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Waffenruhe hält : Israel und Gaza kehren zurück zur Normalität

Zurück zum Alltag: Eine Palästinenserin hängt in Gaza-Stadt an ihrem beschädigten Haus Wäsche auf. Bild: Reuters

Die Militäroperation gegen den „Islamischen Dschihad“ im Gazastreifen wird in Israel als Erfolg gewertet. Die Gruppe blieb in ihrem Kampf allein – die Hamas beteiligte sich nicht an der jüngsten Eskalation.

          3 Min.

          Zumindest etwas Normalität war am Montag rasch wiederhergestellt. Der Erez-Grenzübergang zwischen Israel und dem Gazastreifen, der am Abend zuvor noch von Beschuss getroffen worden war, öffnete am Vormittag, wenn auch nur für humanitäre Transporte. Die 12 000 Palästinenser mit Arbeitsgenehmigungen für Israel durften die Grenze somit noch nicht wieder passieren; aus Israel hieß es, dies werde frühestens am Dienstag der Fall sein. Immerhin gelangten Nahrungsmittel und Medikamente nach Gaza – sowie Treibstoff, sodass das einzige Stromkraftwerk des Küstenstreifens die Arbeit wiederaufnehmen konnte, nachdem es am Samstag abgeschaltet worden war. Die israelische Armee ließ am Mittag alle Beschränkungen für die Gebiete im Süden des Landes fallen. Die einberufenen Reservisten wurden nach Hause geschickt.

          Christian Meier
          Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.

          Auf beiden Seiten besichtigten die Menschen die Schäden durch die Angriffe. Die Bewohner Gazas zählten zudem die Toten und Verletzten. Die Hamas teilte mit, zwischen Freitagnachmittag und Sonntagabend seien 45 Menschen getötet worden und 360 verletzt. 15 der Toten sollen militanten Gruppen angehört haben, 15 weitere sollen Kinder gewesen sein. Die israelische Armee gab andere Zahlen an: Ein Sprecher sagte, durch die israelischen Angriffe seien im Gazastreifen schätzungsweise 35 Personen getötet worden. Elf von ihnen seien Zivilisten gewesen.

          Es war die opferreichste Eskalation im Gazastreifen seit mehr als einem Jahr. Zugleich handelte es sich um den kürzesten Waffengang, seit die Hamas im Jahr 2007 die alleinige Kontrolle über den Gazastreifen übernommen hat. Knapp zweieinhalb Tage dauerte er, dann setzte um 23.30 Uhr Ortszeit am Sonntagabend die von Ägypten vermittelte Waffenruhe ein – und hielt, bis auf wenige Ausnahmen, auch am Montag. In Israel wurde das von den allermeisten Kommentatoren als Erfolg betrachtet. Durch den Überraschungsangriff am Freitag habe die Armee mit dem PIJ, der „Bewegung des Islamischen Dschihads in Palästina“, kurzen Prozess gemacht. Die Luftschläge der Armee töteten mehrere ranghohe Führer der militanten Organisation und setzten ihr auch sonst schwer zu – und all das ohne eigene Verluste. Das Raketenabwehrsystem Iron Dome war laut Angaben der Armee effektiv wie nie gegen die mehr als 1000 vom PIJ abgefeuerten Raketen.

          Hamas beteiligte sich nicht

          Nachdem bei verschiedenen Einschlägen im Gazastreifen mehrere Personen, unter ihnen Kinder, getötet worden waren, veröffentlichte die israelische Armee umgehend Material, um zu zeigen, dass die Treffer auf fehlgegangene Raketenabschüsse des PIJ zurückzuführen seien und nicht auf israelischen Beschuss. Manche Beobachter zogen einen Vergleich mit dem mehrtägigen Waffengang zwischen Israel und dem PIJ im Herbst 2019 und wiesen auf die wichtigste Gemeinsamkeit hin: Damals wie heute schaltete die Hamas sich nicht in den Konflikt ein. „Ich glaube, das ist eines der Dinge, welche die israelischen Verteidigungsstreitkräfte als Erfolg betrachten“, sagte Sagi Baruch, der Kommandeur des südlichen Heimatfrontdistrikts, am Montag im Radiosender Kan. In Medien wurden ungenannte ranghohe Regierungsmitarbeiter mit der Einschätzung zitiert, man sei sich sicher gewesen, dass die Hamas stillhalten würde. Sie ist die stärkste militärische Kraft im Gazastreifen, vor dem PIJ mit seinen etwa 6000 Kämpfern.

          Ideologisch und militärisch sind beide Gruppen verbündet, sie gehen in manchen Punkten aber auch getrennte Wege. Während die Hamas sich in erster Linie auf den Machterhalt und die Herrschaft über die Bewohner des Gazastreifens konzentriert, ist der von Iran unterstützte PIJ stärker auf die Fortführung des Kampfes gegen Israel ausgerichtet. In jüngster Zeit verwandte er größere Energie auf den Aufbau von Zellen im nördlichen Westjordanland, etwa in den Städten Dschenin und Nablus.

          Vor allem die Aktivitäten des „Islamischen Dschihads“ im Gazastreifen kommen der Hamas nicht immer gelegen. PIJ-Generalsekretär Ziyad al-Nachala, der sich gegenwärtig in Iran aufhält, rief nach dem Beginn der israelischen Militäroperation zur „Einheit“ der Widerstandsfront auf. Bei der Hamas-Führerschaft stieß er damit offenbar nicht auf offene Ohren. Generell blieb es unter den Palästinensern am Wochenende ruhig, zumal im Vergleich mit dem Mai vergangenen Jahres, als der Gazakrieg zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Juden auch innerhalb Israels führte. Auch dass aus Anlass eines Feiertags mehr als 2000 nationalreligiöse Juden am Sonntag den auf dem Al-Aqsa-Areal gelegenen Ort des ehemaligen Tempels besuchten, führte zu keiner größeren Eskalation. Es gab einige kleinere Gerangel, und ein palästinensischer Fotograf auf dem Al-Aqsa-Gelände wurde von der israelischen Polizei festgenommen und offenbar misshandelt. Im Nahostkonflikt gehört auch das zur Normalität.

          Al-Nachala sprach nach der Ausrufung der Waffenruhe dennoch von einer Kapitulation Israels. Auf einer Pressekonferenz in Teheran sagte der PIJ-Anführer auch, Israel habe zugesagt, den vor einer Woche in Dschenin verhafteten PIJ-Kommandeur Bassam al-Saadi sowie einen weiteren Kommandeur der Gruppe, der ohne Anklage inhaftiert ist und sich aus diesem Grund seit Wochen im Hungerstreik befindet, freizulassen. Andernfalls, drohte al-Nachala, würde der PIJ den Kampf wiederaufnehmen. In Israel wurde bestritten, dass es solche Zusagen gebe. Der Minister für öffentliche Sicherheit, Omer Bar-Lev, sagte im Radio, al-Saadi bleibe im Gefängnis, „wie jeder Häftling“.

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