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Britischer Belästigungsskandal : Londons Angst vor dem Dammbruch

„Kultur der Männerumkleide“: Michael Fallon verlässt am 17. Januar 10 Downing Street. Bild: Reuters

Ist das „Knee-Gate“ schuld an Michael Fallons Rücktritt? Der Fall von Großbritanniens Verteidigungsminister ist nur einer von vielen. Einige wollen nun in der Politik „ausmisten“.

          Erst in der vergangenen Woche hatte Michael Fallon seine Soldaten Mores gelehrt. Er nahm sich Admiral Sir Philip Jones zur Brust, nachdem Vorwürfe wegen Drogenkonsums und „unangemessenen“ sexuellen Beziehungen an Bord eines britischen U-Bootes lautgeworden waren. War das womöglich der Grund dafür, dass der Verteidigungsminister in seinem Rücktrittsschreiben die „hohen Maßstäbe der Armee“ anlegte, denen er selbst nicht gerecht geworden sei? Auch am Tag nach Fallons überraschender Demission rätselte das politische London, was den Minister zu seiner Entscheidung getrieben hat.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Bekannt ist bisher nur, dass er vor fünfzehn Jahren der Journalistin Julia Hartley-Brewer bei einem Abendessen die Hand aufs Knie gelegt hat. Die entfernte die Hand und sagte ihrem Tischnachbarn freundlich: „Wenn Sie das noch einmal machen, schlage ich Ihnen mitten ins Gesicht.“ Fallon entschuldigte sich auf der Stelle, und bis heute sollen die beiden freundschaftlich verbunden sein. Seit die Affäre in der Boulevardzeitung „The Sun“ ausgebreitet wurde, hatte Hartley-Brewer mehrmals betont, dass sie sich nicht im entferntesten als „Opfer“ sehe und die Angelegenheit als „mildly amusing“, also als ein bisschen amüsant, abgebucht habe. Sie äußerte am Donnerstag ihre Verwunderung über die politischen Folgen: „Wenn das mit ,Knee-Gate‘ zu tun hat, wäre es der irrsinnigste, absurdeste und lächerlichste Grund, der je zum Rücktritt eines Ministers geführt hat“, sagte sie und fügte an: „Ich glaube nicht, dass das der Grund war.“

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          Erklärung bleibt undeutlich

          Zeitungen zitierten am Donnerstag Weggefährten von Fallon, die weitere Fehltritte des Politikers vermuteten. Vor allem der Weinkonsum zu später Stunde habe „aus Dr. Jekyll gelegentlich Mr. Hyde gemacht“, sagte einer. Fallons Rücktrittserklärung ist so vage formuliert, dass sie auch noch stehen würde, sollte weiteres, womöglich schwerwiegenderes Fehlverhalten bekanntwerden. An keiner Stelle nahm er Bezug auf „Knee-Gate“, sondern schrieb eher allgemein an die Premierministerin: „Ich erkenne an, dass ich in der Vergangenheit unter die hohen Maßstäbe gefallen bin, die wir den Streitkräften abverlangen, die ich die Ehre habe zu repräsentieren.“ Als er später von der BBC gefragt wurde, ob weitere Vorwürfe gegen ihn zu erwarten seien, antwortete er ausweichend: „Die Kultur hat sich verändert über die Jahre, und was vor fünfzehn oder zehn Jahren akzeptabel war, ist heute ganz sicher nicht mehr akzeptabel.“

          Noch im Laufe des Donnerstagmorgens wurde Fallon durch den bisherigen „Chief Whip“ Gavin Williamson ersetzt, aber der Wechsel in einem der britischen Schlüsselministerien erhielt nicht die übliche Aufmerksamkeit. Westminster steht vollkommen im Bann der immer weiter ausgreifenden „Sex-Plage“, wie es in manchen Zeitungen heißt. Die Anspannung macht sich überall bemerkbar, wo sich Abgeordnete treffen, nicht zuletzt in den Restaurationen des Parlaments. „Die Stimmung im Tea-room ist fürchterlich“, wurde ein Kabinettsmitglied in der „Times“ zitiert. „Die Leute haben schreckliche Angst, ihren Job zu verlieren, ganz gleich ob sie etwas getan haben oder nicht.“

          Viele Fälle aus sehr unterschiedlichen Bereichen

          Im Umlauf ist eine Liste, die täglich länger wird. Mehrere Dutzend Fälle haben Mitarbeiter von Abgeordneten mittlerweile in ihrem „schmutzigen Dossier“ zusammengetragen, und keiner der Beschuldigten weiß, wie sich die mediale Dynamik auf sie auswirken wird. Aufgelistet wurden „Fälle“, die sich nur schwer als solche bezeichnen lassen, darunter konsensuale, zum Teil langjährige Beziehungen zwischen Politikern, etwa zwischen Innenministerin Amber Rudd und dem Abgeordneten Kwasi Kwarteng.

          Am anderen Ende der Skala stehen Übergriffe, die den Straftatbestand der Nötigung erfüllen. Ein Abgeordneter soll einer jungen Mitarbeiterin in den Schritt gefasst haben. K.-o.-Tropfen sollen in Drinks verabreicht worden sein. Ein Kabinettsmitglied soll eine Mitarbeiterin in Form eines Vertrages zum Schweigen gezwungen haben. In anderen Fällen sei Schweigegeld geflossen, heißt es.

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