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Israels Nomaden : Die Wüste bebt

Sie wollen bleiben: Arabische Beduinen protestieren im Negev gegen ihre Umsiedlung Bild: AFP

Israel tut sich schwer mit seinen arabischen Beduinen. Denn 80.000 Nomaden leben in der Negev-Wüste lieber in informellen Siedlungen ohne Strom und Wasser, als in den eigens von der Regierung für sie gebauten Städten.

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          Ab 16 Uhr kommt in Rahat kein Tropfen Wasser mehr aus den Leitungen. Bis nach Mitternacht müssen sich die Bürger gedulden, bis es wieder fließt. Denn die knapp 50.000 Einwohner der Stadt im Negev schulden dem israelischen Wasserversorger Mekorot mehr als eine Million Schekel. Das Unternehmen dreht das Wasser ab, um die Einwohner dazu zu bewegen, endlich zu bezahlen. „Viele haben nicht genug Geld für ihre Wasserrechnung. Knapp achtzig Prozent der Menschen leben von Sozialhilfe, und wir haben die höchste Arbeitslosigkeit unter den israelischen Städten“, klagt Faiz abu Cahiban, der Bürgermeister von Rahat. Seit einem Jahr regiert der frühere Lehrer die größte Beduinen-Stadt im Süden Israels.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Aber das sind nicht die einzigen Entbehrungen, an die sich die Beduinen in dem auf Wüstensand gebauten Ort gewöhnen mussten: Rahat ist so arm, dass die Stadtverwaltung die Straßenbeleuchtung um 24 Uhr abschaltet. Die Straßenkehrer wurden entlassen und die Müllabfuhr abgeschafft. Insgesamt sieben Städte wie Rahat hat die israelische Regierung für die arabischen Beduinen errichtet als Alternative zum Nomadendasein in der Wüste. Doch von 180.000 Beduinen in Israel sind erst 100.000 umgezogen. Auch die verbleibenden Nomaden sollen „konzentriert“ werden, heißt es im wenig sensiblen Bürokratenjargon. Die verbleibenden knapp 80.000 Beduinen aber wohnen lieber weiter in insgesamt 45 „nicht anerkannten Ortschaften“, die auf den offiziellen Karten nicht auftauchen. Und sie haben meistens weder fließendes Wasser noch einen Stromanschluss oder geteerte Straßen.

          Jeden Monat ein neuer Kindergarten

          Dennoch fällt es Faiz abu Cahiban schwer, bei den Nomaden für seine Stadt zu werben. „Ich würde lieber draußen auf meinem Land leben und Ziegen züchten, so wie wir es früher getan haben“, gesteht der Bürgermeister, dem ein Schuldenberg von rund 40 Millionen Schekel die Freude am neuen Amt schon verdorben zu haben scheint. Nur auf eine Art von Reichtum scheint der bärtige Politiker, der den israelischen Islamisten angehört, ein wenig stolz zu sein. Aus dem Fenster seines Büros ist er zu sehen: Wenn die Schule mittags aus ist, kommt auf einmal Leben auf die Straßen - beim Bevölkerungswachstum nimmt Rahat einen israelischen Spitzenplatz ein. Es kommen so viele Kinder auf die Welt, dass man jeden Monat einen neuen Kindergarten braucht, heißt es im Rathaus; 60 Prozent der Einwohner sind jünger als 17 Jahre. Wohin sie nach Schulschluss gehen sollen, ist schwierig. In Rahat gibt es nur acht Cafés, nur einen Bolzplatz und weder Schwimmbad noch Kino.

          Geisterstadt in der Wüste: Das Industriegebiet der Stadt Ofakin im Negev ist verlassen, die Nomaden blieben fern
          Geisterstadt in der Wüste: Das Industriegebiet der Stadt Ofakin im Negev ist verlassen, die Nomaden blieben fern : Bild: AFP

          Die Regierung im fernen Jerusalem hält es trotzdem weiter für eine gute Idee, Städte wie Rahat für die Beduinen zu errichten. Am Rand von Rahat wühlen sich Planierraupen in den Wüstensand; für viel Geld entstehen hier neue Wohnungen. Bald soll das Stadtgebiet doppelt so groß sein. Doch die Beduinenbevölkerung wächst schneller als die Zahl der Bauprojekte und die dafür vorgesehenen Mittel. Viele helfen sich dann selbst und bauen draußen in der Wüste. Nach Schätzungen der Regierung gibt es im Negev mehr als 50 000 „illegaler Strukturen“. Jedes Jahr kommen rund 2000 solcher Häuser dazu, die ohne Baugenehmigungen errichtet wurden.

          Diese sind für Bauherrn allerdings auch gar nicht zu erhalten, denn ihre Wohnorte gehören zu den nicht anerkannten Dörfern, und diese Siedlungen existieren für die Behörden offiziell nicht. Eine Unterkunft brauchen die schnell wachsenden Familien und Stämme aber trotzdem. So bauen die erwachsenen Kinder dann einfach neben den Wellblechhütten ihrer Eltern - bis die Polizisten und Planierraupen kommen: Seit 2000 wurden mehr als 600 ungenehmigte Häuser zerstört, wie der „Regionalrat der nicht anerkannten Orte im Negev“ auflistet; in ein Dorf seien die Bagger 18 Mal gekommen.

