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Aufbruchstimmung in Armenien : Auf dem Weg zur neuen großen IT-Nation

  • -Aktualisiert am

Mehr als 10.000 Schüler lernen im Tumo-Center nach dem Schulunterricht alles, was IT-Spezialisten brauchen – von Programmieren bis Web-Design. Bild: Tumo.org

Armenien liegt im Kaukasus in einer geopolitisch angespannten Region. Geschlossene Grenzen, wenige Exportprodukte. Doch der Binnenstaat hat großes vor: Er will den IT-Sektor aufmischen. Die passende Start-up-Szene gibt es bereits. Ein Besuch vor Ort.

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          Noch zwei Klicks, dann ist Hakob zufrieden. Er zieht die Karosserie seines Rennautos ein minimales Stück in die Länge, dann sieht es so sportlich aus, wie er es sich vorgestellt hat. „Fertig“, sagt er, schlägt die Hände zusammen und speichert sein 3-D-Modell. Hakob ist 12 Jahre alt. Das Rennauto ist Teil seines zweiten PC-Spiels – selbst programmiert. „Fußballspielen bei Bananz Yerewan oder Keyboard lernen wäre bestimmt auch cool“, sagt Hakob und steht hinter dem Mac auf. „Aber nichts ist so cool wie Programmieren.“ Wenn er groß ist, will Hakob nicht Fußballer werden, sondern Programmierer.

          Bei „Tumo“ ist er auf dem besten Weg dahin: Das kostenlose digitale Medienlernzentrum in Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, ermöglicht es mehr als 14.000 jungen Armeniern, sich all jenes Rüstzeug anzueignen, das IT-Spezialisten benötigen – kostenlos und freiwillig. Zu den angebotenen Fächern zählen Programmierung, Robotik, Web-Design, Spielentwicklung oder Maschinelles Lernen. „Die Kinder machen bei Tumo das, worauf sie Lust haben und lernen mit Spaß“, sagt Vahag Bchtikian, der einst selbst Schüler bei Tumo war. Der familiäre Hintergrund der Schüler spielt keine Rolle, alle starten bei Null. „In zehn Jahren wird Armenien führend im IT-Sektor sein“, ist sich Bchtikian sicher.

          Seit der Eröffnung im Jahr 2011 kommen Mädchen und Jungen im Alter von 12 bis 18 Jahren ein bis zweimal wöchentlich ins Tumo-Center in Jerewan. Auch Kayne West war schon zu Besuch. Die lichtdurchflutete Architektur mit modernen „co-working spaces“ und Hunderten Macbooks geben Tumo einen utopischen Touch und lassen die gesamtgesellschaftliche Lage vor den Türen vergessen: Der Zusammenbruch der Sowjetunion erschütterte Armenien schwer, es ist das ärmste Land in der Kaukasusregion, geprägt vom Berg-Karabach-Konflikt und Korruption. Für viele gilt: Wer es sich leisten kann, verlässt das Land. Tumo aber gibt Grund zum Bleiben. Wer einen armenischen Pass hat und in die Altersspanne fällt, kann nach kurzer Anmeldung direkt beginnen und sich selbstständig einen Lernplan aus Workshops, autodidaktischen Übungen und Projekten zusammenstellen.

          „Es gibt täglich drei verschiedene Sessions, an denen die Kinder teilnehmen können“, sagt Bchtikian und zeigt auf einen Bildschirm hinter sich. Heute besteht die Wahl zwischen Visualisierung von Google Maps, Übersetzungstools oder Musik-Komposition. Die Speaker: internationale Experten, darunter beispielsweise Google-Ingenieur Alen Zamanyan, Uber-Executive Raffi Krikorian oder Pixar-Produzentin Katherine Sarafian.

          Nation der Mathematiker und Schachspieler

          Finanziert wird das Zentrum, das bereits Ableger in drei weiteren armenischen Städten hat, von der „Simonian Educational Foundation“ des Ehepaars Sam und Sylva Simonian. Sam Simonian ist Gründer des weltweit führenden Telekommunikationsanbieters „Inet“, das Ehepaar lebt in den Vereinigten Staaten. Armenische Organisationen hätten bedeutend zu ihrem Erfolg beigetragen, sagt Sylvia Simonian, mit dem Tumo Center wollten sie den Armeniern etwas zurückgeben. „Tumo bietet den Jugendlichen Zugang zu Ausrüstung, die vielen von ihnen sonst nicht zur Verfügung stünde.“

          Wovon Hakob noch träumt, das hat Hyrar Shakbazyan schon geschafft. Vor einem Jahr hat er sein eigenes Start-Up gegründet: eine Plattform für virtuellen Schachunterricht. ‚WooChess‘ bringt Schachlehrer und Schüler aus der ganzen Welt zusammen. Sonst, im echten Leben, kostet eine Stunde Unterricht beim Schachgroßmeister schnell 100 Dollar. Shakbazyan ist 28 und gelernter Programmierer, er hat in der Hauptstadt an der National Polytechnic University of Armenien studiert und spielt seit Jahren hobbymäßig Schach, das in Armenien auch in der Grundschule Unterrichtsfach ist. Zwischen dem Erfolg Armeniens im Schach und dem rapide wachsenden IT-Sektor – 25 bis 30 Prozent im Jahr – sieht er einen Zusammenhang: Analytische Denkweise und gute Mathekenntnisse brauche man für beide Bereiche.

