https://www.faz.net/-gpf-qypg

Israel : „Erst Gaza, dann Jerusalem“

  • -Aktualisiert am

Niemand spricht von „Rückzug”, in Gaza heißt es „Vertreibung” Bild: AP

Der Unternehmer Dschamal Kleik näht in Gaza Tausende palästinensischer Fahnen und T-Shirts für die Siegesfeiern nach dem Abzug der Israelis. Die Menschen hier sind hin- und hergerissen zwischen Jubeln, Hoffen - und Bangen.

          3 Min.

          Dschamal Kleik sitzt an seinem leicht erhöhten Schreibtisch und schaut zufrieden auf die verschleierten Frauen herab, die konzentriert an ihren Nähmaschinen arbeiten. "Soviel Arbeit haben wir hier lange nicht gehabt. Und dabei haben die Israelis mit dem Abzug noch gar nicht begonnen", sagt er. Dschamal gehört der Fatah-Partei an und verdankt den plötzlichen Auftragsschub seinen guten Beziehungen zur Parteispitze. In seiner Kleinfabrik in Gaza-Stadt entstehen Tausende palästinensischer Fahnen und T-Shirts für die Siegesfeiern nach dem Abzug der Israelis. "Wir arbeiten Tag und Nacht", sagt Dschamal. Der Auftrag sei erst sehr spät erteilt worden. "Typisch" murmelt er. "Ein Kollege von mir näht bereits seit Wochen für die Hamas. Die sind einfach besser organisiert." 40.000 grüne Uniformen, 70.000 grüne Fahnen und 10.000 grüne Hüte soll die Hamas in Auftrag gegeben haben.

          "Die Fatah will jetzt dagegenhalten und den Rückzug als Erfolg ihrer Verhandlungstaktik verbuchen", sagt Dschamal. Das wird nicht leicht. Nach einer Umfrage glauben 94 Prozent der Palästinenser, der Rückzug sei der Intifada zu verdanken. Sowieso spricht in Gaza niemand vom "Rückzug" der Israelis, hier heißt das "Vertreibung". Der inoffizielle Führer der Hamas, Sheikh Hassan Jussef, hat das blumig auf den Punkt gebracht: "Palästinensisches Blut hat das mächtige Schwert der brutalen israelischen Besatzung besiegt." Der dahinterstehende Gedanke, daß mehr Blut noch mehr Siege bringen wird und nur anhaltender Terror den Weg zur Unabhängigkeit ebnet, sorgt bei der auf eine Verhandlungslösung setzenden Palästinenserregierung für Beunruhigung.

          Die Hoffnung ist ein rares Gut in Gaza

          Doch zunächst ist da die Hoffnung - bislang ein rares Gut in Gaza. Zwischen Betonhütten und Abwasserpfützen sprechen Menschen plötzlich über ausländische Investoren, von Arbeitsplätzen, neuen Fabriken, Hochhäusern, Tourismus - und manchmal, ja, manchmal gar von Freiheit. "Auf einmal haben wir wieder eine Zukunft", sagt Mohammed Swilam, ein Fischer aus Gaza-Stadt dessen Boot seit drei Jahren in einem Schuppen trockenliegt. "Die Israelis lassen uns aus Sicherheitsgründen nur zweihundert Meter aufs Meer hinausfahren", erzählt er. Doch da gäbe es nichts zu fangen, da könne er gleich zu Hause bleiben. Und wer sorgt für seine Frau und neun Kinder?

          Palästinensische Sicherheitsleute bei einem Training in Gaza
          Palästinensische Sicherheitsleute bei einem Training in Gaza : Bild: dpa/dpaweb

          Mohammed schnippt mit den Fingern und schaut gen Himmel: "Gott der Allmächtige", sagt er. "Und Kofi Annan." Drei Viertel der 1,4 Millionen im Gazastreifen lebenden Palästinenser sind Flüchtlinge, viele von ihnen werden vom UN-Flüchtlingswerk mit dem Nötigsten versorgt. Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze von zwei Dollar pro Tag, die Arbeitslosigkeit liegt zwischen 40 und 60 Prozent. Jedes Jahr wächst die Bevölkerung um vier Prozent, eine Frau bringt im Schnitt 7,6 Kinder zur Welt. Schon jetzt ist der 360 Quadratkilometer kleine Streifen eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt.

