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Sprechen mit Israelis verboten : Das Ende von „Skype mit deinem Feind“

Der Gazastreifen ist praktisch von der Außenwelt abgeriegelt (Symbolbild). Bild: dpa

Ein junger Palästinenser im Gazastreifen organisierte Videokonferenzen mit jungen Israelis. Nun hat ihn die Hamas festgenommen.

          3 Min.

          Seit zehn Jahren betreibt Rami Aman ein Jugendforum im Gazastreifen. Es ist keine bekannte Organisation, sondern ein Zusammenschluss aus 150 Palästinensern, die sich für Bildung, Kultur und Sport einsetzen. Und seit fünf Jahren das Format „Skype mit deinem Feind“ betreiben, wie Aman erzählte, bis er eben dafür am Donnerstag von der Hamas verhaftet wurde.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Lange Zeit kommunizierten Aman und seine Leute mit den vornehmlich jungen linken israelischen Aktivisten in geschlossenen Foren. Diesmal beschlossen sie, eine Zoom-Konferenz öffentlich abzuhalten: Mehr als zweihundert Personen in Israel, Amerika und Gaza sollen auf der frei zugänglichen Plattform vergangene Woche daran teilgenommen haben. Davon hörte auch eine bekannte Medienaktivistin in Gaza, Hind Khoudary, die sich über die „Normalisierungsaktivitäten“ Amans beschwerte und in einer Facebook-Nachricht drei Hamas-Vertreter markierte, die so darauf aufmerksam gemacht und möglicherweise auch öffentlich in Zugzwang gebracht wurden.

          Nur Stunden später jedenfalls hatten Aman und einige seiner Mitstreiter einer Vorladung der Hamas-geführten Inneren Sicherheit zu folgen, wie zuerst die Nachrichtenagentur AP berichtete. Seither ward von ihnen nichts mehr gehört. Ihr Vergehen: „Der Aufbau von Normalisierungsaktivitäten mit der israelischen Besatzung über das Internet“, wie das von der Hamas geführte Innenministerium im Gazastreifen bekanntgab. „Jegliche Aktivität oder Kommunikation mit der israelischen Besatzung unter jedwedem Bezug ist ein strafbares Verbrechen und ein Betrug an unserem Volk und dessen Opfern“, so die Mitteilung der Islamisten. 

          „Die Sicherheit hat mich schon viele Male vorgeladen“

          Es ist nicht das erste Mal gewesen. „Die Sicherheit hat mich schon viele Male vorgeladen“, erzählt Aman in seiner vorerst letzten Videokonferenz. Vergangenes Jahr sei er bereits für siebzehn Tage festgenommen worden wegen seiner Arbeit mit den Israelis. „Ja, es ist gefährlich, aber wir haben nichts zu verlieren.“ Anfangs sei es schwer gewesen, Leute in der eigenen Gesellschaft im Gazastreifen zu überzeugen, „die dachten, wir würden mit dem Mossad oder dem Shabak zusammenarbeiten.“ Seit mehr als zwölf Jahren ist der Gazastreifen vor allem von Israel und an der Südgrenze auch von Ägypten abgeriegelt, und die allermeisten jungen Leute haben ihre Enklave nie verlassen können. Umgekehrt haben auch Israelis kaum eine Möglichkeit der Interaktion mit den Menschen in Gaza, jenseits der Medien, der Politik und des Militärs.

          Auch der Fall der Medienaktivistin Khoudary wirft ein Licht auf die mehrschichtige Lage, in der sich insbesondere junge Leute in Gaza befinden. Vergangenes Jahr war Khoudary selbst von der Hamas festgenommen worden, als sie zeitweise für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International gearbeitet und in der Zeit die damals aufflammenden Proteste in der Bevölkerung gegen die Lebensbedingungen und gegen die eigene Hamas-Regierung dokumentiert hatte. Die Hamas hatte Hunderte Palästinenser festgenommen. „Ich bin nicht Hamas, ich unterstütze Hamas nicht, ich bin eine Palästinenserin, die mein Volk seit Jahren verteidigt“, äußerte Khoudary am Montag nach der Festnahme Rami Amans. „Niemand hat mir beigebracht, dass das Sprechen mit Israelis inakzeptabel ist, außer jeder einzelne in Stücke gerissene blutige Körper“, schrieb Khoudary.

          Die Hamas-Spitze dagegen hat sich selbst kein Sprechverbot auferlegt. Sie kommuniziert regelmäßig mit der israelischen Führung, wenn auch indirekt, meist unter Vermittlung Ägyptens, Katars und den Vereinten Nationen. In den vergangenen Tagen häuften sich die Berichte über einen möglichen Gefangenenaustausch mit Israel. So habe Israel der Freilassung von in Israel gefangenen palästinensischen Kindern und Frauen zugestimmt, meldete das Blatt „Maariv“ am Montag unter Berufung auf die kuwaitische Zeitung „Al Jarida“. Im Gegenzug könnte die Hamas die Leichen zweier israelischer Soldaten und zwei gefangene israelische Zivilisten freigeben. Ein Hamas-Vertreter wies das am Wochenende jedoch als „gegenstandslos“ zurück. Israels Verteidigungsminister Naftali Bennett hatte die Übergabe der beiden Soldaten in Verbindung gebracht mit der Freigabe für humanitär-medizinische Hilfe an den Gazastreifen. Hamas-Anführer Jahja Sinwar hatte tags darauf deklamiert, „wenn Coronavirus-Patienten in Gaza nicht atmen können, dann werden wir sechs Millionen Israelis den Atem nehmen, und wir werden uns das, was wir brauchen, durch Gewalt nehmen.“

          Rami Aman und seine Freunde sind für eine andere Form von Dialog gewesen. Aman sagte, er wolle einer neuen Generation Gehör verschaffen, die anders sei als der israelische Ministerpräsident und der palästinensische Präsident: „Lasst uns eine neue Art Netanjahu und Abu Mazen schaffen“, so Aman. „Wir sind gegen Extremismus auf unserer und auf der israelischen Seite.“ Viele Menschen in Gaza würden über Frieden mit den Israelis sprechen, „aber warum sprechen sie nicht öffentlich? Wir reden nicht über eine Ein- oder Zweistaatenlösung, wir haben darauf keine Antworten, aber wir brauchen ein Recht“, so Aman. Die Hamas jedenfalls wollte nicht, dass er gehört wird.

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