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Israels Energieversorgung : Blick in die Röhre

Folge eines Anschlags auf die ägyptische Pipeline, die Gas nach Israel transportiert, im Juli vergangenen Jahres Bild: dapd

Der Stopp der Gaslieferungen aus Ägypten nach Israel hat wirtschaftliche Gründe - aber eigentlich geht es doch um Politik. Die Beziehungen verschlechtern sich stetig.

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          Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu versuchte am Montag zu beruhigen: Die Ankündigung des ägyptischen Lieferanten, kein Erdgas mehr an Israel zu liefern, sei kein Ergebnis politischer Entwicklungen, sondern ein „Streit zwischen einem israelischen und einem ägyptischen Unternehmen“. Am Sonntagabend hatte der israelische Finanzminister Juval Steinitz noch den Friedensvertrag mit Ägypten in Gefahr gesehen - das erste Friedensabkommen, das Israel mit einem arabischen Land geschlossen hat. Darin kommt der Schreck darüber zum Ausdruck, dass sich die seit dem Sturz von Präsident Mubarak vor gut einem Jahr ohnehin frostigen Beziehungen zu Kairo noch weiter verschlechtern - und die Sorge darüber hielt sich auch nach Netanjahus Äußerung.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Der ägyptische Lieferstopp trifft Israel nicht überraschend. Terroristen haben seit Februar des vergangenen Jahres vierzehn Anschläge auf die Gasleitung auf der Sinai-Halbinsel verübt, die auch Jordanien versorgt. Lieferungen waren daher die Ausnahme und nicht mehr die Regel; dabei bezieht Israel seit 2008 rund 40 Prozent des Bedarfs seines wichtigsten Rohstoffs zur Energiegewinnung aus Ägypten. Die jüngste Ankündigung wird daher nicht dazu führen, dass in Israel die Lichter ausgehen. Aber möglicherweise gebe es im Sommer zu wenig Strom, wenn im ganzen Land die Klimaanlagen laufen, teilte das Infrastrukturministerium mit.

          Ein befristetes Problem

          „Es ist eindeutig ein befristetes Problem, bis eigenes Gas aus dem israelischen Tamar-Feld kommt. Das ist für April 2012 geplant“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Eytan Sheshinski von der Hebräischen Universität in Jerusalem. Um die Engpässe zu überbrücken, wurde in den vergangenen Monaten die Förderung aus einem anderen israelischen Gasfeld gesteigert, das aber bald erschöpft sein wird. Zudem greift die israelische Elektrizitätsgesellschaft stärker auf (teureres) Öl und auf Kohle zurück. Das führte dazu, dass die Strompreise im vergangenen Jahr um rund 25 Prozent gestiegen sind. Vor der israelischen Mittelmeerküste wurden zuletzt große Erdgasvorkommen entdeckt, die Israel in einigen Jahren sogar zum Gasexporteur machen könnten. Eytan Sheshinski verfolgt diese Entwicklung nicht nur mit Erleichterung, denn ein israelischer Monopolist könnte dann ohne ausländische Konkurrenz seine Preise durchsetzen.

          Auch der Streit im ägyptisch-israelischen Gaskonsortium East Mediterranean Gas Company (EMG) dreht sich schon länger um den Preis fürs Gas. Besonders seit dem Sturz Mubaraks häuften sich die ägyptischen Vorwürfe, die israelischen Kunden zahlten zu wenig. Bei den Verhandlungen über das Abkommen sei Korruption im Spiel gewesen, von der Vertraute Mubaraks profitiert hätten. Die israelischen Geschäftspartner strengten wiederum ein internationales Schiedsgerichtsverfahren an, verlangten wegen der jüngsten Lieferausfälle acht Milliarden Dollar Schadensersatz in Ägypten und stellten ihre Zahlungen ein. Die ausstehenden israelischen Überweisungen waren jetzt der Grund für die nationale ägyptische Gasgesellschaft, „wegen Vertragsverletzungen“ die Gaslieferung zu stoppen.

          Einige Fachleute sehen zwar noch eine kleine Chance, den Handelskonflikt mit neuen Preisen beizulegen. Aber die Befürchtung hält sich, dass die ägyptisch-israelische Beziehungskrise mittlerweile viel tiefer geht. Fast alle ägyptischen Präsidentschaftskandidaten haben sich schon kritisch oder ablehnend über die Gaslieferungen nach Israel geäußert. Der frühere israelische Infrastrukturminister Ben-Eliezer, der einst das Gasabkommen mit Ägypten unterzeichnet hatte, ist der Ansicht, dass die Regierung in Kairo dessen Kündigung gebilligt haben muss.

          Die unter Mubarak engen Kontakte zwischen Israel und Ägypten beschränken sich mittlerweile nur noch auf Vertreter des Sicherheitsapparats. Erst am vergangenen Wochenende hatten israelische Sicherheitsbehörden ihre Staatsbürger ein weiteres Mal aufgefordert, wegen drohender Anschläge die Badeorte auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel umgehend zu verlassen. Am Osterwochenende wurde die israelische Stadt Eilat abermals vom Sinai aus mit Raketen beschossen.

          Den ägyptischen Sicherheitskräften ist die Kontrolle über die Halbinsel entglitten, durch die auch die Gasleitung führt. Obwohl der Friedensvertrag die Truppenstärke eigentlich begrenzt, erlaubte Israel Ägypten, mehr Soldaten auf den Sinai zu entsenden, damit sie gegen Terroristen und Schmuggler durchgreifen können.

          Botschaft im Hotel

          In Kairo gelang es israelischen Diplomaten seit der Stürmung der Botschaft im September 2011 nicht, ein neues Gebäude zu finden. Sie arbeiten von der Residenz des Botschafters oder von Hotels aus. In Tel Aviv stellte die ägyptische Botschaft zeitweise keine Visa für Israelis mehr aus.

          Aber auch die ägyptischen Kontakte nach Israel haben einen Tiefstand erreicht. Empörte Reaktionen rief in Kairo der jüngste Besuch des ägyptischen Großmuftis in der Jerusalemer Al-Aqsa-Moschee hervor. Ali Gomaa war auf Einladung des jordanischen Königshauses am vergangenen Mittwoch nach Jerusalem gereist. Ägypter sollten nicht dorthin fahren, solange das israelische Besatzungsregime andauere, sagte ein Vertreter der Muslimbrüder. Andere verlangten den Rücktritt des Großmuftis.

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