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Aufbruchstimmung in Armenien : Auf dem Weg zur neuen großen IT-Nation

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„Das Silicon Valley leitet seinen Namen vom Element Silicium ab – dem Basismaterial zur Herstellung von Halbleitern“, sagt Shakbazyan. „Wir könnten uns Chess Valley nennen“, ergänzt er dann und grinst. Mit dem Ansatz von Tumo revolutioniere man die digitale Bildung. „Unser Wettbewerbsvorteil: hohe Qualität für einen geringen Preis.“ 2017 betrug der durchschnittliche Bruttomonatslohn in Armenien umgerechnet 358 Euro.

Angela Merkel war begeistert

Zurück im Tumo Center: Hinter mehr als 400 Arbeitsstationen sitzen konzentrierte Kinder, einige wuseln an der Snackbar herum. Maria arbeitet sich durch die Programmiersprache JavaScript, Arthur schaut sich ein Kurzvideo über Sounddesign an und Gevorg macht ein Quiz zum Thema HTML. Tumo will mehr als ein Bildungszentrum sein. Hinter einer selbst programmierten Brunnenanlage mit Lichteffekten liegen mehrere Sportplätze zur körperlichen Betätigung, auch autistische Kinder haben den „Tumo Path“ bereits erfolgreich durchlaufen.

Angela Merkel, die das Center auf ihrer Kaukasusreise ebenfalls besucht hat, sei begeistert gewesen, hört man überall. Auch der deutsche Botschafter in Armenien, Bernhard Kiesler, findet überschwängliche Worte: Es handele sich um eine „Blaupause“, ja einen „Exportschlager“. In Paris, Tirana und Moskau sind bereits konkrete Zentren in Planung, auch Merkel will mit Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) die Möglichkeiten in Deutschland ausloten. Im armenischen Bildungsministerium ist man stolz darauf: „Wir lenken große Aufmerksamkeit auf den Sektor“, sagt Hovhannes Hovhannisyan, der stellvertretende Bildungsminister.

Die Bemühungen sind erfolgreich: Mehr als 600 armenische Unternehmen sind im IT-Bereich aktiv, ein Drittel davon befindet sich in ausländischer Hand. Zu bekannten IT-Größen armenischer Herkunft zählen der Foto-Editor PicsArt, die Selbstlern-Website für Programmiersprachen SoloLearn oder die Online-Video-Software Renderforest. Dennoch sieht Hovhannisyan noch Handlungsbedarf: Es bestehe ein Mangel an Spezialisten, und auch die Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft müsse vorangetrieben werden.

IT-Start-Up Szene wächst rapide

Diese Notwendigkeit sieht auch Lian Hakobyan. „Die Start-Up-Szene im Tech-Bereich in Armenien wächst rapide“, sagt die 20-Jährige. Im letzten Jahr hat auch sie ihr eigenes Unternehmen gegründet: Breedge – ein Internetdiensleister, der Studenten und Arbeitgeber über einen „matching algorithm“ vermittelt und dabei nicht nur Sprachkenntnisse, geleistete Praktika oder Studiumsschwerpunkte miteinbezieht, sondern auch das Persönlichkeitsprofil von Kandidaten mit der Unternehmenskultur abgleicht.

Lian Hakobyan führt mit 20 Jahren ein eigenes Start-Up. Mehr als 30 Prozent im armenischen IT-Sektor sind weiblich.
Lian Hakobyan führt mit 20 Jahren ein eigenes Start-Up. Mehr als 30 Prozent im armenischen IT-Sektor sind weiblich. : Bild: Marie Illner

Lian hat das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. „Wir sind die Generation, die Armenien jetzt den entscheidenden Push geben muss.“ Die politischen Verhältnisse spielten dabei eine wichtige Rolle: „Der Trend, dass junge Leute das Land verlassen, ist durch die Revolution gestoppt worden. Außerdem wird Armenien durch den Machtwechsel für Investoren immer attraktiver.“ Im April gingen Tausende Armenier auf die Straßen, um gegen die damalige Regierung zu protestieren. Kurz darauf wurde Oppositionsführer Paschinjan zum neuen Regierungschef gewählt.

Das Klima für Start-Ups sei von einer Aufbruchsstimmung gekennzeichnet, findet Vahag Bchtikian. Für viele, die im sozialistischen System der Sowjetunion sozialisiert wurden, klingt das einmal mehr nach Freiheit. „Durch die Revolution sehen wir, dass die Zukunft noch schneller kommt, als gedacht.“ Die Frage, ob Armenien nun nach Russland oder nach Europa schaue, haben viele junge Armenier satt. Zwar liefert die EU Impulse zur Modernisierung und Russland garantiert Sicherheit, die Vorbilder liegen jedoch längst woanders. „Steve Jobs hat eine armenische Adoptivmutter, er ist mein Vorbild“, sagt auch Hakob im Tumo Center. Er meint: „Wir wollen auf unser Land schauen.“

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