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Israelischer Abzug : „Ein judenfreier Gazastreifen heißt Al Qaida willkommen“

  • Aktualisiert am

Das „Victory”-Zeichen eines Palästinensers vor dem israelischen Abzug Bild: REUTERS

Wenige Tage vor dem Abzug aus dem Gazastreifen macht Israel ernst: Die Armee riegelte das Gebiet ab. Derweil steigt die palästinensiche Vorfreude. Die Siedler hingegen beklagen die „Herstellung einer judenfreien Zone“.

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          Drei Tage vor Beginn des israelischen Abzuges aus dem Gazastreifen und vier Siedlungen im Westjordanland hat der amerikanische Präsident Bush am Freitag noch einmal diese „starke und mutige Entscheidung“ von Ministerpräsident Scharon gewürdigt. Der Abzug werde „Israel mehr Sicherheit bringen“, sagte Bush in einem Gespräch für das israelische Radio.

          Die Armee riegelte unterdessen den Gazastreifen ab. Am Vorabend hatten in Tel Aviv viele zehntausend Siedler nochmals gegen den Abzug demonstriert. Sie beklagten die „Vertreibung von Juden durch Juden“ und die „Herstellung einer judenfreien Zone“.

          Ausgedehnte Feiern

          Die Palästinenser im Gazastreifen bereiten sich unterdessen auf ausgedehnte Feiern vor. Auf Anweisung von Öffentlichkeitsminister Dahlan werden 60.000 palästinensische Fahnen genäht, zudem T-Shirts und Hosen für eine Art ziviler Schutztruppe, die später - neben der Polizei - aber ohne Waffen und im Auftrag der Fatah-Bewegung das Gebiet der Siedlungen schützen soll.

          Gemeinsam gegen den Abzug - israelische Siedler in Orange
          Gemeinsam gegen den Abzug - israelische Siedler in Orange : Bild: dpa/dpaweb

          Am Freitag abend sollten die Fischerboote von Gaza-Stadt mit Fahnen in See stechen, um die Freude über den bevorstehenden Abzug zu dokumentieren. „Tatsächlich sollen diese von Fatah anberaumten Feiern vor allem dafür sorgen, den Abzug in Ruhe vonstatten gehen zu lassen“, sagt Politökonom Salah Abdel Schafi. „Auch soll die Opposition der Islamisten von Hamas und Dschihad sehen, wie stark Fatah ist.“ Hamas hatte in den letzten Tagen ein Komitee mit Fatah erzwungen, um die Feiern zu koordinieren.

          „Befreiung des Gaza-Streifens“

          Tatsächlich steht die Fatah-Bewegung in den letzten Tagen vor zunehmendem Druck von Fatah-Chef Kaddoumi, der vom Exil in Tunis aus die Bewegung spalten will. Präsident und PLO-Chef Abbas muß sich gegen Kaddoumi durchsetzen, der die Mitglieder der „Präventiv-Polizei“ im Gazastreifen aus der Fatah ausschloß, weil sie eine Kaddoumi getreue Gruppe verfolgt hatte.

          Der von Abbas eingesetzte Fatah-Führer im Gazastreifen, Frangi sagte dieser Zeitung am Freitag: „Das werden wir schon in den Griff bekommen“. Der Abzug aus Gaza soll alle internen Streitigkeiten beseitigen helfen und auf ein Ziel vereinigen: die Freude über die „Befreiung des Gazastreifens“.

          Keine Terroranschläge befürchtet

          Die meisten Palästinenser fürchten keine Terroranschläge palästinensischer Gruppen: „Abbas konnte mit Hamas und Dschihad die Waffenruhe festigen“, sagt Abdel Schafi. Es sei letztlich noch einmal deutlich ruhiger geworden. Freilich könnte es Splittergruppen geben, die den Frieden stören. „Aber allgemein herrscht Aufbruch. Es kann sich niemand leisten, diese gute Stimmung zu stören. Die Textilbranche hat viel zu tun und holte eigens Arbeitslose von der Straße. Die Taxis haben Betrieb; die Hotels sind voll. Der israelische Abzug verspricht Wirtschaftswachstum“, sagt Abdel Schafi.

          Am Freitag verkauften die Farmer von Siedlungsblock Gush Kativ 90 Prozent ihrer Gewächshäuser für gut eine Million Euro an einen Internationalen Fonds, der von amerikanischen Gesellschaftern und der „Genfer Initiative“ initiiert wurde. Der „Nahost-Quartett“-Abgesandte Wolfensohn sammelte persönlich knapp die Hälfte dafür. Die Gewächshäuser sollen später an die Palästinenser übergeben werden.

          Scharon kündigt Rede an die Nation an

          Freilich wird zunächst einmal die Bewegungsfreiheit für die Palästinenser eingeschränkt werden. Der Übergang Eretz im Norden ist für einen Monat geschlossen. Der Sperrpunkt im südlichen Streifen Abu Holi bei Khan Yunis wird nur in der Nacht für Araber geöffnet, damit am Tage die Siedler abziehen können. Der Grenzpunkt nach Ägypten in Rafah bleibt geöffnet. Die israelische Armee gibt zu, es seien zwischen 3.000 und 7.000 Demonstranten in den vergangenen Wochen heimlich in den Gazastreifen gelangt und könnten nun zum größten Problem bei der Räumung werden.

          Ministerpräsident Scharon verteidigte seinen Plan noch einmal in einem Gespräch mit der Zeitung „Yediot Ahronot“. Es gebe keinen Grund, um Verzeihung zu bitten. „Ich bedaure nichts. Auch wenn ich das Ausmaß des Widerstands gegen meinen Rückzugsplan vorhergesehen hätte, wäre ich dabei geblieben“, sagte er. Für Montag abend kündigte er eine Rede an die Nation an.

          Siedler: Abschied nicht mehr abzuwenden

          Am Donnerstag abend hatten viele zehntausend nationalistische Israelis in Tel Aviv gegen den Abzug protestiert. Es wurde von mindestens 50.000 Personen gesprochen. Die Veranstalter sprachen von 300.000 Menschen. Doch in den Zeitungen vom Freitag hieß es, über die vielen Monate des Protestes gegen den Abzug sei es den Siedlern nicht gelungen, die nicht betroffene säkulare und bürgerliche Mehrheit Israels anzusprechen.

          Auch die Siedler geben zu, daß ihr Abschied aus Gaza nicht mehr abzuwenden ist. Bei der Demonstration war auf einem Spruchband zu lesen: „Ein judenfreier Gazastreifen heißt Al Qaida willkommen“. Ein Siedler-Vertreter kündigte an, am Montag würden „viele hundert Gruppen Demonstranten“ Straßensperren durchbrechen, um in den Gaza-Streifen vorzudringen.

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