https://www.faz.net/-gpf-uu5c

Israel : 4500 Raketenangriffe in sechs Jahren

  • -Aktualisiert am

In jedem Augenblick kann irgendwo in der Stadt eine Rakete einschlagen Bild: AFP

Die Einwohner von Sderot haben Angst und fühlen sich von der israelischen Regierung alleine gelassen. In den vergangenen Jahren schlugen 4500 Raketen in oder bei ihrer Stadt ein. Doch noch nicht einmal genügende Schutzbunker sind gebaut worden.

          3 Min.

          Offiziell hat man 15 Sekunden, um sich in einen Schutzraum zu begeben, wenn die Sirene schrillt. Das behauptet zumindest die Armee. „Unsinn!“, hält Aviva Duvdan dagegen. „Ich bin froh, wenn ich bis drei zählen kann, bevor es irgendwo knallt.“

          Vollkommen unnütz sei das für teures Geld in Sderot installierte Raketenwarnsystem, sagt sie. „Vor den Kassem-Raketen kann man uns gar nicht warnen. Die sind ja gar nicht lang genug in der Luft. Das ist, wie wenn man dem Nachbarn über den Zaun spuckt.“ Dann zeigt sie mit dem Finger Richtung Gaza, wo sich der Zaun befindet, hinter dem seit einigen Tagen radikale Palästinenser täglich mehrere Dutzend Raketen auf die israelische Kleinstadt abfeuern.

          „Eher ein Lottogewinn“

          Nicht mehr als fünf Kilometer Luftlinie sind es, eine halbe Minute brauchen die Raketen für die Entfernung. Die in Heimarbeit gefertigten Geschosse fliegen tief, lassen sich deshalb nicht abfangen und richten wenig ernsten Schaden an. „Eine Kassem muss man schon auf den Kopf kriegen, um getötet zu werden“, sagt Duvdan.

          Die Geschosse türmen sich zu Stapeln auf
          Die Geschosse türmen sich zu Stapeln auf : Bild: AFP

          Ihr Sohn habe ihr einmal vorgerechnet, dass die Chance, im Lotto zu gewinnen, höher sei, als von einer Kassem-Rakete getötet zu werden. Doch Aviva ist nicht überzeugt. „Menschen gewinnen doch jede Woche im Lotto“, gibt sie zu bedenken. Und auch in Sderot haben die Raketen schon Todesopfer gefordert. So herrscht in der sonst so betulichen Stadt in diesen Tagen Angst.

          „Nicht genug bombensichere Klassenzimmer“

          „Bei jedem Alarm fangen die Kinder an zu schreien“, sagt eine andere Frau auf der Straße. Sie sieht müde aus, trägt einige Plastiktüten mit Lebensmitteln nach Hause. „Wir schlafen jetzt zu fünft in unserem Ehebett, wenn wir überhaupt schlafen.“ Tagsüber seien die Kinder dann zu Hause, weil die Schule ausfalle. „Sie haben es in fünf Jahren nicht fertiggebracht, in allen Schulen genug bombensichere Klassenzimmer zu bauen“, beschwert sie sich. Die Menschen in Sderot haben nicht nur Angst, sie sind auch wütend. Sie fühlen sich vom Staat allein gelassen.

          Nicht nur, dass es der Armee nicht gelingt, die Raketenbedrohung zu beenden oder zumindest einzudämmen. Nach 4500 Kassem-Angriffen in sechs Jahren ist die Stadt auf die Angriffe immer noch nicht angemessen vorbereitet. Von den 58 Schutzbunkern sind nur 23 einsatzfähig, und selbst die sind nicht für einen längeren Aufenthalt gerüstet.

          „Das ist Olmert doch scheißegal“

          Verschiedene Vorschläge, die Wohnhäuser der Stadt bombensicher auszubauen, wurden aus Kostengründen bisher nicht verwirklicht. Nicht einmal die finanziellen Vorteile einer Stadt mit „Frontstatus“ wurden den Bewohnern bisher gewährt. „Das ist Olmert doch scheißegal, was mit uns passiert, das interessiert niemanden in der Regierung“, beschwert sich Moshe, der mit einigen Freunden in einem heruntergekommenen Café sitzt. Nicht einmal Amir Peretz tue etwas - und der Verteidigungsminister sei immerhin sein Nachbar.

          Man müsse es den Palästinensern mal richtig zeigen, sie „in Grund und Boden“ bombardieren, schlägt Moshe vor. „Glaubt mir, dann wird Ruhe herrschen“, sagt er, und seine Freunde stimmen zu. Solch radikale Vorschläge hört man in der Stadt oft. Selbst Bürgermeister Eli Moyal fordert in Talkshows immer mal wieder die rücksichtslose Bombardierung der Zivilbevölkerung von Gaza.

          „Ich will hier nur noch weg“

          So versuchen Ministerpräsident Olmert und Verteidigungsminister Peretz mit den jetzt angeordneten Luftangriffen auch den Volkszorn zu befriedigen. Aber Moshe und seine Freunde glauben nicht wirklich, dass die jüngsten Militäraktionen den Beschuss merklich eindämmen werden. „Ich will hier nur noch weg“, sagt Moshe. Seine Frau und die Kinder hätten die Stadt schon verlassen, „auf Kosten von Gaydamak“.

          Der undurchsichtige Milliardär mit der kriminellen Vergangenheit hatte schon im Libanonkrieg auf eigene Kosten zwei Zeltstädte für Flüchtlinge aus dem Norden errichten lassen. Jetzt zahlte er 1600 Einwohnern von Sderot einen mehrtägigen Urlaub in einem Hotel in Beer Scheba. Da wollte die Regierung sich nicht lumpen lassen und spendierte ebenfalls einigen hundert Bewohnern „Ferien“ vom Raketenbeschuss. Eine „Räumung“ der Stadt sei das aber keinesfalls, stellte eine Regierungssprecherin klar.

          Eine Lösung stellen die kostenlosen Ferientage aber wohl nicht dar - Moshes Familie soll schon am Samstag wieder zurückkehren. „Und was soll sich bis dahin geändert haben?“, fragt der frustriert. Er selbst habe nicht weggekonnt. „Ich muss ja arbeiten.“

          Teure Arbeitsunterbrechungen

          Nicht alle zeigen eine solche Arbeitsmoral. 65 Millionen Schekel (12,2 Millionen Euro) Einbußen hätten die Raketenangriffe in den vergangenen Tagen verursacht, sagt der Vorsitzende der israelischen Industriegesellschaft. Da viele Arbeiter mit ihren Familien die Stadt verlassen haben, könnten die Fabriken nur auf Sparflamme produzieren. „Mit den dauernden Unterbrechungen der Sirene kann sowieso kein Mensch arbeiten“, bestätigt einer, der sich Dudu nennt und bei der Stadtverwaltung arbeitet.

          Die Männer im Café bestellen gerade noch eine Runde Kaffee, als plötzlich die Sirene schrillt. „Schnell ins Treppenhaus“, sagt einer. Kaum sind sie aufgestanden, ist auch schon der Einschlag zu hören. Anstatt ins Treppenhaus rennen sie nun ins Freie, um den Schaden zu begutachten. Aber die Rakete ist in einem Feld außerhalb der Stadt eingeschlagen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.