https://www.faz.net/-gpf-qvt4

Israel : Das Los ewiger Nachbarschaft

  • -Aktualisiert am

Ein Junge aus der jüdischen Siedlung Neve Dekalim Bild: REUTERS

Offene Grenzen oder nur ein größeres Gefängnis? Der israelische Abzug aus Gaza bedeutet für die palästinensische Führung nicht das Ende ihrer Probleme. Auch unter den Palästinensern gibt es Spannungen.

          3 Min.

          In den Straßen von Gaza herrscht weiter Begeisterung. Dabei sehen die Palästinenser dort nichts von dem Abzug, der einige Kilometer von ihnen entfernt im Norden der Stadt in den drei Siedlungen Nisanit, Dugit und Eli Sinai beginnt und bald Netzarim erreichen wird. Soldaten bauten schon den stählernen Beobachtungsturm in Netzarim ab, lautet ein Gerücht. Der Rundfunk meldet, daß die Soldaten in Netzarim packen - in diesen Tagen hören die meisten Palästinenser mehr israelische als palästinensische Sender.

          Mehr als dreißig Jahre durfte Abdul Traz nicht zu den „Gärten seiner Väter“, wie er sagt, weil sich Israel das „Staatsland“ von Netzarim hinter den Dünen südlich von Gaza aneignete. „Wenn die Siedler weg sind, werde ich wieder Orangen und Oliven ernten“, hofft der alte Mann, der durch den Verkauf anderer Ländereien - anders als die Mehrheit im Gazastreifen - nicht unter Armut litt. Er habe Land in unmittelbarer Nähe der Siedlung schon vor Jahren erworben, „als es noch günstig war“. Zuletzt stiegen die Grundstückspreise, bis die Autonomiebehörde offenbar verbot, Land zu verkaufen.

          Unter grünen Fahnen ziehen am Montag die islamistischen Gruppen durch die Straßen Gazas. Am Sonntag waren es die Fatah-Anhänger, die dort jubelten. Vor wenigen Wochen hatte noch die grüne Flagge des Propheten das Straßenbild dominiert. Zuvor hatten Hamas und Islamischer Dschihad die Kommunalwahlen gewonnen. Mittlerweile scheint sich die Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas von ihrem Schreck über diese Niederlage erholt zu haben und bereitet schon die nächsten Wahlen vor: Am 21. Januar 2006 soll der Autonomierat gewählt werden, wie ein Sprecher am Montag mitteilte.

          „Kommt als Touristen zurück und als Gäste“

          Islamisten und Fatah wollen nun - jeder für sich - den Abzug der Israelis als eigenen Erfolg feiern. Hamas hatte früher damit begonnen, Fahnen für die Jubelfeiern zu nähen. Der Sprecher der Organisation, Zaid Ziam, verspricht, daß Hamas den Abzug nicht stören werde. „Wir wollen eine nationale Hochzeit und keine nationale Katastrophe.“ Vor kurzem störten jedoch bewaffnete Hamas-Mitglieder ein Fatah-Treffen, das die eigenen Abzugsfeiern vorbereiten sollte. Hamas wollte sich nicht ausgrenzen lassen.

          „Natürlich wollen die Islamisten zeigen, was sie können“, sagt der von Abbas eingesetzte Fatah-Beauftragte in Gaza, Frangi, der zugleich Repräsentant der PLO in Berlin ist. Nach seiner Ansicht wird es aber nicht so weit kommen, „daß sie das Heft in die Hand bekommen oder gar die geräumten Siedlungen übernehmen. Das verhindern wir, aber auch die Ägypter.“ Hamas könne zwar politischen Druck ausüben, aber keine militärische Gewalt, sagt er. Diesen Eindruck aber will Hamas offenbar vermitteln: Sie lud am Wochenende Journalisten zu einer Abschlußfeier der „Rekruten“ ihrer „Volksarmee“ ein und schickte martialische Bilder per Internet in alle Welt. Während in der Vergangenheit allein Fatah Öffentlichkeitsarbeit betrieb, wendet sich nun auch Hamas an die Presse.

