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Israel : Mit High-Tech gegen Kassam-Raketen

Während eines Tests des „Iron Dome” Bild: AP

Im November werden die ersten Batterien eines hochmodernen Raketenabwehrsystems bereit sein, mit dem Israel sich vor Angriffen aus dem Gazastreifen und dem Libanon schützen will. Kritiker bemängeln die hohen Kosten für die Technik, die um ein Vielfaches über den Herstellungskosten einer Kassam-Rakete liegen.

          Der stellvertretende israelische Verteidigungsminister Matan Vilnai versuchte am Dienstag die Begeisterung der Techniker und Militärs zu dämpfen. Am Montag hatten sie die abschließenden Tests des neuen Raketenabwehrsystems „Iron Dome“ als „vollen Erfolg“ gefeiert. Vilnai sagte nun, zu „100 Prozent“ werde das neue Abwehrsystem Israel nicht vor Kurzstreckenraketen aus dem Libanon oder dem Gazastreifen schützen. Er halte 80 Prozent für realistisch.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Kurzstreckenraketen und sogar Mörsergranaten mit Reichweiten von vier bis zu 70 Kilometern kann diese eiserne Kuppel nach Angaben des Herstellers abfangen. Im November werden die beiden ersten Batterien einsatzbereit sein; weitere neun sollen folgen. Besonders die Menschen, die in der Nachbarschaft des von der Hamas beherrschten Gazastreifens oder in der Reichweite der Katjuscha-Raketen der libanesischen Hizbullah-Miliz leben, setzen große Hoffnungen in das neue System - und sind jetzt enttäuscht.

          Israelische Gaza-Anrainer erwägen mittlerweile, vor das Oberste Gericht zu ziehen, um die Armee zu zwingen, mit den ersten Batterien permanent Städte wie Sderot zu schützen. Die Armeeführung ließ bisher jedoch nur in knappen Worten wissen, dass sie darüber je nach Bedrohungslage entscheiden werde. Zudem sei die neue Abwehr sehr mobil. Laut israelischen Presseberichten bleiben die Raketen und die dazugehörenden Radaranlagen erst einmal auf einem Stützpunkt im Süden. Manche Militärs würden sie demnach auch im Ernstfall am liebsten dort lassen, um strategisch wichtige Militärflughäfen und nicht Städte oder Dörfer zu schützen.

          Das Geld reicht nur für neun Batterien

          Von einem wirkungsvollen Schutzmantel ist man jedoch noch weit entfernt: Nach israelischen Schätzungen wären bis zu 20 Batterien nötig, um den Süden und Norden effektiv vor Raketenangriffen zu schützen. Zusätzlich zu den schon bereitstehenden zwei Batterien sind bisher nur Gelder in Höhe von 205 Millionen Dollar abrufbar. Der amerikanische Kongress hatte die Summe vor zwei Monaten bewilligt. Damit ließen sich - bei einem jeweiligen Systempreis von umgerechnet acht bis zehn Millionen Euro - bis zu neun weitere Batterien anschaffen. Der israelische Verteidigungshaushalt selbst lässt kaum Raum für neue Aufträge. In den laufenden Haushaltsberatungen zeichnet sich sogar ab, dass die Streitkräfte rund eine halbe Milliarde Euro weniger erhalten könnten, als sie es gefordert hatten.

          Israelische Fachleute und Kommentatoren warnten am Dienstag davor, dass die Armee zu sehr auf solche hochtechnologische Abwehrsysteme setzen könnte. Das Geld, das man dafür ausgebe, werde zum Beispiel fehlen, um Soldaten auf den nächsten Krieg vorzubereiten: „Wir könnten von passiven Lösungen abhängig werden, während wir auf gefährliche Weise darauf verzichten, offensive Ansätze zu verfolgen“, kommentierte etwa die Zeitung „Israel Hajom“.

          Eine Abfangrakete von „Iron Dome“ kostet bis zu 50.000 Dollar

          Vor allem auf den riesigen Preisunterschied zwischen den Raketen weisen die Kritiker hin. Wenige hundert Dollar koste es, eine Kassam-Rakete herzustellen, aber bis zu 50.000 Dollar, um eine Abfangrakete von „Iron Dome“ zu bauen. Ein Sprecher der israelischen Herstellerfirma Rafael machte am Dienstag eine andere Rechnung auf: Angesichts drohender Zerstörungen und möglicher Todesfälle seien mehrere zehntausend Dollar pro Abfangaktion zu rechtfertigen. Zudem weist man bei Rafael gerne darauf hin, dass das neue System „smart und kosteneffizient“ reagiere.

          In Sekundenschnelle berechnen Radar und Computer die Flugbahn des feindlichen Geschosses. Fliegt es auf eine Stadt oder einen Armeestützpunkt zu, steigen sofort die Abfangraketen auf und zerstören es noch in der Luft - oder auch nicht, wenn die Katjuscha- oder Kassam-Rakete auf unbewohntes Gebiet zusteuert. Dieses neue Konzept ließ schon mögliche Kunden außerhalb Israels hellhörig werden. Laut Pressemeldungen verhandelt die indische Regierung mit Rafael über die Anschaffung von „Iron-Dome“-Batterien oder anderer Teile der neuen israelischen Raketenabwehr.

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