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Traum von Selbstbestimmung : Kurden zwischen den Mahlsteinen

Kurdische Trauergäste tragen bei einer Beerdigung Särge von bei der türkischen Afrin-Offensive Getöteten. Bild: AP

Einer der wenigen Gewinner des Staatenzerfalls in der arabischen Welt waren die Kurden. Doch heute stehen die Städte Kirkuk und Afrin für das Ende eines alten kurdischen Traums von Selbstbestimmung. Ein Kommentar.

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          Die Kurden waren einer der wenigen Gewinner des Staatszerfalls in der arabischen Welt. Von der Implosion des Iraks haben die Kurden im Nordirak profitiert, Nutznießer des Zerfalls Syriens sind die Kurden im Norden des Landes. Ein Jahrhundert nachdem 1920 die Sieger des Ersten Weltkriegs den Kurden im Vertrag von Sèvres einen eigenen Staat versprochen hatten, schien das Versprechen Wirklichkeit zu werden. Schließlich wollte der Vertrag von Lausanne 1923 von einem solchen Staat schon nichts mehr wissen. So brachte das 20. Jahrhundert den Kurden keine Eigenstaatlichkeit. Sie wurden in den vier Staaten, in die sie aufgeteilt wurden, als Minderheit verfolgt und unterdrückt.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Dann öffneten innerarabische Konflikte das Fenster für eine Selbstbestimmung. Erst ermöglichte die Flugverbotszone, die der UN-Sicherheitsrat 1991 nach der Befreiung Kuweits zum Schutz des Nordiraks beschlossen hatte, dass sich die Kurden dort vom restlichen Irak abkapseln und eine Autonomie einleiten konnten. Als von 2011 an in Syrien mit dem Bürgerkrieg der Staatszerfall begann, richteten im Norden des Landes die Kurden eine eigene Verwaltung ein, um Dienstleistungen in Zeiten des Kriegs für mehr als vier Millionen Menschen sicherzustellen.

          Zwei Städte stehen dafür, dass der kurdische Traum von Selbstbestimmung auch dieses Mal nicht in Erfüllung gehen könnte: Kirkuk und Afrin. In der autonomen Region Irakisch-Kurdistan stimmten am 25. September 93 Prozent für die Unabhängigkeit; darauf eroberten irakische Truppen, unterstützt von iranischen Einheiten, die kurdische Stadt Kirkuk. Zur gleichen Zeit wurden in den drei kurdischen Kantonen Syriens erstmals die lokalen Verwaltungen gewählt. Bei allen Mängeln sind die drei Kantone demokratischer als alle anderen staatlichen Einheiten in der Region. Am 20. Januar begann die Türkei aber eine Offensive gegen den Kanton Afrin. Der türkische Präsident Erdogan kündigte an, „Afrin von Terroristen zu reinigen“ und sich anschließend die kurdischen Kantone östlich des Euphrats vorzunehmen.

          Eine Militäroperation um die Reihen zu schließen

          Im syrischen Krieg beginnt damit eine neue Phase. Denn mit dem Untergang des IS-Kalifats ringen in Syrien – auf Kosten der kurdischen Autonomie – wieder die externen Kriegsparteien um Einfluss. Syrien ist das Schlachtfeld für ihre größeren strategischen Interessen. In der Türkei setzt Präsident Erdogan die „Operation Olivenzweig“ als Mittel ein, um angesichts einer angeblichen Bedrohung des Landes die Reihen zu schließen; die Armee hatte von der Operation abgeraten. Russland wiederum sieht eine Chance, die Türkei weiter aus dem westlichen Bündnis zu lösen, und die Vereinigten Staaten müssen sich entscheiden, ob sie mit ihrem Bündnis mit den Milizen der syrischen Kurden die Türkei weiter vor den Kopf stoßen oder ob sie die Kurden fallenlassen, um so die Geschlossenheit der Nato zu retten.

          Russland stand mit einem vergifteten Ultimatum an die Kurden am Beginn dieser verhängnisvollen Verkettung. Denn Russland forderte die Kurden auf, militärische Stellungen dem Assad-Regime zu übergeben. Andernfalls würde es eine türkische Offensive gegen Afrin zulassen. Diese Offensive kommt dem Kreml nun gelegen, weil die Türkei im Gegenzug die Offensive des Assad-Regimes gegen die Provinz Idlib hinnimmt, die das Rückzugsgebiet der von der Türkei unterstützten islamistischen Rebellen ist.

          Russland hat damit gewonnen: Denn das Assad-Regime kann sich weiter konsolidieren. Die Vereinigten Staaten aber stehen vor einem Dilemma: Einerseits sind sie auf die syrischen Kurden angewiesen, um eine Rückkehr des „Islamischen Staats“ auszuschließen und um den iranischen Einfluss in Syrien einzudämmen. Andererseits billigt führendes Personal bei der Nato und in Washington das türkische Vorgehen gegen die Kurden in der Hoffnung, so das russische Projekt zu vereiteln, die Türkei aus dem Bündnis herauszulösen.

          Gäbe es den Kurdenkonflikt in der Türkei nicht, würden die syrischen Kurden kaum in dem Maße zwischen die Mahlsteine der Groß- und Regionalmächte geraten. Dabei hatte Erdogan selbst 2008, damals noch als Ministerpräsident, mit der PKK über einen Frieden verhandeln lassen. Er vollzog eine Kehrtwende, als die türkischen Kurden seinen Verfassungsentwurf ablehnten, der den Staatspräsidenten mit großen Vollmachten ausstattet, und als es die syrischen Kurden ablehnten, sich den von der Türkei unterstützten islamistischen Rebellen anzuschließen. Mit fadenscheinigen Gründen wurden darauf in der Türkei kurdische Abgeordnete und Bürgermeister, die für eine friedliche Beilegung des Kurdenkonflikts stehen, verhaftet.

          Erdogan setzt in der Türkei wie in Syrien auf eine militärische Auseinandersetzung mit den Kurden. Damit führt er die Türkei an den Abgrund eines neuen möglichen Bürgerkriegs zwischen Türken und Kurden. Im syrischen Krieg eröffnet er eine neue Front. Dabei lehrt die Geschichte, dass die Kurden militärisch nicht zu besiegen sind. In Afrin stehen sie aber möglicherweise vor einer Niederlage, nachdem sie für den Westen ihre Pflicht erfüllt und den „Islamischen Staat“ besiegt haben – und nicht zum ersten Mal in der Geschichte fallengelassen werden.

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