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Italien beendet Lockdown : Mit voller Kraft in die Sommersaison

Ein Mann bereitet einen Strand für die Wiedereröffnung vor. Bild: dpa

Hoffnung für Strandbäder, Hotels und Pensionen sowie das Gaststättengewerbe in Italien: Vom 3. Juni an sollen EU-Touristen wieder ins Land strömen. Die Verantwortung im Kampf gegen die Pandemie geht in die Hände der Regionen über.

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          Am Ende war der Druck von den Rändern auf das Zentrum einfach zu groß: Nach zähen Verhandlungen, die sich bis zum späten Freitagabend hinzogen, gab die Regierung in Rom nach, und die Regionen und Kommunen konnten einen Sieg auf der ganzen Linie feiern. Von diesem Montag an ist der „Shutdown“ der Wirtschaft faktisch beendet: Unternehmen, Handwerker und Dienstleister können den Betrieb wieder aufnehmen, und zwar nach Hygiene- und Distanzvorschriften, die wesentlich weniger streng sind als dies die Regierung in Rom gefordert hatte.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Vom 18. Mai an gelten Einschränkungen der Bewegungsfreiheit nur noch für Reisen über die Grenzen der zwanzig Regionen hinweg. Die vollständige Aufhebung des „Lockdowns“, also die Gewährung der vollständigen Bewegungsfreiheit im ganzen Land erfolgt dann am 3. Juni. Zum gleichen Datum werden auch die Landesgrenzen wieder geöffnet. Für Besucher aus Staaten der EU (sowie aus der Schweiz, aus Liechtenstein und Monaco) entfällt die Bestimmung, sich nach der Einreise für zwei Wochen in die häusliche Quarantäne zu begeben.

          Italien ist mit mehr als 31.500 Toten eines der am schlimmsten von der Pandemie betroffenen Länder weltweit. Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, hatte die Regierung unter Ministerpräsident Giuseppe Conte am 9. März eine nationale Ausgangssperre und rund zwei Wochen darauf einen Stopp fast aller Wirtschaftsbereiche verfügt. Die Grenzen des Landes waren aber nicht vollständig geschlossen, Einreisen aus beruflichen oder gesundheitlichen Gründen waren auch unter Bedingungen des akuten Pandemie-Notstand möglich. Touristen durften aber nicht einreisen. Alle Einreisenden mussten zudem für 14 Tage in häusliche Quarantäne.

          Probelauf für Strandbäder und Hotels beginnt bald

          Gemäß der Vereinbarung vom Freitagabend kann nun schon kurz nach Pfingsten die Touristensaison in Italien beginnen. Der Fremdenverkehr macht in Italien 13 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung aus, gar 15 Prozent der Arbeitsplätze im Land hängen direkt oder mittelbar vom Tourismus ab. In beliebten Ferienregionen wie Südtirol oder dem Gardasee ist man vor allem auf Besucher aus Deutschland angewiesen. Denn trotz der von Rom gewährten Gutscheine für bedürftige Familien für eine Sommerfrische an den heimischen Küsten und in den Bergen sind fast alle Ferienregionen auf Besucher aus dem Ausland angewiesen. Städte wie Florenz und Venedig, Rom und Neapel (mit Pompeji) brauchen dringend Besucher aus dem Ausland.

          Menschenleere im Park der Villa Melzi am Comer See
          Menschenleere im Park der Villa Melzi am Comer See : Bild: Picture-Alliance

          Als nächsten Schritt werden Südtirol und Venetien versuchen, die Regierung in Wien davon zu überzeugen, die österreichisch-italienische Grenze Anfang Juni wieder zu öffnen. Bisher sieht Bundeskanzler Sebastian Kurz dafür aber noch „keine Perspektive“. In Bozen wird die Regierung der autonomen Provinz Südtirol, wo jeder zweite Tourist aus Deutschland kommt, zumal in Berlin darauf drängen, für das „sichere Urlaubsland“ Südtirol mit seit Wochen sehr geringen Infektionszahlen zu werben. Ob es gelingen wird, Berlin zu einer Aufhebung der allgemeinen Reisewarnung für Fahrten und Flüge ins Ausland vor dem 14. Juni zu bewegen, steht dahin.

          Jedenfalls werden Strandbäder, Hotels und Pensionen sowie das Gaststättengewerbe in Italien mit voller Kraft schon in der kommenden Woche mit einer Art Probelauf für die Sommersaison 2020 beginnen. Statt der von der Regierung in Rom ursprünglich geforderten vier bis fünf Meter Abstand zwischen Sonnenschirmen und Liegen wird es jetzt einen Sicherheitsabstand von einem bis anderthalb Metern am Strand geben. Liegen und zumal sanitäre Einrichtungen der kommerziell betriebenen Strandbäder müssen regelmäßig desinfiziert werden. Auch in Restaurants und Kaffeebars, in Frühstückräumen von Hotels und Pensionen gilt der Mindestabstand von einem Meter zwischen den Tischen – Rom hatte einen doppelt so großen Abstand gefordert. Essen an Büffets, wie in den meisten Hotels beim Frühstück üblich, wird es nicht geben. Bedient wird Frühstücksräumen und in Restaurants nur am Tisch, am Tresen in der Kaffeebar dürfen sich die Menschen nicht näher als einen Meter kommen. Das Personal wird Mundschutz und Handschuhe tragen.

          Die Regierung in Rom behält sich die sofortige Rücknahme der Lockerungen vor, sollten irgendwo die Infektionszahlen wieder in die Höhe schnellen. Die Gesundheitsbehörden der Kommunen und Regionen sind verpflichtet, täglich die einschlägigen Zahlen an die Regierung in Rom zu übermitteln. Sollte irgendwo im Land ein Infektionsherd festgestellt werden, wird die Zentralregierung über diesen eine vollständige Quarantäne verhängen – ohne dass die betroffene Region oder Kommune dagegen ein Einspruchsrecht hätte. Das ist der Rest an Zentralgewalt, den sich Rom in der „Phase 2“ des Übergangs vom akuten Notstand (Phase eins) zu einigermaßen normalen Verhältnissen (Phase 3) vorbehält.

          Die Verantwortung für den Kampf gegen die Pandemie wird am Montag fast vollständig von Rom in die Hände der Regionen gelegt. Darauf hatten Regionalpräsidenten aller politischen Couleur gedrungen. Die Einigung vom Freitagabend bedeutet, dass sich die regionalen und lokalen Behörden, dass sich vor allem die Vertreter der schwer getroffenen Wirtschaft gegen die „Bremser“ der Regierung in Rom und zumal im wissenschaftlich-technischen Beirat durchgesetzt haben. Die „Bedenkenträger“ halten an ihrer Warnung vor einer zweiten Welle der Infektionen fest. Immerhin dürften sie gemeinsam mit den „Dränglern“ darauf hoffen, dass das günstige und nicht das schlimme Szenario eintreten wird.

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