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Israelische Siedler : Jenseits von Gaza

Zweige eines künftigen Friedens? In den alten Gewächshäusern der israelischen Siedler ziehen nun Palästinenser Olivenbäume heran Bild: dpa

Am Sonntag vor fünf Jahren räumten Soldaten und Polizisten die israelischen Siedlungen im Gazastreifen. Die mit dem Rückzug verbundenen Hoffnungen und Versprechen blieben unerfüllt. Ein Besuch bei den früheren Einwohnern der Siedlung Gusch Katif.

          Rachel Saperstein schwankt zwischen Bitterkeit und trotziger Zuversicht. „Wie Müll haben sie uns hier abgeladen. Ich muss raus aus diesem Slum“, sagt die energische Siebzigjährige und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Auf das Vordach der Holzbaracke brennt die Sonne. Auch die Pizzeria ist aus Gusch Katif nach Nitzan umgezogen. Dicht an dicht stehen dort zwischen Schnellstraße und den Sanddünen des nahen Strands die Wohncontainer. „Caravillas“, eine Verbindung von Caravan und Villa, heißen sie hochtrabend und haben sogar ein Dach aus roten Ziegeln. Daneben sind die Container mit dem Hausrat aus Gaza abgestellt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Im August 2005 mussten Rachel Saperstein und mehr als 9000 Einwohner den Siedlungsblock Gusch Katif im Gazastreifen verlassen; zudem wurden damals vier kleinere Siedlungen im Westjordanland geräumt. Auch nach fünf Jahren haben die meisten der gut 3500 Einwohner von Nitzan ihren Umzugscontainer noch nicht ausgepackt.

          Scharons Versprechen folgten keine Taten

          In Gedanken ist nicht nur Rachel Saperstein oft in Neve Dekalim, der größten unter den insgesamt 21 Siedlungen im Gazastreifen. Weniger als eine Stunde Fahrzeit liegen die Überreste des Siedlungsblocks von Nitzan entfernt. „In Gaza lebten wir in einem Paradies, jetzt in einem Flüchtlingslager“, klagt die gebürtige Amerikanerin. Dass die palästinensischen Nachbarn die Siedlungen zuletzt täglich mit Raketen beschossen und ein großes Aufgebot an israelischen Soldaten für ihren Schutz sorgte, lässt sie unerwähnt. Die grauhaarige Frau hofft, Nitzan bald endgültig zu verlassen, denn ihre alte Heimat soll neu entstehen: Zusammen mit Freunden baut sie in Israel eine neue Stadt. „Sie wird Bnei Dekalim heißen und der Stolz Israels sein.

          Eine wahrhaft jüdische Stadt, die auch ein Vorbild beim Umweltschutz sein wird“, sagt sie mit leuchtenden Augen. Übersetzt heißt der Ortsname „Kinder Dekalims“. Und aus ihrer Gaza-Siedlung Neve Dekalim wird auch ein Großteil der Einwohner stammen. Aber auch andere Israelis wollen dort mit den früheren Gaza-Siedlern zusammenleben. Wegen des „Geistes von Gusch Katif“, vermutet Rachel Saperstein.

          Ihr eigenes Haus ist schon im Bau. Nächstes Jahr kann sie vielleicht schon einziehen – sechs Jahre nachdem sie Gaza verlassen hat. Die Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Ariel Scharon hatte den Menschen aus Gusch Katif im Sommer 2005 etwas anderes versprochen: Binnen eines Jahres würden sie die Behelfsunterkünfte, wie die in Nitzan, verlassen haben und wieder in den eigenen vier Wänden leben. Umgerechnet mehr als zwei Milliarden Euro stellte Scharons Regierung dafür bereit. Zugleich hoffte der Regierungschef, dass der Rückzug aus Gaza den Friedensbemühungen einen neuen Schub geben würde.

          Diese Hoffnung erfüllte sich nicht, und auch den vollmundigen Versprechen, die er den Siedlern in Gaza machte, folgten keine Taten: „Ein absolutes, komplettes Versagen“, stellte eine von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission vor wenigen Wochen fest. Die Zahlen sprechen für sich: Bis heute haben mehr als siebzig Prozent der früheren Einwohner aus Gusch Katif immer noch keine dauerhafte Bleibe.

          „Eher würde der Mond auf die Erde stürzen“

          Aber es lag nicht nur an der Regierung. Die Siedler aus dem Gazastreifen brauchten lange, bis sie sich von dem Schock erholten, den sie vor fünf Jahren erlitten hatten. Damals rückten am 15. August 14.000 Soldaten und Polizisten an und trugen am Ende alle diejenigen aus ihren Häusern und Bauernhöfen, die nicht freiwillig gehen wollten. Bis zuletzt konnten es sich die meisten in Gusch Katif einfach nicht vorstellen, dass ausgerechnet der „Siedlervater“ Ariel Scharon sie vertreiben würde; maßgeblich hatte er dazu beigetragen, dass sich in den siebziger Jahren Israelis in dem Küstenstreifen niederließen.

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