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Gewalt gegen Frauen : Erdogan will die Zeit zurückdrehen

  • -Aktualisiert am

Frauen demonstrieren am 5. August in Istanbul gegen Morde an Frauen Gewalt gegen Frauen. Bild: Reuters

Jeden Tag sterben in der Türkei Frauen, weil sie nein sagen zu ihren Männern. Und Erdogan? Der will aus der Istanbul-Konvention zum Schutz von Frauen aussteigen. So demontiert er sich selbst.

          2 Min.

          Warum mussten Pinar Gültekin, Sema Dag, Sümeyye Ates und Zeynep Önlütürk sterben? Weil sie nein gesagt haben zu ihren Exfreunden und Ehemännern. Weil sie eigene Wege gehen wollten oder weil sie widersprachen. Sie sind vier von 36 Frauen, die allein im vergangenen Monat in der Türkei ermordet wurden. Vier von 238 Frauen in diesem erst halben Jahr.

          Der türkische Präsident Erdogan lässt wissen, er verfluche alle Verbrechen an Frauen. Gleichzeitig denkt er laut darüber nach, aus dem Abkommen des Europarats zum Schutz von Frauen auszusteigen. Istanbul-Konvention heißt das ironischerweise; Erdogan hatte es im Jahr 2011 persönlich unterschrieben. Doch keiner hat das Dokument je ernst genommen – außer den Türkinnen.

          Die verfolgen ihre Ziele von Jahr zu Jahr mutiger, studieren, arbeiten, und sie gehen fort, wenn sie unglücklich sind mit ihren Männern, wenn sie sich eingezwängt fühlen oder erniedrigt. Viel zu viele Männer aber lassen sie nicht gehen, erpressen sie, schlagen, morden. Und viel zu viele von ihnen lässt der türkische Staat gewähren und schickt die Frauen weg, die bei der Polizei Schutz suchen.

          Auf die alte gesellschaftliche Rolle verwiesen

          Auch die islamistischen Hardliner in Erdogans AKP sehen ein Problem darin, dass sich die Morde an Frauen in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt haben. Doch sie ziehen daraus einen grotesken, grausamen Schluss: Sie wollen das Rad zurückdrehen, die Türkinnen auf ihren alten Platz verweisen, damit sie nicht mehr nein sagen und nicht mehr Schluss machen und damit – nur das kann die infame Logik sein – die Männer keinen Grund zu morden mehr haben. Der stellvertretende AKP-Chef nennt die Konvention „sehr falsch“, da sie traditionelle Geschlechterbilder in Frage stelle und die Familie gefährde. Und Erdogan, getrieben von schlechten Umfragewerten und einer Wirtschaftskrise, lässt sich bereitwillig auf die Diskussion ein.

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          Der türkische Präsident sollte allerdings nicht so unklug sein, die Rechnung ohne die Frauen und die Jüngeren zu machen. Die ziehen gerade zu Tausenden durch die Straßen. Erst am Mittwoch wurden wieder 25 Demonstrantinnen in Ankara von der Polizei festgenommen. Mehr als sieben Millionen Türken werden in drei Jahren das erste Mal wählen dürfen. Und die wollen, wie Studien zeigen, ganz anders leben als ihre Eltern und Großeltern, nämlich frei und gleichberechtigt.

          Doch es sind nicht nur die jungen Liberalen, die Erdogan gegen sich aufbringt. Es sind auch die Frauen aus dem eigenen Lager, ja sogar aus der eigenen Familie. Der konservative Frauenverein Kadem sprach sich gerade dafür aus, dass die Türkei in dem Abkommen bleiben solle – seine Mitbegründerin und Vizepräsidentin ist keine andere als Erdogans Tochter Sümeyye. Sie und ihre Mitstreiterinnen tragen fein gebundene Kopftücher und reden ganz in Erdogans Sinne: Männer und Frauen seien nun mal nicht gleich und müssten sich darum ergänzen. Sie wollen keinen westlichen Feminismus, aber sie wollen auch nicht sterben.

          Für diesen trivialen, deprimierend bescheidenen Wunsch müssen sich die Frauen nun von den eigenen Leuten beschimpfen lassen. Als „Prostituierte“ bezeichnete der AKP-nahe Journalist Abdurrahman Dilipak sie kürzlich. Erdogan sollte sich gut überlegen, auf wessen Seite er steht: auf der Seite der Frauenhasser oder der seiner Landestöchter.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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