          Keine Verbindung ins Westjordanland

          Wie Gaza nach dem Abzug der Israelis auf die Beine kommen soll, ist vielen rätselhaft. Mohammed Swilam wird mit dem Verkauf seiner Sardinen vielleicht ein bescheidenes Auskommen fristen, und das Obst auf den Eselskarren der Händler am Abu Holi Checkpoint muß nicht mehr stundenlang in der Sonne gammeln. Doch Gaza hat kaum Industrie. Und selbst wenn sich das aufgrund großzügiger Investitionen änderte, bliebe der Export der Waren ein Problem. Israel hat zwar den Bau eines Hafens erlaubt, der Flughafen soll aber aus Sicherheitsgründen geschlossen bleiben. Eine Bus- oder Zugverbindung ins Westjordanland gibt es nicht, und es ist unwahrscheinlich, daß Israel seine Grenzen in naher Zukunft für Arbeiter aus Gaza öffnen wird. In der Palästinenserbehörde setzen viele auf den Tourismus.

          Die wunderbaren Sandstrände, bisher den Siedlern vorbehalten, könnten auch ausländischen Gästen gefallen, hofft man. Doch wer im fernen Ramallah mit solchen Gedanken spielt, hat die Rechnung ohne die islamistische Hamas gemacht. Der Gedanke an spärlich bekleidete Frauen und gemischte Strände treibt die Hüter der Moral auf die Barrikaden. Auch Mohammed Swilam hält derlei für inakzeptabel. "Wir sind einfache Menschen, aber gläubige Muslime. Die Gesetze der Religion sind heilig." Zudem wisse die Hamas schon am besten, was gut für Gaza sei. "Die Palästinenserbehörde hat sich nie um uns gekümmert." Daher werde er auch der ersten "Befreiungsfeier" fernbleiben.

          „Die Segel setzten Richtung Freiheit“

          Dschamal Kleik hingegen ist gekommen, schon um seine genähten Fahnen im Einsatz zu bewundern. "Die Segel setzen Richtung Freiheit", lautet das Motto der Kundgebung im Hafen von Gaza-Stadt, an der zahlreiche Fischer teilnehmen. Auf ihren Booten schwenken sie palästinensische Flaggen, am Festland feuern junge Männer Gewehrsalven in die Luft. Einige Kinder tanzen um eine brennende israelische Fahne. "Auf nach Al-Quds", skandieren sie begeistert. Als Machmud Abbas kurz das Mikrofon ergreift, ebbt der Lärm für einen Moment ab. Abbas ist noch immer kein Arafat, hat in freier Rede aber Fortschritte gemacht. "Heute Gaza, morgen Dschenin und schließlich Jerusalem", gibt er eine Parole vor, welche die Menge dankbar aufgreift. Dann ergreift Mohammed Dahlan das Wort. Vom "Zeitalter der Einheit" redet er, vom "Ende der Bruderkämpfe und Meinungsverschiedenheiten". Natürlich weiß jeder, daß Dahlan auf die Hamas anspielt, als er sagt, er wolle bei den Feierlichkeiten "ausschließlich palästinensische Fahnen sehen".

          Die Hamas hatte ihre Antwort schon vorbereitet: Am selben Tag durften geladene Kameramänner Hamas-Aktivisten beim Training zur Siedlungsstürmung filmen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Können steigende Rohstoffpreise dazu führen, dass Händler einige Produkte aus ihrem Sortiment streichen?

          Billig einkaufen im Supermarkt : Kampf um jeden Preis

          Händler und Hersteller streiten über die Preise im Lebensmittelhandel. Die könnten im Supermarkt weiter steigen. Die Folgen zeigen sich für den Verbraucher aber auch schon heute: Einige Produkte verschwinden aus den Regalen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.