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Israel : Scharon: Greift mich an, nicht die Soldaten

  • Aktualisiert am

Erzwungener Abschied: Polizisten tragen einen Siedler davon Bild: AP

Am ersten Tag der Zwangsräumung im Gazastreifen drohte der Protest von Abzugsgegnern zu eskalieren. Ein Siedler erschoß drei Palästinenser, eine Siedlerin zündete sich an. Israels Premier bemühte sich um Deeskalation.

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          Am ersten Tag der Zwangsräumung drohte der Protest der israelischen Siedler und Abzugsgegner zu eskalieren. Gleichwohl gab die Armee am Mittwoch abend bekannt, der Prozeß gehe trotz einiger Gewalttakte schneller voran als erwartet.

          Am Morgen hatte eine Frau in Morag versucht, eine Soldatin mit einer Nadel zu erstechen. Kurz darauf warnte Premierminister Scharon, die Siedler sollten nicht Soldaten oder Polizisten angreifen, „sondern mich. Ich trage die Verantwortung für den Abzug“.

          Eine Siedlerin aus dem Westjordanland zündete sich am Mittag an und fügte sich damit schwere Verletzungen zu. Dort will Israel parallel zum Gazastreifen vier Siedlungen räumen. Der Vorfall ereignete sich an einem israelischen Kontrollpunkt außerhalb des Gazastreifens. Die Frau wurde mit starken Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht.

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          Siedler erschießt Palästinenser

          Später am Nachmittag erschoß dann ein Siedler aus Schvut Rahel bei Schiloh nördlich von Ramallah im Westjordanland drei Palästinenser und verletzte weitere. Die Siedlung des Attentäters gehört nicht zu den Orten, die geräumt werden. Der Mann hatte die Waffe einem Sicherheitsmann gestohlen. Am 4. August hatte ein Israeli in Schfaram vier Araber in einem Bus getötet.

          Angesichts der aufgeheizten Atmosphäre forderte der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon die Abzugsgegner auf, ihre Wut gegen ihn zu richten und nicht die Sicherheitskräfte anzugreifen. Er trage die Verantwortung für den Abzug, sagte Scharon im Fernsehen. Die Entscheidung wird von der Mehrheit der israelischen Bevölkerung unterstützt.

          In Neve Dekalim, der größten Siedlung des Gebiets, mußten sich die israelischen Soldaten ihren Weg durch Barrikaden und aufgebrachte Demonstranten bahnen. In der „Hauptstadt“ von Gush Kativ arbeiteten sich Gruppen von je 17 Soldaten von Haus zu Haus durch und setzten die verbliebenen Bewohner in Busse.

          „Kampf von Individuen“

          Am Mittwoch abend meldeten die Sicherheitskräfte, fünf Siedlungen seien im Gazastreifen bereits geräumt worden; unter anderem auch Morag, wo es am Morgen zu Auseinandersetzungen gekommen war. „Der Kampf gegen die Evakuierung wird nicht mehr von einer breiten Basis geführt sondern nur noch von Individuen“, sagte General Ziv.

          Eine Frau wurde nach Polizeiangaben festgenommen, weil sie mit einem Messer auf einen Soldaten losgegangen war und ihn leicht verletzt hatte. Kabinettsminister Matan Wilnai von der mit-regierenden Arbeitspartei wurde von einem Ei am Kopf getroffen, als er die Räumung vor Ort beobachten wollte. Schwarzer Rauch lag über den Straßen, auf denen die Abzugsgegner Autoreifen und Müllberge angezündet hatten.

          „Gebt mir die Schuld!“

          Am Mittag traten Präsident Katsav und Premier Scharon gemeinsam vor die Kameras. Scharon wandte sich damit zum zweiten Mal seit Beginn des Abzugs über das Fernsehen an die Menschen und appellierte an sie, den Soldaten und Polizisten die Ausführung ihrer Befehle nicht zu erschweren. „Greift mich an. Ich bin verantwortlich dafür. Greift mich an. Gebt mir die Schuld!“, sagte er. Präsident Mosche Katzav, der bei der Ansprache neben Scharon saß, korrigierte die Wortwahl: „Sie meinen 'kritisieren', nicht 'angreifen'.“

          In seiner ersten Rede zwei Tage zuvor hatte Scharon den Abzug als Gewinn an Sicherheit verteidigt und das Ziel bekräftigt, den gewalttätigen Konflikt mit den Palästinensern dadurch zu entschärfen. Die Abzugsgegner werfen dem ehemaligen Vorreiter der Siedlungsbewegung vor, damit den Terror der Palästinenser zu belohnen.

          Zieldatum 4. September

          Tausende Siedler und verbündete Nationalisten verließen die fünf Siedlungen, die am ersten Tag der Zwangsräumungen evakuiert wurden, ohne Kampf. Viele von ihnen umarmten die eingesetzten Soldaten unter Tränen und bestiegen dann die Busse, die die Armee für sie bereitgestellt hatte.

          Israel hatte den Siedlern bis Mitternacht Zeit gegeben, das palästinensische Gebiet freiwillig zu verlassen. Nach offiziellen Angaben war bis dahin etwa die Hälfte der 8500 Gaza-Siedler der Aufforderung gefolgt. Der harte Kern, der in vielen Siedlungen zurückgeblieben ist, wird von bis zu 5000 Ultranationalisten unterstützt, die sich in den vergangenen Wochen in das Gebiet geschlichen haben.

          Bis zum 4. September sollen alle 21 Siedlungen im Gazastreifen und vier vier isolierte Orte der etwa 120 Siedlungen im Westjordanland geräumt werden. Im Norden des Gazastreifens begannen die Soldaten noch am Mittwoch damit, erste Siedler-Häuser abzureißen. Laut einer Vereinbarung mit den Palästinensern wird Israel alle Siedlungen eigenhändig zerstören und sich dann vollends aus dem Gebiet zurückziehen. Israel gibt damit erstmals Land auf, das von den Palästinensern für einen eigenen Staat beansprucht wird.

          An den Abzug knüpfen sich daher auch Hoffnungen auf eine Wiederbelebung des Friedensprozesses.

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