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Wirtschaftliche Zusammenarbeit : Chinas Weg und Israels Ziel

Verstehen sich gut: Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Chinas Vizepräsident Wang Qishan Bild: AFP

Benjamin Netanjahu sucht immer engere Beziehungen mit China. Dafür gibt er strategische Schätze preis. Das schmeckt nicht jedem.

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          Benjamin Netanjahu hat seinem chinesischen Gast ein Buch mitgebracht, aus der eigenen privaten Bibliothek. Es heißt „Die Lehren der Geschichte“ und ist fünfzig Jahre alt. „Geographie verliert an Bedeutung, je wichtiger Technologie wird“, liest der israelische Ministerpräsident vor. Im Vergleich zum chinesischen Großmachtanspruch nimmt sich Israel tatsächlich wie ein Punkt in der Landschaft aus: Allein zehn chinesische Städte sind von der Bevölkerungszahl jeweils größer als das gesamte Israel. Nimmt man dagegen die Absichtserklärungen und Abkommen im Technologiebereich zum Maßstab, die der vier Tage dauernde Besuch des chinesischen Vizepräsidenten Wang Qishan ergeben hat, könnte der Autor hellseherische Fähigkeiten gehabt haben.

          Jochen Stahnke
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Wang ist der ranghöchste chinesische Gast in Israel seit Präsident Jiang Zemins Besuch vor 18 Jahren. Unter Netanjahu sind die Beziehungen zu China so eng geworden wie nie seit Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen 1992. Seither ist das Handelsvolumen auf mehr als elf Milliarden Dollar gestiegen. Vor vier Jahren kaufte ein chinesisches Unternehmen den israelischen Milchprodukte-Marktführer Tnuva. Chinesische Baufirmen haben den wichtigen Tunnel in die nördliche Hafenstadt Haifa fertiggestellt und bauen derzeit eine Straßenbahn in Tel Aviv. Mehr als 20 000 chinesische Arbeiter leben in Israel.

          Israel profitiert wirtschaftlich, China gewinnt an Know-how und setzt sich weiter im Nahen Osten fest. Während der amerikanische Präsident Donald Trump die Zölle auf chinesische Waren erhöht, stehen Verhandlungen über die Einrichtung einer Freihandelszone zwischen China und Israel kurz vor dem Abschluss. Schon jetzt kommt ein Drittel der Investitionen in den israelischen Technologiesektor aus China.

          Immer engere Kooperation

          Aber ohne Geografie geht es dann doch nicht: „Wir überlegen, wie wir in (Präsident) Xi Jinpings Seidenstraßen-Initiative passen“, sagt Netanjahu im Außenministerium, „aber auch, wie wir Handelswege aufbauen.“ Soll heißen: Der israelische Regierungschef erkennt den machtpolitischen Charakter von Pekings Seidenstraßen-Initiative klar. Zwar ist Israel nicht direkt Teil davon. Trotzdem sind die Chinesen heute Israels drittgrößter Handelspartner. „Die menschliche Natur hat die Geschichte verändert“, erwidert Vizepräsident Wang, „aber die Geschichte hat niemals die menschliche Natur verändert.“ Chinas Botschaft wird längst nicht mehr verschleiert: Xi geht es um Macht und um Einfluss.

          Dass die immer engere Kooperation mit China in Washington schlecht ankommen könnte, fragt man sich in Jerusalem offenbar selten. Der Grund für den Missmut in Washington ist weniger der Handelskrieg gegen Peking, auf den der trotz allem vergleichsweise geringe Warenaustausch zwischen Israel und China wenig Einfluss hat. Vielmehr gewährt Israel China Zugang in strategische Bereiche wie Künstliche Intelligenz oder Cybersicherheit und in wichtige Infrastruktur.

          Nicht nur die eigene Wirtschaft im Blick

          Das chinesische Staatsunternehmen SIPG modernisiert den Hafen von Haifa und darf ihn für die kommenden 25 Jahre betreiben. Haifa ist der wichtigste Hafen Israels. Hier liegt die israelische Marine mit ihren atomwaffenfähigen Unterseebooten. In die entsprechende Ausschreibung war der israelische Nationale Sicherheitsrat nicht eingebunden, was unter Sicherheitsleuten für Unverständnis sorgt. Selbst ohne die Unterseeboote ist Haifa einer der strategisch wichtigsten Orte Israels: Vom Hafen aus plant die israelische Regierung eine Eisenbahnverbindung über Jordanien bis nach Saudi-Arabien. Ein chinesischer Fuß in der Tür zwischen Mittelmeer und nahöstlichem Hinterland erhöht den Einfluss Pekings enorm. Vergrößert wird er noch, seit eine chinesische Firma eine weitere Ausschreibung gewonnen hat, um den israelischen Handelshafen Ashdot im Süden des Landes zu modernisieren.

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