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Israel und Ägypten : Ein Land zäunt sich ein

Oben auf dem Zaun spiegelt sich das Sonnenlicht im messerscharfen Nato-Draht: Die Barriere ist schon mehr als hundert Kilometer lang Bild: AFP

Zum Schutz vor Flüchtlingen, Schmugglern und Terroristen errichtet Israel eine 240 Kilometer lange Barriere an der Grenze zu Ägypten. Jeden Tag wächst das Ungetüm aus Stahl um bis zu 800 Meter.

          5 Min.

          Aschgrau sind die Spuren, die der brennende Bus im Straßengraben hinterlassen hat. Auch der heftige Regen in den Wintermonaten konnte die Erinnerung an den 18. August des vergangenen Jahres nicht wegspülen. Nördlich von Eilat griff an diesem heißen Sommertag ein Terrorkommando mehrere israelische Fahrzeuge an und tötete acht Menschen. Die Israelis wollten zum Baden ans Rote Meer und waren auf der Landstraße 12 unterwegs, die sich dort durch die schroffe Felslandschaft schlängelt. Ein paar Meter westlich liegt Ägypten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Das ist jetzt auch eine heiße Grenze“, sagt Yoav Tilan und zeigt hinüber auf die Weiten der Sinai-Halbinsel. Die Soldaten des israelischen Oberstleutnants mit der Maschinenpistole an der Schulter bewachen seit dem vergangenen August nicht nur den südlichsten Abschnitt der knapp 240 Kilometer langen Grenze. Sie sichern zugleich eine der größten Baustellen des Landes. Mitten in der bisher fast unberührten Wüste errichten Arbeiter einen fünf Meter hohen Zaun.

          Auf einmal spielte Geld keine große Rolle mehr

          Ein Jahr nach dem Sturz von Präsident Mubarak im Nachbarland Ägypten und gut ein halbes Jahr nach den Anschlägen bei Ein Netafim ist das Ungetüm aus verzinktem Stahl schon mehr als hundert Kilometer lang. Jeden Tag wächst es um bis zu 800 Meter. Ganz oben auf dem Zaun spiegelt sich das Sonnenlicht im messerscharfen Nato-Draht. Ende 2012 soll er von den Bergen hinter Eilat am Roten Meer bis fast ans Mittelmeer an der Grenze zum Gazastreifen führen.

          Geplante und bereits errichtete Sperranlagen zwischen Israel, Ägypten und den Autonomiegebieten Bilderstrecke

          Noch bis vor einigen Jahren reichte der hüfthohe Zaun aus, der an der Baustelle bei Ein Netafim vor sich hin rostet. Für Ruhe auf dem Sinai sorgten auf der anderen Seite der Grenze Präsident Mubarak und die ägyptische Armee. Doch dann hatten die Sicherheitskräfte auf einmal auf dem Tahrir-Platz in Kairo alle Hände voll zu tun. Jetzt kümmern sie sich weniger um die Sinai-Halbinsel. Der ägyptischen Armee war es aber auch zuvor schon schwergefallen, die bergige Wüste zu kontrollieren, in der immer mehr Terroristen ihre Zelte aufschlugen. Israelische Militärs loben zwar bis heute ihre ägyptischen Kollegen. Aber der Sold der Soldaten ist niedrig, viele wurden angeblich zur Strafe auf den Sinai versetzt. So schauen sie von den Wachtürmen an der Grenze oft nur hilflos dem Treiben der Schmuggler und Dschihadisten zu.

          Im Jahr 2011 entführten im Februar Beduinen 17 ägyptische Grenzsoldaten, im März belagerten sie tagelang einen UN-Stützpunkt. Aber erst die Anschlagsserie in der Mittagshitze des 18. August führte in Israel dazu, dass die Regierung mit ihren Plänen für einen Zaun Ernst machte. Auf einmal spielte Geld keine große Rolle mehr. Offiziell ist von Kosten in Höhe von 1,3 Milliarden Schekel die Rede. Das entspräche 265 Millionen Euro. Israelische Politiker befürchten, dass der neue Terrorschutz am Ende sogar mehr als eine Milliarde Euro kosten wird.

          Ein Element einer größeren Strategie

          Im israelischen Verteidigungsministerium gab man dem Zaun-Projekt den Namen „Stundenglas“. Warum, kann auch in Tel Aviv niemand sagen. Der Name soll vielleicht andeuten, dass die Zeit für alle unerwünschten Eindringlinge abläuft. Mehr als 60.000 Menschen schmuggelten Beduinen aus dem Sinai in den vergangenen fünf Jahren über die Grenze. Zuletzt waren es jeden Monat bis zu 3000. Die Schmuggler hatten nicht nur Flüchtlinge und Arbeitssuchende aus Sudan und Eritrea dabei, sondern auch Rauschgift, Waffen und schließlich Terroristen. Ist das Bauwerk fertig, wird Israel auf seiner Landseite vollständig von hohen Zäunen und Mauern umgeben sein.

          Der Zaun am Sinai wird „stumm“ sein. Anders als die Sperranlage zum Westjordanland löst er nicht automatisch Alarm aus, wenn sich Menschen daran zu schaffen machen. „Aber wir haben ausgezeichnete andere Aufklärungsmöglichkeiten“, sagt Oberstleutnant Tilan vieldeutig. Die israelische Presse schreibt über Radartechnologie entlang der Absperrung. Der Zaun sei „nur ein Element“ einer größeren Strategie, die Anschläge wie im August 2011 verhindern solle, sagt Tilan. Er soll Eindringlinge lange genug aufhalten, bis die Soldaten kommen.

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