espresso“ spricht von tausend ungelösten Geheimnissen.

„Es geht nicht nur um die verlorenen Schiffe mit Giftmüll oder um den atomaren Müll unter der Erde. Es geht auch um das Vertrauen einer ganzen Generation, die sich nicht mehr vorstellen kann, dass der Staat und seine Politiker im Interesse des Bürgers handeln“, sagt Anna Vespia de Grazia. Sie weiß, wovon sie redet. Sie zog zwei Söhne im Schatten des bis heute ungeklärten Todes ihres Mannes groß. Und diese beiden Männer im Studentenalter fühlen sich mittlerweile fremd in ihrer Heimat. „Was ist das auch für ein Land, wo über das Verbrechen so lange geschwiegen werden konnte?“, sagt die Mutter, die als Lehrerin immer wieder in der Schule das Thema auf den Giftmüll bringt. Eine richtige Aufklärung in den Schulen gebe es nicht.

Nuccio Barilla von der „Lega Ambiente“ hat Natale de Grazia gut gekannt. Er sieht die Gefahr einer Katastrophe für Meer und Menschen, wenn möglicherweise eines Tages die Fässer in den Schiffen brechen und sich ihre teuflische Ladung ins Meer abgeben sollten. Aber „natürlich kann ich das alles nicht beweisen“. Wenn heute keiner den Fisch aus Kalabrien kaufen wolle, dann beruhe das auf einem Irrtum. „Aber was wissen die Menschen schon? Sie haben Angst“. Ob seine Arbeit gefährlich sei? Barillas Blick schweift zwischen den Gästen im Café herum. Sie kennen ihn hier alle.

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