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Israel gegen Iran : Heimlicher Krieg mit „Gottes“ Hilfe

Wer steckt dahinter? Der Ort des Attentats auf den iranischen Atomwissenschaftler Ahmadi Roschan in Teheran Bild: dapd

Wieder ist ein iranischer Atomwissenschaftler ermordet worden, wieder beschuldigt Teheran sofort Israel. Nicht ohne Grund: Der Mossad schreckt vor kaum einer „Gegenmaßnahme“ zurück, um Irans Atomprogramm zu bremsen.

          Dieses Mal versuchte man es in Iran gar nicht mit anderen Erklärungen. Schon kurz nach der tödlichen Explosion hielt der Vizegouverneur der Provinz Teheran Israel vor, hinter dem Anschlag auf den Atomwissenschaftler Mostafa Ahmadi Roschan zu stecken. Das sei „das Werk der Zionisten“, war sich Safarli Bartalu sicher. Im Parlament riefen die Abgeordneten „Tod Israel“ und „Tod Amerika“.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          In Israel dominierte das Thema seit dem frühen Morgen die Nachrichten. Die sonst recht auskunftsfreudigen Regierungsmitglieder und Militärs hüllten sich jedoch in Schweigen. Bei Anfragen zu Geheimdienstaktionen lautet die Antwort traditionell: „Kein Kommentar“. Aber israelische Geheimdienstler und Politiker geben sich schon länger kaum noch Mühe, ihre Befriedigung über mysteriöse Todesfälle, Computerviren und ungeklärte Explosionen in iranischen Atomanlagen zu verbergen.

          Frühere Mitarbeiter des israelischen Auslandsgeheimdiensts Mossad erzählen stolz von ähnlichen Aktionen, mit denen die Agenten schon vor Jahrzehnten begonnen hatten: „Zorn Gottes“ nannten sie zum Beispiel ihre Jagd auf die palästinensischen Terroristen, die 1972 das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München verübt hatten. Es war deshalb kein Zufall, dass israelische Journalisten im vergangenen Dezember den früheren Mossad-Chef Dagan danach fragten, ob vielleicht „Gott“ bei der auffälligen Serie von „Unfällen“ rund um das iranische Atomprogramm seine Hand im Spiel gehabt haben könnte. Dagan antwortete mit „Ja“.

          Meir Dagan zeigt sich zufrieden

          Wegen der strikten Militärzensur muss die israelische Presse sonst meist auf „ausländische Medienberichte“ zurückgreifen. Kaum war jedoch Dagan vor einem Jahr in den Ruhestand gegangen, äußerte er sich ungewohnt deutlich. Beim iranischen Atomprogramm sei es wegen „Gegenmaßnahmen“ zu Verzögerungen gekommen, sagte Dagan zufrieden. Gleichzeitig gestand er aber ein, diese könnten die Iraner nicht stoppen, sondern nur bremsen.

          In Israel ist längst von einem heimlichen Krieg die Rede, um Teheran davon abzuhalten, eine eigene Atombombe zu bauen. „Er ist seit Jahren im Gang, aber nur ein schwaches Echo davon erreicht die Öffentlichkeit“, sagt Yossi Melman, der Geheimdienstfachmann der Zeitung „Haaretz“. Und der Druck auf Iran hat in letzter Zeit zugenommen. Vieles spreche dafür, dass auch Amerikaner, Briten und andere Dienste beteiligt seien, denn die Liste eigenartiger Vorfälle ist lang und die Geduld westlicher Regierungen nimmt ab. Auch wenn Washington derzeit keinen eigenen Angriff plane, habe die Regierung Obama damit begonnen, in Teheran auf einen Regimewechsel hinzuwirken, sagte am Dienstag der Nahostvermittler und frühere amerikanische Botschafter in Israel Martin Indyk in Jerusalem. Die jüngste Entscheidung, Sanktionen gegen die iranische Zentralbank in zu verhängen, sei ein deutliches Signal dafür.

          „Es sind mehrere Spieler beteiligt. Nicht nur Regierungen, sondern auch die iranische Opposition“, glaubt der frühere stellvertretende Mossad-Chef Ilan Mizrahi. Dabei bemühen sich israelische Agenten offenbar verstärkt um die Gegner des Mullah-Regimes. Nach Informationen der französischen Zeitung „Le Figaro“ versuchen sie besonders im Nordirak kurdische Regimegegner zu rekrutieren, die aus Iran dorthin geflohen sind. Deshalb könnten auch die Täter am Mittwoch aus den Reihen der Opposition stammen.

          Der frühere Mossad-Chef Meir Dagan

          Sie waren offensichtlich gut vorbereitet und ausgerüstet: Ein Motorradfahrer brachte am Peugeot des Opfers einen mit einem Magnet versehenen Sprengsatz an. Vizegouverneur Safarli Bartalu wies darauf hin, dass Attentäter schon früher eine ähnliche Vorgehensweise wählten. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Fars war der erst 32 Jahre alte Roschan in Natans für die Urananreicherung zuständig. Die iranische Atombehörde würdigte ihn als „Märtyrer“.

          Am 12. Januar 2010 war der Atomphysiker Massud Ali Mohammadi vor seinem Haus in Teheran getötet worden. Im November 2010 und im Juli 2011 folgten zwei weitere tödliche Attentate auf iranische Wissenschaftler, die an der Herstellung von Atomwaffen beteiligt gewesen sein sollen. Ein Iraner überlebte 2010 einen weiteren Attentatsversuch. Einen empfindlichen Verlust bedeutete auch die schwere Explosion auf einem Raketenstützpunkt in der Nähe von Teheran. Im vergangenen November kamen dabei der Chef des Raketenprogramms, General Hassan Moghaddam, und 16 weitere Soldaten um. Kurz darauf kam es angeblich in einer Nuklearanlage bei Isfahan zu einer Detonation, deren Schäden - im Unterschied zu dem Vorfall nahe der Hauptstadt - nicht auf Satellitenbildern zu erkennen waren. Im November vergangenen Jahres teilte zudem ein iranischer General mit, dass eine Attacke mit dem Computervirus „Duqu“ abgewehrt worden sei. Es soll dem Virus „Stuxnet“ gleichen. Mit den Cyberangriffen versuchten westliche Geheimdienste 2010, das iranische Anreicherungsprogramm zu sabotieren. Das bestätigten mittlerweile auch amerikanische Regierungsmitarbeiter.

          In Israel wurde am Mittwoch mit Nachdruck darauf hingewiesen, wie schnell iranische Regierungsvertreter ausländische Geheimdienste bezichtigten, Mostafa Ahmadi Roschan getötet zu haben. Das könnte bedeuten, dass eine Reaktion nicht auf sich warten lässt, befürchtet Uzi Rabi von der Universität Tel Aviv und erinnert an die jüngsten iranischen Drohungen im Persischen Golf. Denn Iran und seine Unterstützer blieben in dem heimlichen Krieg schon zuvor nicht untätig. Die iranischen Streitkräfte meldeten kurz vor Jahresende, ihnen sei es gelungen, ein unbemanntes amerikanisches Überwachungsflugzeug unbeschädigt vom Himmel zu holen.

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