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Israel : „Dudu“ sieht sich als Opfer der Justiz

Zu 18 Monaten Gefängnis wegen Vergewaltigung verurteilten die Richter Sabar Kaschur Bild: dpa

Ein israelischer Araber ist wegen Vergewaltigung zu 18 Monaten Haft verurteilt worden, weil er seiner jüdischen Freundin vorgetäuscht hatte, er sei Jude - und obwohl der Geschlechtsakt einvernehmlich geschah, wie er beteuert. Manche Medien wittern nun Rassismus.

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          Die junge Frau habe ihn auf der Straße auf sein Motorrad angesprochen. Bald hätten beide festgestellt, dass ihr Interesse aneinander weiter reichte, und sie schliefen miteinander - in gegenseitigem Einverständnis, erinnert sich Sabar Kaschur. Den verheirateten Vater zweier kleiner Kinder aus Ostjerusalem hat ein israelisches Gericht deshalb wegen Vergewaltigung zu 18 Monaten Haft verurteilt. Seitdem wird in Israel darüber gestritten, ob Rassismus bei dem Urteil eine Rolle gespielt hat. „Wäre ich jüdisch, hätten sie (die Polizei) mich nicht einmal zu den Vorwürfen vernommen. Das war keine Vergewaltigung. Sie war mit allem einverstanden“, sagte der arabische Kurierfahrer, der nach dem Vorfall im September vor zwei Jahren unter Hausarrest gestellt wurde, der Zeitung „Haaretz“.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Richter Zvi Segal sah das jedoch anders. Es sei die Aufgabe des Gerichts, die Öffentlichkeit vor „raffinierten Kriminellen“ zu schützen, die naive Unschuldige „mit sanften Schmeicheleien“ dazu brächten, die „Unantastbarkeit ihrer Körper und Seelen“ zu verletzen. Mit seinem Vornamen Dudu hatte sich der Araber vorgestellt; so nenne ihn auch seine Ehefrau, sagte der korpulente Dreißigjährige später. Diesen Spitznamen tragen gewöhnlich jüdische Israelis. Auch Palästinenser legen sich jedoch manchmal hebräische Spitznamen zu. Kaschur verschwieg aber seiner neuen Bekanntschaft den Rest. Er gab sich offenbar als lediger Jude aus, der eine ernsthafte Liebesbeziehung eingehen wolle. Die junge Frau hätte nie eingewilligt, dem Mann näherzukommen, hätte sie die ganze Wahrheit über ihn gewusst, begründete das Gericht das Urteil.

          Eine bessere Wohnung und Sozialleistungen versprochen

          Richter Segal orientierte sich dabei an einem Urteil des Obersten Gerichts in einem ähnlichen Fall. Vor zwei Jahren hatte es den Antrag auf Berufung eines Israelis zurückgewiesen, der ebenfalls wegen Vergewaltigung verurteilt worden war. Er hatte sich als Beamter des Wohnungsbauministeriums ausgegeben und zudem behauptet, seine Ehefrau arbeite bei der Sozialversicherung. Den Frauen, die mit ihm ins Bett gingen, hatte er versprochen, ihnen eine bessere Wohnung oder höhere Sozialleistungen zu verschaffen.

          Nach Ansicht des Obersten Gerichts handelt es sich auch dann um eine Vergewaltigung, wenn ein Mann in wichtigen Fragen einer „vernünftigen Frau“ nicht alles sage und sie auf der Grundlage dieser falschen Angaben dann Geschlechtsverkehr mit ihm habe. Israelische Opferorganisationen begrüßten damals die höchstrichterliche Klarstellung und hielten daher auch das jüngste Urteil für angemessen. Es sei gleichgültig, ob sich ein Araber als Jude oder ein armer Mann als Pilot ausgebe, wenn das wesentlich für die Entscheidung sei, Sex zu haben, teilte etwa das Noga-Zentrum für Verbrechensopfer mit.

          Der „unangenehme Geruch von Rassenreinheit“

          Für Elkana Laist vom israelischen Büro der Pflichtverteidiger ging jedoch der Richter im Fall Kaschur zu weit. Wenn man es mit den angewendeten Kriterien übertreibe, würde das bedeuten, „dass jedes Mal, wenn ein Mann einer Frau sagt, dass er sie liebe und sie deshalb mit ihm schläft, er dann der Vergewaltigung überführt wird“. Nicht nur arabische Kommentatoren empören sich seit Tagen auch aus politischen Gründen über das Urteil. Wäre Ähnliches geschehen, wenn ein jüdischer Dudu sich als Araber ausgegeben hätte, um mit einer arabischen Frau zu schlafen, fragten sich manche.

          Ein Meinungsbeitrag in „Haaretz“ hält den Richtern vor, offenbar nicht gemerkt zu haben, dass ihr Urteil den „unangenehmen Geruch von Rassenreinheit“ verbreite. Arabische Täter bekämen oft gnadenlos die volle Härte des Gesetzes zu spüren, kritisierte am Freitag die Zeitung „Jediot Ahronot“. Die eigene Herkunft entscheide immer wieder stärker über ihr Schicksal als die Tat, die sie eigentlich begingen. Wenn das so weitergehe, „wird Arabern bald vorgeschrieben, einen Ausweis vorzulegen, bevor sie mit jemandem schlafen“, befürchtet der Kommentator.

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