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Aufbruchstimmung in Armenien : Auf dem Weg zur neuen großen IT-Nation

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Ganz so einfach ist das aber nicht. Geografisch zwischen Georgien, Aserbaidschan, der Türkei und Iran gelegen, ist Armenien seit jeher unterschiedlichen geopolitischen Interessen ausgesetzt gewesen, 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entfallen auf Militärausgaben. Faktisch können Waren aufgrund der geschlossenen Grenzen nur mit dem großen Umweg über Georgien und Iran ein- und ausgeführt werden.

Mit 21 den Vertrag bei Google unterschrieben: Adam Bittlingmayer war von Berlin als IT-Standort enttäuscht.
Mit 21 den Vertrag bei Google unterschrieben: Adam Bittlingmayer war von Berlin als IT-Standort enttäuscht. : Bild: Marie Illner

Ein Vorbild könnte jedoch Estland sein – das Geburtsland von Skype und ein weiteres ehemaliges Sowjetland, das zu einer der führenden High-Tech-Nationen aufgestiegen ist. Die Gefahr einer Abwanderung von jungen Spitzenkräften aus Armenien in andere Länder sehen Hakobyan und Bchtikian aber nicht. „Ich bin Armenier, also sind die Probleme, die das Land aktuell hat, auch für mich gemacht“, sagt Bchtikian. Auch Hakobyan will bleiben – der familiären Community und dem liberalen IT-Sektor wegen. 

Be so good they can’t ignore you

Diese Aufbruchsstimmung spürt man auch im Hero House, einem von der EU geförderten Innovationslabor, das Start-Ups aus den Bereichen Internet of Things, Blockchain, Cybersecurity und Maschinellem Lernen unterstützt. Der Einlass wird per digitalem Fingerabdruck gewährt, an den Wänden hängen Superhelden-Sticker, die Toiletten sind „All-Gender-Bathrooms“. Das Büro von Leiter Ashot Azurmanyans wirkt kreativ unaufgeräumt, Bücher zum Thema Artificial Intelligence liegen auf dem Tisch verstreut.

Im Hero House sitzt Adam Bittlingmayer hinter seinem Desktop und füttert den Computer mit Daten für ein maschinelles Übersetzungsprojekt. An der Wand neben ihm hängen Seiten mit Sprüchen wie „Be so good they can’t ignore you“ und „Less meetings, more doing“. Der 33-Jährige spricht sieben Landes- und drei Programmiersprachen, hat Informatik in den Vereinigten Staaten studiert und mit 21 Jahren seinen Vertrag bei Google Translate unterschrieben.

„Ich habe ein Video-Streaming-Unternehmen und mich bewusst für Armenien entschieden“, sagt Bittlingmayer. Zu seinen Beweggründen zählen unter anderem eine auf fünf Jahre begrenzte Steuerfreiheit für IT-Start-Ups. „Von Berlin war ich als Standort enttäuscht.“ Erst heute morgen ausgerechnet eine Seite aus Deutschland seinem selbstbetriebenen Server Probleme bereitet, die von der Gema gesperrt war. „Die EU begeht im Bereich Digitales Selbstmord“, findet Bittlingmayer. Zu wenig Autonomie, zu wenig Wettbewerb zwischen den Ländern, keine Top-Unis im IT-Bereich und zu viele gleichmachende Auflagen. „Kein Wunder, dass kein großer Cloudbetreiber in Europa angesiedelt ist“, sagt Bittlingmayer.

Die Gründer von WooChess haben ihr Hobby zum Beruf gemacht. Der Markt war von Beginn an international ausgerichtet.
Die Gründer von WooChess haben ihr Hobby zum Beruf gemacht. Der Markt war von Beginn an international ausgerichtet. : Bild: Marie Illner

Nicht zuletzt aus diesem Grund glaubt Ashot Arzumanyan, der Leiter des Hero House, an das Potenzial seines Heimatlandes. „Armenien ist ein kleines Land, die Entrepreneure sind von Beginn an auf den internationalen Markt ausgerichtet.“ Pro Kopf gerechnet werde das Land bald eine führende IT-Nation sein, sagt er. Englisch? Russisch? Chinesisch? „Die nächsten Weltsprachen spricht, wer programmieren kann und naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten kennt“, ist sich Arzumanyan sicher. So wie die Armenier.

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