          „Das Silicon Valley leitet seinen Namen vom Element Silicium ab – dem Basismaterial zur Herstellung von Halbleitern“, sagt Shakbazyan. „Wir könnten uns Chess Valley nennen“, ergänzt er dann und grinst. Mit dem Ansatz von Tumo revolutioniere man die digitale Bildung. „Unser Wettbewerbsvorteil: hohe Qualität für einen geringen Preis.“ 2017 betrug der durchschnittliche Bruttomonatslohn in Armenien umgerechnet 358 Euro.

          Angela Merkel war begeistert

          Zurück im Tumo Center: Hinter mehr als 400 Arbeitsstationen sitzen konzentrierte Kinder, einige wuseln an der Snackbar herum. Maria arbeitet sich durch die Programmiersprache JavaScript, Arthur schaut sich ein Kurzvideo über Sounddesign an und Gevorg macht ein Quiz zum Thema HTML. Tumo will mehr als ein Bildungszentrum sein. Hinter einer selbst programmierten Brunnenanlage mit Lichteffekten liegen mehrere Sportplätze zur körperlichen Betätigung, auch autistische Kinder haben den „Tumo Path“ bereits erfolgreich durchlaufen.

          Angela Merkel, die das Center auf ihrer Kaukasusreise ebenfalls besucht hat, sei begeistert gewesen, hört man überall. Auch der deutsche Botschafter in Armenien, Bernhard Kiesler, findet überschwängliche Worte: Es handele sich um eine „Blaupause“, ja einen „Exportschlager“. In Paris, Tirana und Moskau sind bereits konkrete Zentren in Planung, auch Merkel will mit Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) die Möglichkeiten in Deutschland ausloten. Im armenischen Bildungsministerium ist man stolz darauf: „Wir lenken große Aufmerksamkeit auf den Sektor“, sagt Hovhannes Hovhannisyan, der stellvertretende Bildungsminister.

          Die Bemühungen sind erfolgreich: Mehr als 600 armenische Unternehmen sind im IT-Bereich aktiv, ein Drittel davon befindet sich in ausländischer Hand. Zu bekannten IT-Größen armenischer Herkunft zählen der Foto-Editor PicsArt, die Selbstlern-Website für Programmiersprachen SoloLearn oder die Online-Video-Software Renderforest. Dennoch sieht Hovhannisyan noch Handlungsbedarf: Es bestehe ein Mangel an Spezialisten, und auch die Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft müsse vorangetrieben werden.

          IT-Start-Up Szene wächst rapide

          Diese Notwendigkeit sieht auch Lian Hakobyan. „Die Start-Up-Szene im Tech-Bereich in Armenien wächst rapide“, sagt die 20-Jährige. Im letzten Jahr hat auch sie ihr eigenes Unternehmen gegründet: Breedge – ein Internetdiensleister, der Studenten und Arbeitgeber über einen „matching algorithm“ vermittelt und dabei nicht nur Sprachkenntnisse, geleistete Praktika oder Studiumsschwerpunkte miteinbezieht, sondern auch das Persönlichkeitsprofil von Kandidaten mit der Unternehmenskultur abgleicht.

          Lian Hakobyan führt mit 20 Jahren ein eigenes Start-Up. Mehr als 30 Prozent im armenischen IT-Sektor sind weiblich.
          Lian Hakobyan führt mit 20 Jahren ein eigenes Start-Up. Mehr als 30 Prozent im armenischen IT-Sektor sind weiblich. : Bild: Marie Illner

          Lian hat das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. „Wir sind die Generation, die Armenien jetzt den entscheidenden Push geben muss.“ Die politischen Verhältnisse spielten dabei eine wichtige Rolle: „Der Trend, dass junge Leute das Land verlassen, ist durch die Revolution gestoppt worden. Außerdem wird Armenien durch den Machtwechsel für Investoren immer attraktiver.“ Im April gingen Tausende Armenier auf die Straßen, um gegen die damalige Regierung zu protestieren. Kurz darauf wurde Oppositionsführer Paschinjan zum neuen Regierungschef gewählt.

