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Israel und Libanon verhandeln : Kompromisse unter Feinden?

Verhandlungen zwischen zwei Feinden: Israelische Soldaten am 14. Oktober an der israelisch-libanesischen Grenze. Bild: EPA

Offiziell befinden sich Israel und der Libanon im Kriegszustand. Den Eindruck einer Annäherung wollen sie tunlichst vermeiden – dennoch verhandeln sie nun über ihre umstrittene Seegrenze.

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          Das Treffen dauerte kaum eine Stunde. Aber es war so bedeutend, dass der für den Nahen Osten zuständige Abteilungsleiter im State Department, David Schenker, anreiste und auch der UN-Sonderkoordinator für den Libanon, Ján Kubiš, zugegen war. Im Hauptquartier der UN-Truppe Unifil in Naqoura im libanesisch-israelischen Grenzgebiet wurden Verhandlungen eröffnet, die einen Streit über 856 Quadratkilometer auf dem Meer beilegen sollen. Diese Gespräche über Gebietsansprüche vor der Küste sind seit drei Jahrzehnten die ersten Kontakte beider Länder, die sich nicht um Sicherheitsfragen drehen. Israel und der Libanon sind verfeindet, befinden sich seit 1948 offiziell im Kriegszustand. Jetzt sitzen Delegationen aus beiden Ländern an einem Tisch.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Beide Seiten gaben sich Mühe, die symbolische Bedeutung herunterzuspielen und den „technischen Charakter“ der Gespräche hervorzuheben. Der libanesische Außenminister Charbel Wehbe sprach von Israel als „Feind“ und sagte: „Der libanesische Verhandlungsführer wird viel schärfer sein, als sie glauben, weil wir nichts zu verlieren haben.“ Es sind solche Äußerungen, die ein israelischer Regierungsmitarbeiter meinte, als er gegenüber der Presse ankündigte, Pragmatismus werde mit Pragmatismus beantwortet. „Wenn die andere Seite die Gespräche anfängt, um einen Sieg über den zionistischen Feind zu beanspruchen, werden wir keinen Fortschritt sehen“, so der Israeli.

          „Es sind keine Gespräche über Frieden und Normalisierung“

          Die Führung in Beirut will den Eindruck vermeiden, der Auftakt der Verhandlungen sei der Beginn einer Annäherung. Die Gespräche sind heikel, weil die mit Iran verbundene Schiitenorganisation Hizbullah die militärisch stärkste Kraft im Libanon ist. Und der Hass auf Israel ist zentraler Bestandteil ihrer Ideologie. Daher hatte es Aufsehen erregt, als Libanons Parlamentschef Nabih Berri, Anführer der Schiitenorganisation Amal und Verbündeter der Hizbullah, vor zwei Wochen verkündete, dass die Gespräche stattfinden können. Gegen den Willen der Hizbullah hätte er das kaum getan.

          Wenige Stunden vor Beginn der Gespräche gab es dann doch noch Störfeuer der beiden Schiitenorganisationen, die erklärten, sie lehnten die Zusammensetzung der libanesischen Delegation „ausdrücklich“ ab. Diese habe ausschließlich aus Militärs zu bestehen, die für gewöhnlich als Verbindungsleute zum Nachbarland fungieren. Dass Zivilisten zur Delegation gehörten, begünstige die „israelische Logik“, die sich „jede Form der Normalisierung“ wünsche.

          Dabei hatten israelische Regierungsvertreter bekräftigt, es handele sich weder um umfassende Grenzverhandlungen noch um erste Schritte hin zu einer Normalisierung. „Wir müssen realistische Erwartungen an die Verhandlungen mit Libanon haben“, sagte Energieminister Juval Steinitz, dessen Ministerium die Delegation offiziell anführt. „Es sind keine Gespräche über Frieden und Normalisierung; es ist ein Versuch, ein technisch-wirtschaftliches Problem zu lösen, das uns seit zehn Jahren daran hindert, Bodenschätze im Meer zum Nutzen der Menschen in der Region zu fördern.“

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