          „Wir können nicht einmal ein Haus auf unserem eigenen Land bauen“

          Seit der Staatsgründung im Jahr 1948 tut sich Israel schwer mit den arabischen Beduinen, die bereits viele Jahre zuvor mit ihren Kamelen, Ziegen und Schafen durch die Negev-Wüste zogen. Die Beduinen beanspruchen große Teile des Negev für sich, können aber meist keine schriftlichen Dokumente vorlegen, die ihre Besitzansprüche belegen. Selbst in der Wüste ist der Platz mittlerweile knapp geworden: Die israelische Armee etwa nutzt große Teile davon für ihre Übungen und erklärte dieses Gebiet zur Sperrzone. Und im Norden ist die Wüste mittlerweile die letzte große Landreserve für die jedes Jahr durch neue Einwanderer wachsende israelische Bevölkerung.

          Eine der 45 nicht anerkannten Ortschaften heißt Wadi Anniam. Die Siedlung liegt unmittelbar neben dem größten Kraftwerk im Negev, eingezwängt zwischen zwei Industriegebieten. Der Wintersturm rüttelt an den alten schwarzen Plastikplanen, aus denen das Zelt zusammengeflickt ist, das in Wadi Anniam als eine Art Gemeindesaal herhalten muss. Wenn im Winter der Regen zu fallen beginnt, können sich nur noch Geländewagen zu den Wellblechhütten vorkämpfen, vor denen Ziegen zwischen vergilbten Grashalmen scharren.

          In den Rauch des offenen Feuers, auf dem eine Kanne Kaffee brodelt, mischt sich der beißende Geruch aus den Schornsteinen hinter dem hohen Zaun. Der Beduine Ibrahim abu Afasch, der hier als Dorfsprecher fungiert, macht keinen Hehl aus seiner Verbitterung. „Juden können überall in Israel leben, aber wir können nicht einmal ein Haus auf unserem eigenen Land bauen“, ärgert er sich. „Wir Beduinen stellen im Negev ein Viertel der Bevölkerung, aber uns gehören nur noch 2,5 Prozent des Landes.“ Afasch trägt eine weiß-schwarze Kefije, ein Kopftuch, wie es früher auch Jassir Arafat getragen hat.

          Dem Staat wollen sie nicht mehr dienen

          Obwohl mehrere Fabriken und das Elektrizitätswerk in Sichtweite liegen, haben die meisten Bewohner keine Arbeit - dafür sind viele von ihnen krank: „45 Prozent haben laut den offiziellen Statistiken hier Krebs, aber ich weiß, dass es viel mehr sind. Dazu kommen Atem- und Herzbeschwerden“, sagt der Beduine. Zu den Ärzten ist es ähnlich weit weg wie in die nächstgelegene weiterführende Schule. Ohne Aussichten auf eine Arbeitsstelle brechen nach Angaben der Ben-Gurion-Universität in Beerscheva mehr als 60 Prozent der Beduinen die Schule vor einem Abschluss ab - besonders die Mädchen. Das hat Folgen für die Geburtenrate: Je besser Mädchen und Frauen ausgebildet sind, desto weniger Kinder haben sie, ist aus Entwicklungsländern bekannt. Bei den Beduinen kommt hinzu, dass viele Männer immer noch mehr als eine Frau heiraten.

          In Wadi Anniam zumindest ist die Hoffnung auf ein besseres Leben ein klein wenig gewachsen: Seit mehr als 20 Jahren bemühen sich die Einwohner darum, dass die Behörden ihren Ort anerkennen. Darüber wird jetzt wenigstens verhandelt. Nach Ansicht von Eliezer Goldberg darf das nicht eine Ausnahme bleiben. Der frühere Richter am Obersten Gericht in Jerusalem verlangt in den Empfehlungen der von ihm geführten Kommission, die meisten der bislang illegalen Beduinen-Dörfer anzuerkennen; die Regierung selbst hatte den Bericht in Auftrag gegeben. Die Zeit dränge, die „unhaltbaren Zustände“ dort zu beenden, denn die „Beduinen im Negev sind keine illegalen Ausländer, sondern Bürger Israels mit Rechten wie Pflichten“, mahnt der Vorsitzende des Ausschusses, dessen Empfehlungen auch ein Jahr nach ihrer Veröffentlichung nicht in die Tat umgesetzt wurden.

          Derweil schwindet das Vertrauen der Beduinen in den Staat, für den sie anfangs bereit waren, als Soldaten ihr Leben zu riskieren. Als Fährtenleser haben die israelischen Araber aus der Negev-Wüste bis heute in der israelischen Armee einen fast legendären Ruf. Achtzig Prozent seines Jahrgangs seien früher wie auch er zur Armee gegangen, erinnert sich der Beduine Ibrahim abu Afasch. Heute seien es vielleicht noch zwei Prozent.

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