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Islam und Demokratie : Offen für jedes politische System

Die meisten Muslime sind so demokratisch wie die Länder, in denen sie wohnen: Muslimische Frauen in Friedenssaal vom Rathaus Osnabrück. Bild: dpa

In Deutschland stellt die AfD in Frage, ob der Islam mit der parlamentarischen Demokratie und dem Grundgesetz vereinbar ist. Die Antwort ist einfach.

          Die Frage, ob Islam und Demokratie vereinbar sind, ist einfach zu beantworten: Der dogmatische Islam ist es nicht, der historische Islam aber sehr wohl. Der dogmatische Islam ist ein geschlossenes System von Werten und Normen, das in vormoderner Zeit entstanden ist und sich als politische Ordnung eine Theokratie gegeben hat.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          In diesem System verkörpern die Offenbarungen, die von Allah unmittelbar auf die Erde gekommen sein sollen, ewige Wahrheiten; sie bilden den Rahmen für ein „Gottesrecht“, das über dem von Menschen geschaffenen Recht steht.

          Der historische Islam hingegen, dessen Entwicklung wenige Jahrzehnte nach dem Tod des Propheten Muhammad eingesetzt hat, sei eine Religion, die sich ständig an neue Bedingungen und historische Umstände angepasst habe, schreibt der säkulare syrische Philosoph Sadiq al Azm, der heute in Berlin lebt. Dieser Islam ist mit Diktaturen ebenso vereinbar wie mit einer modernen Demokratie.

          Mit ihrer Religion können die Muslime ebenso gut Untertanen sein wie gute Demokraten. Nicht Muslime sind undemokratisch, sondern die Regime, in denen sie leben.

          Das Missverständnis, dass der Islam grundsätzlich nicht mit Demokratie vereinbar sei, geht auf die Entstehungsgeschichte des Islams zurück. Muhammad, der von 570 bis 632 lebte, hatte eine neue monotheistische Religion und ein neues politisches Gemeinwesen begründet.

          Beide, der Islam und die Urgemeinde von Medina, entstanden gleichzeitig, und die neue Religion manifestierte sich in der neuen politischen Ordnung. Muhammad war Prophet und Führer dieses Gemeinwesens. Er legte die Praxis der Religion fest; in einer weitgehend rechtlosen Zeit mit endlosen Stammesfehden entwickelte er stabile staatsähnliche Strukturen, in denen Recht galt, und er führte Kriege.

          Koran kennt keine gottgewollte politische Ordnung

          Der Islam und das neue, islamische Gemeinwesen waren eng miteinander verflochten. Das änderte sich nur wenig unter Muhammads ersten Nachfolgern, den „vier rechtgeleiteten Kalifen“, die bis 661 in Mekka herrschten. Danach löste sich die enge Verflechtung von Islam und Staat. Bereits die Omayyaden regierten von 661 bis 750 in Damaskus als weltliche Herrscher. Das war möglich, weil der Koran keine Vorschriften über eine gottgewollte politische Ordnung enthält. Zudem hatte Muhammad keinen Nachfolger benannt, was nach seinem Tod zu blutigen Auseinandersetzungen rivalisierender Gruppen führte.

          Der Islam gibt kein eindeutiges politisches Modell vor. Der Slogan, der Islam sei „din wa-daula“, also gleichzeitig „Religion und Staat“, ist die Schöpfung von Islamisten, die im 19. Jahrhundert den Kampf gegen die Kolonialmächte aufgenommen hatten und forderten, an die Frühzeit des Islams anzuknüpfen, also etwa die Trennung von Religion und Staat aufzuheben. So wollten sie dem übermächtigen Westen eine eigene islamische, in sich ruhende Welt entgegenstellen.

          Erst Vordenker des politischen Islams - wie Abul Ala Maududi (1903 bis 1979) und Sayyid Qutb (1906 bis 1966) - haben den Anspruch erhoben, dass der Islam alle Aspekte des Lebens regle. Erst Islamisten der Moderne behaupten - wie es auch Islamkritiker tun -, dass der Islam als einzige legitime Form einen Gottesstaat vorsehe und dass es für diesen nur ein einziges islamisches Normensystem geben könne.

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