          Das Klima für Start-Ups sei von einer Aufbruchsstimmung gekennzeichnet, findet Vahag Bchtikian. Für viele, die im sozialistischen System der Sowjetunion sozialisiert wurden, klingt das einmal mehr nach Freiheit. „Durch die Revolution sehen wir, dass die Zukunft noch schneller kommt, als gedacht.“ Die Frage, ob Armenien nun nach Russland oder nach Europa schaue, haben viele junge Armenier satt. Zwar liefert die EU Impulse zur Modernisierung und Russland garantiert Sicherheit, die Vorbilder liegen jedoch längst woanders. „Steve Jobs hat eine armenische Adoptivmutter, er ist mein Vorbild“, sagt auch Hakob im Tumo Center. Er meint: „Wir wollen auf unser Land schauen.“

          Ganz so einfach ist das aber nicht. Geografisch zwischen Georgien, Aserbaidschan, der Türkei und Iran gelegen, ist Armenien seit jeher unterschiedlichen geopolitischen Interessen ausgesetzt gewesen, 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entfallen auf Militärausgaben. Faktisch können Waren aufgrund der geschlossenen Grenzen nur mit dem großen Umweg über Georgien und Iran ein- und ausgeführt werden.

          Mit 21 den Vertrag bei Google unterschrieben: Adam Bittlingmayer war von Berlin als IT-Standort enttäuscht.
          Mit 21 den Vertrag bei Google unterschrieben: Adam Bittlingmayer war von Berlin als IT-Standort enttäuscht. : Bild: Marie Illner

          Ein Vorbild könnte jedoch Estland sein – das Geburtsland von Skype und ein weiteres ehemaliges Sowjetland, das zu einer der führenden High-Tech-Nationen aufgestiegen ist. Die Gefahr einer Abwanderung von jungen Spitzenkräften aus Armenien in andere Länder sehen Hakobyan und Bchtikian aber nicht. „Ich bin Armenier, also sind die Probleme, die das Land aktuell hat, auch für mich gemacht“, sagt Bchtikian. Auch Hakobyan will bleiben – der familiären Community und dem liberalen IT-Sektor wegen. 

          Be so good they can’t ignore you

          Diese Aufbruchsstimmung spürt man auch im Hero House, einem von der EU geförderten Innovationslabor, das Start-Ups aus den Bereichen Internet of Things, Blockchain, Cybersecurity und Maschinellem Lernen unterstützt. Der Einlass wird per digitalem Fingerabdruck gewährt, an den Wänden hängen Superhelden-Sticker, die Toiletten sind „All-Gender-Bathrooms“. Das Büro von Leiter Ashot Azurmanyans wirkt kreativ unaufgeräumt, Bücher zum Thema Artificial Intelligence liegen auf dem Tisch verstreut.

          Im Hero House sitzt Adam Bittlingmayer hinter seinem Desktop und füttert den Computer mit Daten für ein maschinelles Übersetzungsprojekt. An der Wand neben ihm hängen Seiten mit Sprüchen wie „Be so good they can’t ignore you“ und „Less meetings, more doing“. Der 33-Jährige spricht sieben Landes- und drei Programmiersprachen, hat Informatik in den Vereinigten Staaten studiert und mit 21 Jahren seinen Vertrag bei Google Translate unterschrieben.

          „Ich habe ein Video-Streaming-Unternehmen und mich bewusst für Armenien entschieden“, sagt Bittlingmayer. Zu seinen Beweggründen zählen unter anderem eine auf fünf Jahre begrenzte Steuerfreiheit für IT-Start-Ups. „Von Berlin war ich als Standort enttäuscht.“ Erst heute morgen ausgerechnet eine Seite aus Deutschland seinem selbstbetriebenen Server Probleme bereitet, die von der Gema gesperrt war. „Die EU begeht im Bereich Digitales Selbstmord“, findet Bittlingmayer. Zu wenig Autonomie, zu wenig Wettbewerb zwischen den Ländern, keine Top-Unis im IT-Bereich und zu viele gleichmachende Auflagen. „Kein Wunder, dass kein großer Cloudbetreiber in Europa angesiedelt ist“, sagt Bittlingmayer.

          Die Gründer von WooChess haben ihr Hobby zum Beruf gemacht. Der Markt war von Beginn an international ausgerichtet.
          Die Gründer von WooChess haben ihr Hobby zum Beruf gemacht. Der Markt war von Beginn an international ausgerichtet. : Bild: Marie Illner

          Nicht zuletzt aus diesem Grund glaubt Ashot Arzumanyan, der Leiter des Hero House, an das Potenzial seines Heimatlandes. „Armenien ist ein kleines Land, die Entrepreneure sind von Beginn an auf den internationalen Markt ausgerichtet.“ Pro Kopf gerechnet werde das Land bald eine führende IT-Nation sein, sagt er. Englisch? Russisch? Chinesisch? „Die nächsten Weltsprachen spricht, wer programmieren kann und naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten kennt“, ist sich Arzumanyan sicher. So wie die Armenier.

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