          „Verlaßt unser Land in Frieden. Kommt als Touristen zurück und als Gäste, dann empfangen wir euch mit Respekt. Aber kommt nie als Siedler wieder“, sagte Abbas in einem Interview mit der israelischen Zeitung „Yediot Ahronot“, das am Montag erschien. „Wir lösen uns voneinander, aber wir trennen uns nicht.“ Es sei das palästinensische Los, mit den Israelis als Nachbarn leben zu müssen, sagte Abbas, der optimistisch in die Zukunft blickt. „Der Gazastreifen wird ganz anders werden als der der Zerstörung und Verheerung während der Besatzungszeit“, sagte er. Es komme keineswegs zu einem Bürgerkrieg.

          „Richtige Freude über den Abzug kommt nicht auf“

          Fatah-Funktionär Frangi äußert sich zu dieser Frage eher „verhalten“. Auch er sieht wirtschaftliche Chancen und baut auf ein Erstarken der Zivilgesellschaft. „Aber richtige Freude kommt bei mir über den Abzug nicht auf“, sagt er. Es sei schließlich ein Abzug, den die Israelis einseitig beschlossen und jetzt einseitig ausgeführt hätten. Es gebe zwar Gespräche und Koordination, „aber Israel sieht uns weiter nicht als Partner, sondern als Durchführungsorgan“. Noch immer sei unklar, ob Israel offene Grenzen zulassen werde oder den Gazastreifen nur als größeres Gefängnis hinterlasse.

          Unklar ist auch, welche Regelung für den Grenzübergang bei Rafah gefunden wird, der Ägypten mit dem Gazastreifen verbindet und der bisher von den Israelis kontrolliert wurde. Wenn die Israelis die gesamte Region - einschließlich „Philadelphi-Road“, des Streifens zwischen Südgaza und Ägypten - verlassen wollen, dann müßten sie auch Rafah aufgeben. Das schlugen sie letzthin den Palästinensern und dem internationalen „Nahost-Quartett“ vor.

          Die Palästinenser wollen zwar den Abzug, aber sie wollen zugleich die Steuer- und Zolleinheit mit Israel aus dem „Pariser Protokoll“ von 1995 beibehalten. Ägypten will keine Veränderungen, denn Kairo stellte erst vor einigen Jahren ein neues Terminal bei Rafah fertig. Es laufe auf einen Kompromiß hinaus, sagt der Wirtschaftsberater Salah Abdel Schafi in Gaza: „Die Personen werden am alten Terminal ohne israelische Einmischung abgefertigt, die Waren aber an einem neuen Terminal bei Kerem Schalom vom israelischen Zoll.“ Ein letztes Treffen zwischen Verteidigungsminister Mofaz und dem palästinensischen Innenminister Yousef endete am Sonntag abend „ohne Ergebnis“.

          Weitere Themen

          Cyberangriff oder Inkompetenz?

          Oppositionsvorwahl in Ungarn : Cyberangriff oder Inkompetenz?

          Die ungarische Opposition will Ministerpräsident Orbán in Bedrängnis bringen, indem sie gemeinsame Kandidaten aufstellt. Doch die Vorwahlen werden von einem Internet-Absturz überschattet. Steckt China dahinter?

          Topmeldungen

          Mitarbeiter einer lokalen Wahlkommission leeren am Sonntag eine Wahlurne in einem Wahllokal in Moskau.

          Duma-Wahl : Ließ Putin mit E-Voting das Wahlergebnis fälschen?

          Einiges Russland ist laut offiziellen Zahlen der klare Sieger der Duma-Wahl. Doch die Auszählung der online abgegebenen Stimmen deutet auf Betrug hin. Die Opposition spricht von „irrwitzigen Ergebnissen“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.